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Hans-Günter Marcieniec
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16.


 

Ortsbestimmung:
Wo ist mein Ort in einem Verhältnis, das vor mehr als 30 Jahren als Lehrer-Schüler-Verhältnis begann – und nach und trotz dessen Beendigung vor nun 30 Jahren bis heute fortbesteht?

Eine geplante, aber nicht gehaltene Rede anläßlich des 30. Jubiläums eines Abiturs

Alsfeld 1998

[Eine vor den ehemaligen Schülerinnen und Schülern des Abitur-Jahrgangs 1968 aus Anlaß ihres 30-jährigen Abitur-Jubiläums am 20. Juni 1998 im Hotel Klingelhöffer in Alsfeld zwar geplante, aber wegen ungünstiger Umstände nicht gehaltene Rede]

Meine sehr geehrten Damen und Herren –

oder für den Fall, Sie fühlten sich durch diese Anrede jetzt irritiert - und Sie wollten mir den Ton nachsehen, der trotz der zwar längst abgelebten Verhältnisse in unserer gemeinsamen Vergangenheit vielleicht zu verzeihen ist, -

liebe gegenwärtige Ehemalige!

Zwar nur Gast     -und das direkt auch nur bei einem Teil der hier Anwesenden-     und mit keinem Vorrecht als höchstens demjenigen des Gastrechts ausgestattet, ergreife ich, selbiges kurz entschlossen nutzend, vor Ihnen das Wort. Und habe dabei die Kühnheit (manche mögen’s Unverfrorenheit nennen), einfach vorauszusetzen, daß Sie beim verständlichen Hang, auf einem Treffen wie diesem: nach 30 Jahren! - hier nichts als Mensch zu sein und das ungehindert sein zu dürfen, daß Sie trotz alledem für einige Worte der Besinnlichkeit aufgeschlossen sein - und diese zu tolerieren bereit sein dürften. Keinesfalls beabsichtige ich, Ihnen damit die gute Laune und die Lust am Feiern zu verderben, zumal Sie ja deren Wogen, sobald ich meine Ansprache beendet haben werde, wieder über sich und mir zusammenschlagen lassen können, so daß bereits 5 Minuten später jedes Anzeichen von dieser unpassenden Störung wieder geglättet sein dürfte.

Lange bin ich mit mir zu Rate gegangen: soll ich - oder soll ich nicht? Ja - darf ich? Darf ich es mir anmaßen, hier und heute zu sprechen? In einer Versammlung von ehemaligen Schülern, die vor 30 Jahren , wie man zu sagen pflegt: ihr Abitur ‘machten’. Und die, nicht alle, aber viele von ihnen, sich vielleicht seitdem zum ersten Male wieder begegnen. Oder, wenn nicht zum ersten Male, dann doch erst seit längerem wieder einmal? Aber - ich bin ja nun einmal da. Noch da. Freundlich eingeladen - und gerne gekommen. Und gehöre ja doch eigentlich nicht so richtig dazu. Ein, wenn auch ehemaliger - und damit gewissermaßen entschärfter, aber deshalb auch nutz- und sinnlos gewordener Lehrkörper. Und auch ohne das zwar etwas alberne, aber deshalb nicht etwa selten oder ungern gebrauchte Wortspiel ‘Lehr'- und "Leer"-Körper zu strapazieren: irgendwie und -warum bleibt man halt doch ein Fremd-Körper. Geschieden von der Mehrheit der hier Anwesenden nicht nur durch das Lebensalter, sondern durch einen in der Vergangenheit     -und das hoffentlich!-     vorhanden gewesenen und in den Unterbewußseinen verinnerlichten und konservierten -Vorsprung. Der sich zwar realiter längst relativiert hat, aber gleichwohl immer noch fortwirkt - und einem als ehemaligem Lehrer weiter anhängt. Und der     -da eine Folge des eingefleischten Bedürfnisses nach Sicherheit und Überblickbarkeit der weltlichen Lebensordnung-      im allgemeinen auch nicht durch solche      -für mich meist unvernünftigen-      quasi-pädagogischen Verzweiflungsmaßnahmen , wie das Angebot des ‘Du’, aus der Welt zu schaffen ist bzw. nicht zu schaffen versucht werden sollte. Ist doch die vorschnelle Duzerei zwar nicht immer, aber oft nichts anderes als das übereilte Zukleistern von Problemen, vor deren aufwendigerer Bewältigungsarbeit man sich scheut. Wie ja überhaupt die Neigung, es sich vordergründig leicht zu machen, unter den Menschen, zumal wieder in unserer Zeit, sehr verbreitet ist. Die einzig ernsthafte Methode dagegen ist auch hier: das Gegebene zu akzeptieren - und mit ihm menschlich würdig, also verantwortlich umzugehen.

Und mit diesem Stichwort komme ich nun zum Versuch, das, was ich heute sagen möchte, thematisch zu umreißen. Etwa so: Die durchaus zwiespältigen Empfindungen eines ehemaligen Lehrers als Gast bei einer Abitur-Jubiläumsfeier - und der Versuch, einen Standort zu gewinnen, von dem aus es möglich sein könnte, ohne Verlust der Selbstwerte und Identitäten aller Beteiligten sinnvoll und vernünftig damit umzugehen. Oder einfacher: Wo ist mein Ort in einem Verhältnis, das vor mehr als 30 Jahren als Lehrer-Schüler-Verhältnis begann - und nach und trotz dessen Beendigung vor nun 30 Jahren bis heute fortbesteht?

Eine ganze Reihe jener Lehrer, die zu Ihrer Zeit wirkten und/oder die Ihren waren, haben dieses irdische Leben bereits beendet. Ihnen gelte ein gutes, ein verdientes Angedenken. Andere Ihrer ehemaligen Lehrer sind inzwischen alt bis sehr alt. Wieder andere, wie z. B. auch ich, fast alt, manche dazu behindert. Und selbst die zu Ihrer Schulzeit jüngsten sind längst gestandene Männer und Frauen, von der Vielfalt irdischer Schicksale ge- und betroffen und geprägt. Ja - und das gilt inzwischen auch für Sie selbst. Ihre Kinder z. B. sind, zumindest einige von ihnen, heute bereits dort, wo Sie selber vor 30 Jahren vergleichsweise noch nicht einmal waren. Kurzum: es dürfte niemanden unter den Anwesenden geben, der nicht die Schönheit und Faszination, aber eben auch die Fragwürdigkeit und Fragilität dieses irdischen Lebens an sich selbst, mehr oder weniger, erlebt und erfahren hätte. Das aber nun vereint uns als Menschen. Und zwar unabhängig von den Lebensaltern - und auch von den um der Geordnetheit und Lebenssicherheit willen erforderlichen und wohl unverzichtbaren gesellschaftlichen Positionen. Das alles ist zwar das, was uns als das allen Menschen Gemeinsame verbindet - doch löst sich in ihm das zwischen uns einst begonnene und bestehende Verhältnis nicht auf. Ich vermag als ehemaliger Lehrer meine besondere Befindlichkeit in diesem Verhältnis weder zu ignorieren noch wegzulügen - ebensowenig wie Sie die Ihre als ehemalige Schüler. Und so bekenne ich mich denn als der, der ich zu Ihren Schülerzeiten war - und der ich, obschon inzwischen längst außer Dienst, beinahe alt und behindert, - der ich wohl auch heute     -trotz allen Wandels und aller Veränderungen-      der ich wohl auch heute noch bin: ich spreche als Lehrer. Lehrer zu sein     -so jedenfalls mein Selbstverständnis davon, das ich gern jeder Diskussion aussetze-     Lehrer zu sein heißt für mich: bei aller notwendiger und fachlich möglichst hochwertiger Vermittlungsarbeit auf geordnete Weise - der andauernde, stets wieder neu zu unternehmende Versuch, Mensch zu sein. Zwar nicht einer, der sich in der Schule als wie in einer Suhle wohlfühlte (ein kleines Wortspiel unter Bezug auf Goethes Faust, Teil I: "Uns ist ganz kannibalisch wohl, als wie fünfhundert Säuen!"). Denn: sich sogar in der Schule wie in einer Suhle wohlzufühlen, ob man’s glauben möchte oder nicht - selbst so etwas gibt es. Doch da, in die Suhle, da gehört     -grundsätzlich und im passenden Zusammenhang nichts, rein gar nichts gegen sie-     aber in die Suhle, da gehört die Sau hin! (Das Tief- und Hintersinnige dieses Vergleichs: Faust erlebte diese Bezugsszene unter der Regie Mephistos!) Bestehende Probleme mit einem Saufgelage vermeintlich und scheinbar zu lösen - ist eben keine Lösung, sondern des Teufels. Der Verzicht auf die Klarheit der Vernunft ist der Weg, der den Menschen in die Irre führt. "Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft - so hab’ ich dich schon unbedingt", läßt Goethe den Mephisto hände- bzw. klauenreibend mit Bezug auf Faust sagen.

Lehrer zu sein also heißt für mich: der dauernd zu erneuernde Versuch, Mensch zu sein. Und zwar der Mensch, dem die Gabe verliehen ward      -wo auch immer die herkommen mag-     frei zur Verantwortung sein zu können. (Um das zu sein und zu werden - dazu verhelfen auch gegenwärtige politische Parteien kaum. Wozu sie wohl auch nicht da sind. Womit      -wieder einmal-     auf ihre im GG festgeschriebene, zwar wichtige, aber sehr beschränkte Aufgabe für die Entwicklung unseres Menschseins verwiesen wäre.)

Lehrer ist man also nicht nur in einer gesellschaftlichen Funktion, sondern in Form einer menschlichen Existenzweise - und somit nicht nur für die Zeit der sog. beruflichen Tätigkeit, sondern      -ich bitte um Verständnis und Nachsicht für die unzeitgemäße Denk- und Ausdrucksweise-     sondern fürs ganze Leben.

Das aber wiederum heißt und bedeutet: sich verantwortlich zu fühlen nicht nur für sich selber, sondern auch für andere, und zwar weniger gleich für die gesamte Menschheit     -eine meist zwar publikumswirksame, aber eigentlich billige Ausfluchtform, die wenig bis nichts kostet,-      als vielmehr vorzugsweise für solche, die man kennen und schätzen gelernt hat. Ihnen gegenüber fühle ich mich verpflichtet, auch wenn sie mir so fern und entzogen leben, daß ich sie vielleicht nur alle paar Jahre mal sehe. Bevor ich aber nun in Gefahr gerate, mit der Verhaltensweise, die hinter diesem Bekenntnis steht, als lästig und aufdringlich oder protzig mißverstanden zu werden, möchte ich diese Art des Sich-Verpflichtetfühlens erläutern.

Menschen, die ich z. B. jahrelang im Verhältnis des täglichen Umgangs mit ihnen ‘kennengelernt’ habe - solche Menschen gingen mich nicht nur, sie gehen mich etwas an. Was aber bedeutet denn nun die sprachliche Formel ‘kennen lernen’? Im ‘lernen’ steckt mehr, als das im bloßen ‘kennen’ der Fall ist. ‘Kennen’ ist das Faktitivum, also das sog. Bewirkungswort, zum Verb ‘können’. Ich kann etwas dann, wenn ich es kenne. Dahinter steckt die schlichte Wahrheit, daß man nur dann etwas Bestimmtes zu vollbringen vermag, wenn man die Grundlagen, die dafür nötig sind, kennt, wenn man über die Sache, die man tun, die man bewirken will, Bescheid weiß. So kann man z. B. von niemandem erwarten, er könne einen Tisch bauen, wenn er nicht weiß, was ein Tisch überhaupt ist, welche Konstruktionsmerkmale ein Konstrukt aufweisen muß, um ein Tisch zu sein (als da wären: eine waagerechte oder doch annähernd waagerechte Platte, senkrechte Stützen oder Beine oder, ersatzweise, Halterungen, die der Platte eine bestimmte, dem mit dem Tisch beabsichtigten Zweck angemessene Höhe     -z. B. passend zur Sitzhöhe-     geben - und der ganzen Konstruktion zugleich einen sicheren Stand garantieren etc., etc., und welche Materialien sich am besten zur Herstellung eines Tisches eignen, mit welchem Handwerkzeug und wie man mit diesem die Materialien am besten bearbeitet etc., etc., etc. ....).

Die Grundbedeutung von ‘kennen’ ist also ‘wissen von’.

Solche Aneignung von Kenntnissen ist nur in der Zeit möglich. Es genügt im Regelfalle keine einmalige kurze Begegnung. Was aber längere Zeit in Anspruch nimmt, um gekannt zu werden, das nimmt auch eine Menge persönlichen Einsatzes in Anspruch: Aufmerksamkeit auf den Gegenstand bzw. auf die Person, Akzeptanz, Toleranz, geistig-seelische Kraft bei der Kommunikation u.a.m. Es erfordert Nehmen und Geben. Es wächst mir dabei etwas zu     -und auch die richtige, die echte Aufnahme ist Aktivität!-     aber ich gebe auch. Wen oder was denn? Letztendlich immer mich selbst. Und das alles im Verlaufe eines Prozesses, den man als ‘kennen lernen’ bezeichnen darf.

So habe ich im jahrelangen Umgang mit Menschen, in diesem Falle mit ehemaligen Schülern, ständig etwas gegeben, zumindest habe ich geglaubt, das zu tun, aber habe auch ständig etwas genommen, entgegen- und aufgenommen, hie und da auch übernommen. Ein solcher Austausch von Geben und Nehmen begründet nun die Wahrheit der Aussage, man ginge bzw. gehe sich etwas an. (Und außerdem hält man nur ungern das, was man gegeben hat, für völlig substanz- und wertlos, also verzichtet man auch in der Erinnerung nur ungern darauf. Und ebenso ungern möchte man das, was man empfangen hat, als wertlos, nichtig oder nichts als des raschen Vergessens wert betrachten).

So viel zu der Aussage: Menschen, die ich jahrelang im Verhältnis des täglichen Umgangs mit ihnen kennengelernt habe, gingen mich etwas an. Und zwar eben auch in der Weise, daß ich mich solchen Menschen, auch heute noch, verpflichtet fühle. Mit der konkreten Wirkung, daß ich glaube, Einsichten oder Erkenntnisse mitteilen zu sollen, die mir     -vielleicht durch die Gnade der Lebensumstände-     zuteil geworden sind - und von denen ich glaube, daß, sie für mich zu behalten, dem mitmenschlichen Verhältnis unangemessen wäre, in dem ich mich mit Ihnen zu befinden wähne. Dabei liegt mir jede Absicht fern, solchen Menschen, also auch Ihnen, lästig zu fallen oder, wie man so sagt, auf den Geist zu gehen. Sondern ich tue es aus der Überlegung, ja - aus dem Wissen, daß jeder Mensch etwas hat oder kann, das auf diese Weise niemand anderer so kann wie er. Und daß man schon deshalb verpflichtet ist, den anderen etwas davon mitzuteilen, was ihnen u.U. dienlich oder hilfreich sein könnte. Das hat nichts bzw. nichts mehr mit dem ehemaligen Lehrer-Schüler-Verhältnis zu tun, sondern ist die Folge des aus ihm entstandenen rein mitmenschlichen Verantwortungsverständnisses. Und: sich verantwortlich zu fühlen auch für andere, das bedeutet weder zu glauben, daß man selbst ein sog. ‘besserer Mensch’ sei, noch daß man anderen ihre eigenen Entscheidungen abnehmen wolle, noch bedeutet es, diesen anderen mit der unerträglichen besserwisserischen Manier des sprichwörtlich gewordenen ‘Oberlehrers’ auf die vom Alltag des Lebens ohnehin strapazierten Nerven gehen zu wollen, sondern     -ganz schlicht und einfach-     Informationen anzubieten betreffs Angelegenheiten, die man selber     -qua Studium, Ausbildung, Praxis und ggf. dauernder Beschäftigung mit ihnen-     vielleicht ein wenig besser überblickt als andere. Was wiederum kein Privilegium begründet, sondern eben nur eine besondere Verantwortung.

Dieser Zustand und die daraus folgende Haltung ist übrigens bei Menschen, die früher einmal in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis zu- oder miteinander gestanden haben, durchaus nicht nur einseitig auf die ehemaligen Lehrer beschränkt, sondern gilt genauso für ehemalige Schüler in Bezug auf ihre ehemaligen Lehrer. Ich belege das mit den weniger seltenen als vielmehr alltäglichen Fälle, in denen ein ehemaliger Schüler den ehemaligen Lehrer in medizinisch-ärztlichen, in juristischen oder in seelsorgerischen Problemen verantwortlich berät - um nur einige Beispiele für die der Möglichkeit nach unbegrenzte Zahl von Lebensbereichen zu nennen, in denen in unserer spezialisierten Welt jeder die Hilfe anderer braucht und ggf. in Anspruch nehmen muß.

(Es ließe sich natürlich      -um den bislang angeschlagenen ernsten Ton für einen Moment aufzuheitern-     ein anderes Erklärungsmodell dafür denken      -doch was ließe sich diesbezüglich nicht alles denken!-      daß ich hier und heute das Wort ergriffen habe, nämlich dasjenige in Konsequenz einer Sichtweise meiner lieben Frau, die in bestimmten Situationen schlicht und entwaffnend befindet: Du kannst Deinen Mund nie halten! - und die damit, wohltätig, jenen immer drohenden Wildwuchs von Eitelkeit und Geltungsbedürfnis bereits im Keime coupiert. Ginge man einmal davon aus, daß sie im vorliegenden Falle recht hätte, dann wären alle meine vorausgegangenen Äußerungen ein klassischer Fall von gigantomanischer Rationalisierung. Du wirst, meine Liebe, es mir verzeihen und wirst es mir abnehmen, wenn ich beteuere, meine Seele hier und heute von dererlei Versuchungen rein zu fühlen. Denn wäre das nicht so, dann müßte ich mich im tiefsten Kern meiner Persönlichkeit als unecht und unglaubwürdig erkennen. Das aber wäre wie eine moralische Hinrichtung. Diese Aussage mach ich in der mir voll bewußten Kenntnis des Unterschieds der Bedeutungen der sozialpsychologischen Begriffe ‘Auto- und Hetero-Stereotyp’, also Selbst- und Fremdbild der eigenen Person..)

Zurück zum Thema: Ich finde, es wäre einfach schön, wenn wir     -auf Grund einer gemeinsamen Schulzeit, also einer gemeinsamen Zeit unserer Leben-     uns auch heute noch dann etwas sagten, wenn wir glauben, uns etwas zu sagen zu haben - oder sagen zu sollen. Wenn wir das nicht für uns behielten. Es wäre gut, wenn wir, und zwar wechselseitig, auf diese Weise miteinander umgingen - oder umzugehen lernten. Denn - welchen besseren Sinn sollten wir in einer gemeinsamen langen oder intensiven Schulzeit sehen, als ihrer stattdessen nur jubilierend zu gedenken? Etwa nur zu ‘feiern’, daß sie so lange vorüber ist? Oder aber der vergangenen dadurch einen Sinn abzugewinnen, daß man alle gewesenen Anstrengungen mit einem Sich-menschlich-verbunden-fühlen in der Gegenwart überhöht?

Kluge und weise Worte zu finden und zu sprechen - sind eine Sache, sie in der Praxis einzulösen - eine andere. Was also könnte ich Ihnen sagen, mitteilen, Informationen welchen Inhalts anbieten, von denen ich glaube, daß sie des Bedenkens, Nachdenkens und Erwägens wert wären? Und das nicht etwa meinetwegen, sondern weil sie Themen und Gegenstände betreffen, diese umkreisen, die beileibe nicht nur ich für unsere menschliche Existenz, für ein Leben mit Sinn, Würde, Freiheit in Verantwortung für grundlegend und wesentlich halte - was also könnte das sein?

Es sind Grundfragen unserer ontologischen, aber auch unserer gesellschaftlichen Existenz, die von uns meistens für so selbstverständlich und nicht des Nachdenkens für wert gehalten werden     -wie die Luft, die man gedankenlos atmet und von der man doch lebt-     und um die sich die sog. breite Öffentlichkeit seit Jahren     -leider ‘erfolgreich’ im negativen Sinne-     herumdrückt. Nicht bedenkend, daß sich gerade hinter den sog. Selbstverständlichkeiten oft die tiefgründigsten Probleme verbergen, deren nicht in Angriff genommene Bewältigung, wie Pressemeldungen fast täglich zeigen, die folgenschwersten Wirkungen hat. Das, was ich Ihnen ggf. an Anregungen zum eigenen Nach- und Weiterdenken vorzustellen und auszuführen hätte, wären insbesondere Gedanken, die solche Themen umkreisen wie:

  • Das Phänomen und das Problem der Identität: wer oder was sind wir als Mensch? - grundsätzlich sowie in Welt und Gesellschaft - und was sind wohl die unverzichtbaren Voraussetzungen für eine möglichst ganzheitliche ‘Gesundheit’, nämlich an Leib, Geist und Seele?

  • Die Bedeutung     -trotz aller damit gegebenen Problematik-     der Werte - und ihrer Vermittlung, einschließlich der Problematik des sog. Werte-Pluralismus.

  • Die Antinomie von Freiheit und Gebundenheit - ja ihr notwendiges Aufeinanderbezogensein für eine der Würde verpflichteten menschlichen Existenz.

  • Die Bedeutung der Religion für die Vollendung einer aufgeklärten Welt - in Anlehnung an den unvergleichlichen Lessing.

Zu all dem und sich daraus Ergebenden wäre so manches, wäre vieles zu denken und zu sagen. Und das, obwohl und gerade weil viele von uns, in gewissen Momenten und unter bestimmten Umständen wahrscheinlich jeder, meinen, Unannehmlichkeiten dadurch entgehen, sie sich ersparen zu können, indem man ihnen ausweicht oder     -wenn das nicht geht-     sie möglichst rasch verdrängt oder zu vergessen sucht. Die Erfahrungen in aller Menschheitsgeschichte, ob unter individuellen, völkischen, gesellschaftlichen oder national-staatlichen Gesichtspunkten gesehen, belegen jedoch, daß das niemals eine Lösung gewesen ist - und auch in unserer Zeit nicht sein kann. Es hilft, wenn überhaupt, nur, sich den Gegebenheiten     -auch und gerade den für einen selbst unangenehmen-     zu stellen und sie, wie der Seemann sagt, und zwar hochgradig aktiv, ‘abzuwettern’. Denn der Gewinn im anderen Falle ist ein trügerischer, zeitlich befristeter: das Verdrängte holt einen wieder ein, und sei es in der Form einer heimtückischen, aus dem Innersten wirkenden Vergiftung oder Fäulnis. So will insonderheit die größte der ‘Schwächen’ unserer Existenz, nämlich in diesem Leben zum Tode bestimmt zu sein, irgendwann, am besten möglichst früh ins Auge gefaßt werden, nicht um sich die Freude an diesem Leben zu vergällen, sondern um sie - durch das Ringen um einen Sinn - recht eigentlich erst zu gewinnen.

Und so     -das sei die Ankündigung-     stehen sie denn noch aus, die Reden, die am heutigen Tage nicht gehalten werden, Gedanken, die u.a. aus Zeitgründen nicht vorgetragen werden, auch zwecks Schonung derer, die da meinen, ihrer keinesfalls zu bedürfen. Gedanken, die jedoch auf einem Wege, den gute Freunde zu bahnen im Begriff sind, für alle diejenigen zugänglich gemacht werden sollen, welche für Fragen der oben angedeuteten Art sich aufzuschließen vermögen. Irgendwann in absehbarer, mir selbst      -so Gott will-     noch erreichbarer Zukunft dürften sie für Interessierte, und nur auf sie kommt es immer an, abruf- und einsehbar sein. Ich will mit solchem Angebot     -denn ein solches will und muß es nach unserem Jahrhundert der indoktrinierenden totalitären Ideologien in jedem Falle bleiben-     ich will mit einem solchen Angebot mein Gefühl des Verpflichtetseins gegenüber denen, die mich etwas angehen, auch in meinen älteren Tagen nicht erkalten lassen, sondern will es bewähren. Denn: es ist hohe Zeit, sich entschiedener als bisher zur Vernunft und zu allem, was menschliche Vernunft zu begründen vermag, zu bekennen. Allzu lange indigniert oder aus vermeintlich vornehmer Rücksicht oder falsch verstandener Toleranz zu schweigen - kann mitmenschliche Pflichtverletzung sein, ja - Schuldhaftigkeit begründen. Ich jedenfalls verspreche allen, die da wie ich meinen, daß wir uns etwas angehen, daß ich Ihnen auch nach der lange abgeschlossenen Schulzeit, aber auf der Grundlage des durch diese entstandenen Verhältnisses zwischen uns - daß ich mich Ihnen aus mitmenschlicher Verantwortung auch weiterhin verpflichtet fühlen werde - und daß jeder, der interessiert daran oder dessen bedürftig sein sollte, mich beim Wort und in Anspruch nehmen darf, - so wie ich Sie aufsuchen und konsultieren werde, sollte ich in bestimmten Lebenssituationen des Rats und der Hilfe eines dafür ausgewiesenen Spezialisten bedürfen, der zugleich ein vertrauenswürdiger und mir wohlgesinnter Freund ist.

Zum Schluß noch dieses: Wenn ich bis hier immer in der Ich-Form gesprochen habe, dann nicht deshalb, weil ich glaubte, die Welt, die Schule, die Lehrerschaft bestünden nur aus mir. Sondern weil Aussagen bekenntnishaften Charakters immer und zuerst an ein bekennendes Subjekt gebunden sind. Also gerade das Gegenteil, nämlich die Rücksicht auf andere und die Absicht, sie, Individuen mit zu respektierenden eigenen Identitäten, nicht in der Weise entmündigen zu dürfen, daß ich mir anmaße, für sie zu sprechen, haben mich dazu veranlaßt, meine Aussagen klar erkennbar als die meinen zu formulieren. Gleichwohl     -und diesem gegebenen Sachverhalt zum Trotz-     meine ich viele der von mir geschätzten ehemaligen Kollegen so weit zu kennen, um     -auch ohne von ihnen dazu autorisiert zu sein-     sagen zu dürfen, daß sie      -die individuell-persönlich bedingten Unterschiede schon berücksichtigt-     ihre Positionen im Verhältnis zu ehemaligen Schülern prinzipiell ähnlich verstehen wie ich. Was bedeutet: hier, bei Ihren ehemaligen Lehrern, ist also für Sie, liebe Ehemalige, ein Potential an Mitmenschlichkeit vorhanden, auf das Sie     -nötigenfalls und sofern Sie das möchten-      vertrauensvoll zurückgreifen können - solange das Gesetz unseres endlichen Lebens das gestattet.

So möge denn der Fundus wachsen, der auf der bleibenden Erinnerung an unsere gemeinsamen Jahre beruht, und möge denn der Sinn des Vergangenen daran deutlich werden, wie wir mit der gemeinsamen Vergangenheit heute und morgen umgehen. Ihnen allen - ein Dankeschön für Ihr Dasein und alles Gute für eine      -bei allen Verschiedenheiten der Lebenswege-      gemeinsame menschenwürdige Zukunft.

Prosit - auf Ihr, auf unser gemeinsames Wohl!

 


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