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Hans-Günter Marcieniec
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15.


 

Glück und Zufriedenheit

Vortrag anläßlich des 20. Jubiläums eines Abiturs

Alsfeld 1997

[Ansprache an ehemalige Schüler aus Anlaß ihres Abiturs vor 20 Jahren, gehalten am 27. September 1997 in der Wohnung von Regina F.]

Liebe Anwesende, liebe Ehemalige!

Als wir vor fünf Jahren zusammentrafen, da war auch Dr. F. dabei. Und trotz sich häufender Unpäßlichkeiten und mehrerer Krankenhausaufenthalte in den letzten Jahren vermochte er im September vergangenen Jahres - 1996 - noch seinen 85. Geburtstag in recht leidlichem Zustande zu feiern. Dann jedoch, nach einem zweiten Oberschenkelhalsbruch und erfolgter Operation im Dezember, vermochte er sich nicht mehr zu erholen. Eine Rückkehr in seine Wohnung konnte ärztlicherseits nicht verantwortet werden, zumal seine liebe Frau, höchst fragil und gebrechlich, selber der Pflege bedurfte. Und so, nach einem Zwischenspiel im Alten- und Pflegeheim Haus Stephanus, ist er, dessen Lebenskraft offensichtlich erschöpft war, am 12. Februar d.J. verstorben.

Sic transit gloria mundi - wußten die Lateiner, und daran hat sich bis auf unsere Zeit und in unserer Welt nichts geändert. Und seit meinem Schlaganfall im September 1995 und seinen Folgen bin ich hoch sensibilisiert für das dem Menschen, unabwendbar, beschiedene Geschick einer vergänglichen Existenz - von der man in ganz jungen Jahren nichts weiß - und später dann, aus vielen verständlichen Gründen, nichts wissen will (was wohl in gewisser Weise auch lebensklug und - notwendig ist), bis - ja: bis einem nichts anderes mehr bleibt, als seinem Schicksal, das, wenn auch zeitlich versetzt, allgemein menschlich ist, ins unerbittliche Antlitz zu schauen.

Dr. F. sprang, wie Sie sich erinnern, - nachdem mein in der Stundenplanung schon vorgesehener Einsatz als Deutschlehrer bei Ihnen wegen der Übernahme einer Fachleitung am Staatlichen Studienseminar fürs Lehramt an Gymnasien in Fulda widerrufen werden mußte - und nach einem alles in allem wenig gelungenen Zwischenspiel einer Kollegin bei Ihnen - Dr. F. also sprang damals ein und wurde Ihr Deutschlehrer während des größten Teils der Oberstufe. Dafür, lieber älterer Kollege und Freund Helmut, gebührt Dir, posthum, Anerkennung und Dank.

Soweit zur Vorgeschichte der Vorgeschichte. Nun aber zur Vorgeschichte dessen selbst, was ich Ihnen aus Gründen, die ich sogleich noch erläutern werde, heute hier vorzutragen beabsichtige.

Es war während unseres Zusammenseins vor fünf Jahren, als jemand von Ihnen, zu Herrn Dr. F. gewandt, sagte, es sei in seinem Unterricht bei Gelegenheit vom Glück die Rede gewesen. Und er sei in diesem Zusammenhange gefragt worden, was denn Glück sei - bzw. was seine, Dr. F‘s, Ansicht diesbezüglich sei. Er aber sei Ihnen eine Antwort auf diese Frage, aus welchen Gründen auch immer, damals jedenfalls schuldig geblieben, weshalb die Fragerin sie jetzt wiederholen möchte, also: Was ist Glück?

Dr. F., an jenem Abend immerhin schon ein Achtziger - und vom Weine wohl ein wenig dekonzentriert und dazu einigermaßen unerwartet vor diese nun nicht gerade einfache Frage gestellt, aber     -wie es seine, manchmal durchaus nicht unbedenkliche und wohl auch nicht ganz kritikunwürdige Art war-     Dr. F. also fand es auch an diesem Abend, in seiner nicht eben stärksten Verfassung, als ihm unangemessen und seinem Selbstverständnis als unwürdig, vor einer schwierigen Frage - und gerade dann nicht zu kneifen - oder zu bekennen, daß ihn etwas, sei es, was es wolle, überrasche, irritiere oder in Verlegenheit zu bringen vermöchte - Dr. F. also war rasch zu einer Antwort bereit und sagte: Glück - das ist Zufriedenheit.

Diese Antwort, die mich nicht nur wie ein Guß kalten Wassers überraschte, sondern wegen des Widerspruchs zwischen ihrer Raschheit, vermeintlichen Bündigkeit und vorgeblichen Sicherheit einer - und ihrer für mich unzweifelhaften Unrichtigkeit andererseits auch unmittelbar Widerspruch in mir auslöste, diese Antwort war - sicherlich auch und vor allem unter dem Einfluß der übermüdet-lockeren, spätabendlichen Gesprächssituation allzu rasch und unüberlegt erfolgt. Denn: hätte Dr. F. die Zeit dazu gehabt - oder richtiger: hätte er sich diese wenigstens zu nehmen gestattet, so wäre seine Antwort zumindest differenzierter ausgefallen.

Mich jedenfalls hat sie nicht nur nicht zufriedengestellt, sondern auch wesentlich provoziert. Und hat sich in mein Gedächtnis eingegraben - wie fast alles, was ich als wesentlich empfinde -, so daß ich schon damals wußte, ich würde darauf bei Gelegenheit zurückkommen. Warum ich nicht damals gleich an Ort und Stelle mich dazu geäußert habe - nun: es gibt Situationen, in denen man abwägt zwischen absolutem Drang nach Wahrheit und ihrem Bekenntnis - und taktvoller mitmenschlicher Rücksichtnahme. Da ich nun aber Sie lange genug kenne, um das Gefühl haben zu dürfen, Sie gingen mich etwas an - und da, leider, Dr. F. das selber nicht mehr kann, will ich versuchen, zur Klärung sowohl des Phänomens wie auch des Begriffes 'Glück' etwas beizutragen.

Hätte Dr. F. noch Zeit und Gelegenheit dazu gehabt, so hätte er seine Antwort, wie ich bereits andeutete, mit Sicherheit in Richtung einer feineren Differenzierung ergänzt und korrigiert. Da er selber das nun nicht mehr zu tun vermag, werde ich es für ihn übernehmen. Das, so empfinde ich es, bin ich ihm schuldig, ihm, dem ich mich lange in einem Verhältnis distanzierter Freundschaft verbunden gefühlt habe.

Im Interesse größerer Klarheit sei - wie es sich immer wieder bewährt hat - ein hinreichend systematisches Vorgehen gewählt. Denn gerade mit dem 'Glück' hat es so seine ganz eigene Bewandtnis - und man muß schon 'Glück' haben, will man es fassen. Fassen sowohl im konkret-gegenständlichen Sinne wie im abstrakt-begrifflichen und sprachlichen. Deshalb ist es zuerst einmal wichtig, beim Begriff 'Glück' zu unterscheiden, nämlich erstens: Glück als etwas objektiv Gegebenes und evtl. Vorhandenes - und zweitens als etwas subjektiv Erleb- und Empfindbares. Diese Unterscheidung gilt auch dann, wenn etwas, das von jemand subjektiv empfunden wird, für ihn selbst die Qualität des greifbar Realen haben kann, ja: hat. Wir kennen ja solche nicht unbegründeten wie auch nicht grundlosen Redewendungen wie Einbildung mache stark. Oder der Glaube könne Berge versetzen. Oder die Redewendung von der Macht der Phantasie überhaupt. Trotz alledem gilt, daß Glück     -unabhängig von den Empfindungen der verschiedenen Individuen-     etwas 'an sich' ist. Das, was man ein Phänomen nennt, griechisch ‚phainomenon' = das Er-schein-ende, mit den Sinnen Wahrnehmbare, sichtbar Gemachte. Etwas, das zwar kein Wesen von Fleisch und Blut und keine Person ist, aber gleichwohl nicht nur als Wirkung , sondern auch als Bewirkendes wahrgenommen und gespürt werden kann. Etwas, das an den von ihm ausgelösten Reaktionen konkreter Personen 'er-scheint'. Etwas also, das die von ihm erfaßten, betroffenen Personen nicht selber schaffen oder hervorbringen, das nicht aus ihrem Vermögen, aus ihren Kräften oder Eigenschaften oder Empfindungen stammt, sondern, unabhängig von ihnen, gleichwohl ihr Verhalten und Handeln sichtbar beeinflußt und bestimmt.

Das Wort 'Glück'     -so belehrt uns die einschlägige wissenschaftliche Literatur, insbesondere das von dem unvergleichlichen Brüderpaar Jakob und Wilhelm Grimm 1838 gegründete und begonnene und nach ihnen von Generationen führender Germanisten und Philologen fortgesetzte und 1960 vorläufig abgeschlossene, 33 Bände umfassende ‚Deutsche Wörterbuch‘-      das Wort 'Glück' so belehrt uns dieses einzigartige Werk, tritt im Deutschen erst relativ spät auf, und zwar wird es erstmals greifbar um 1160 in einem Straßburger Text, abgefaßt im sog. rheinfränkischen Dialekt. Es verdrängt seitdem langsam die bis dahin vorherrschenden Wörter des vergleichbaren Begriffs- und Bedeutungsfeldes, nämlich 'heil' und ‚saelde‘ (letzteres im Neuhochdeutschen etwa 'Seligkeit').

Wo aber kommen nun Wort und Bedeutung 'Glück' eigentlich her?

Einen einigermaßen sicheren Hinweis für eine fundierte Antwort auf diese Frage bekommt man durch das, was die Philologen die 'Etymologie', das Wissen von der Herkunft eines Wortes nennen. Und da zeigt sich, daß die Herkunft dieses Wortes als unsicher gilt. (Fast könnte man meinen, daß sich das Glück - ich komme beim Versuch, sein Wesen zu deuten, darauf noch zu sprechen - also: es ist, als ob sich das Glück jedem Versuch, es zu fassen und seiner habhaft zu werden, konsequent zu entziehen wüßte, selbst bei dem Versuch, die Herkunft seines Namens festzustellen.)

Ich teile nun, der Zeitersparnis halber, sogleich diejenige Vermutung der Sprachwissenschaftler mit, die heute unter ihnen als die wahrscheinlichst zutreffende gilt. Läßt man das anlautende "G" einmal beiseite      -es gehört nämlich nicht zur Wortwurzel, sondern ist der Rest des Präfixes, also der Vorsilbe "Ge-"     -das ganze Wort lautete ursprünglich "Ge-lück" bzw. "Ge-lükke"-     läßt man also das "G" beiseite, so verweist der Wortstamm "lükk" (zum Vergleich im Englischen "luck") auf die idg. Wortwurzel "leug-" mit der Bedeutung "biegen" und     -weiter entwickelt und differenziert-‚      "zu-biegen", "zuziehen". Aus dieser Wortwurzel entwickelt sich in den verschiedenen germanischen Sprachen eine Sippe von zahlreichen Wörtern, deren Kenntnis zwar interessant ist, uns aber hier und heute nur verwirren könnte.

Die Grundbedeutung von idg. ‚leug-' war 'biegen' - mit den Bedeutungsdifferenzierungen ‚zubiegen, zuziehen, krümmen'. So ist z. B. im Altnordischen ‚lokkr‘ = die (Haar)locke - und ‚lykkja‘ = die Biegung, die Krümmung, die Schlinge (z. B. eines Taus). Die Bedeutung unseres hier und heute in Rede stehenden Wortes ‚-lück‘ wäre, umschrieben, demnach anzusetzen mit: "die Art (und Weise), wie sich etwas biegt, zusammenbiegt, wie sich etwas schließt, zusammenschließt, wie etwas endet, ausgeht, wie etwas ausläuft". Und zwar ursprünglich noch nicht mit der erst später eintretenden Bedeutungsverengung auf "ein gutes, positives Auslaufen (einer Sache)", sondern noch ganz umfassend und wertneutral: "das sich aufeinander Zubiegen, das Zusammentreffen von schicksalhaften, schicksalsträchtigen Ereignis- und Handlungslinien in einem Punkt, nämlich einer Person, die gewissermaßen der Schnittpunkt all dieser Linien ist, welche zu ihrem Schicksal werden, zu einem positiven oder negativen, also ohne Berücksichtigung der Art dieses schicksalhaften Zusammentreffens". 'Glück' also als der Begriff für ein besonderes, über das Normalmaß herausgehobenes Schicksal des davon Betroffenen - und zugleich als die (personifiziert gedachte) verursachende Schicksals-macht.

Doch schon in der sog. mittelhochdeutschen Zeit (etwa 1150 bis 14. Jh.) überwiegt die Verengung der Bedeutung von 'Glück' nach der günstigen, positiven Seite hin: es bezeichnet nun vorwiegend den günstigen Verlauf und Ausgang einer Sache, eines Geschehens für einen davon Betroffenen. So z.B. bei Hartmann von Aue (um 1168 - 1210) und Gottfried von Straßburg (Lebensdaten nicht bekannt, sein 'Tristan' wird auf 1210 datiert). Über längere Zeit schwingt jedoch die neutrale Bedeutung von 'Glück' in den Köpfen derer, die das Wort gebrauchen, immer noch mit, was dann manchen dazu veranlaßt, einerseits vom ‚guten Glück', andererseits von ‚Un-gück' zu sprechen, d.h. vom 'Nicht-Glück', also der Verneinung dessen, was man immer üblicher als das wahre, nämlich positiv sich auswirkende Glück zu begreifen sich gewöhnt.

Bleibt als Ergebnis der Bedeutungsentwicklung des Begriffs 'Glück' festzuhalten: G-lück - ursprünglich ‚Ge-lück‘, ist      -wie bei den ähnlichen Wortbildungen Berg - Gebirge, Bruder - Gebrüder, Schwester - Geschwister, Strauch - Gesträuch u.a.m.-      der Sammelname für eine Vielzahl von Ereignissen und Umständen, die zusammentreffen und einer Person zuteil werden, die dadurch in eine überraschende, ungeahnte und absichtlich und willentlich nie herbeiführbare positive Situation gerät. In eine Situation, die für die damit beschenkte Person einen unvorhersehbaren, unwiederholbaren, willentlich nicht herbeiführbaren Zustand ergibt, der so lange anhält, wie das Zusammentreffen, die Kreuzung der glücklichen Umstände im Schnittpunkt der betroffenen Person andauert. Da nur ein einziger von ihnen auszufallen braucht, um den besonders günstigen Zustand zu beenden, ist der Glückszustand ein außerordentlich fragiler, zerbrechlicher und - meistens, ja in der Regel von nur kurzer Dauer.

Glück ist nichts, das man als Mensch zwingen könnte. Dem wahren, dem Phänomen und Wesen 'Glück' vermag kein Mensch zu gebieten, weder zu kommen, sich einzunisten - noch zu bleiben, aber auch nicht zu gehen, weder kurz oder lang zu dauern, groß oder klein zu sein. Das 'Glück' entsprach der lateinischen Fortuna bzw. der griechischen Tyche, einer als Göttin vor- und dargestellten Macht der unberechenbaren Schicksalsfügung zu Glück oder Unglück. Insbesondere aus dem Barock-Zeitalter sind allegorische Darstellungen des Glücks überliefert, die eine wunderschöne, verführerische Frau zeigen, die, auf einer rollenden Kugel stehend, sich unablässig fortbewegt, deren Bewegungsrichtung jedoch nie vorauszusagen und zu bestimmen ist, weil die Kugel in jedem Moment, und zwar bruch- und ansatzlos, ihre Richtung zu ändern vermag.

Welcher Art das Glück ist bzw. auf welchem Gebiet es als solches empfunden wird, das kann durchaus abhängen, ja - es tut das wohl im Regelfalle, von dem Welt- und Selbstverständnis jedes betroffenen Individuums, von seinen Wertvorstellungen und davon, was ihm lieb und teuer ist. So kann z.B. ein Gelehrter eine bahnbrechende Erkenntnis, die ihm nach Jahren härtester Arbeit und ergebnislosen Suchens plötzlich aufgeht, als Glück empfinden. Kann ein Mensch in dem Moment, in dem ein von ihm geliebter Mensch auch ihm seine Liebe schenkt, zutiefst glücklich sein. So vermag vielleicht ein hochsensibler Mensch, für den diese Welt, dieses Leben, diese gesamte irdische Existenz nur der materielle, körperhafte Ausdruck eines Wesentlicheren ist, angesichts eines bestimmten, überwältigenden Naturschauspiels von unbeschreiblichem Glück erfüllt sein. Mag der Mystiker im blitzartig kurzen Nu der unio mystica sein alles andere auslöschendes Glück erleben, von dessen Abglanz und Erinnerung er auf den vergleichsweise unendlich langen Durststrecken des Alltagslebens zehrt.

Viele Arten, Glück zu erleben, lassen sich denken. Potentiell so viele verschiedene, wie es Menschen gibt. In einem jedoch müssen sich alle die verschiedenen Arten, Glück zu erleben, gleichen, wenn 'Glück' wirklich und wahrhaftig 'Glück' sein soll: sie müssen am Wesen des wahren Glücks teilhaben, dürfen nur Spielarten von ihm sein. Und das ist: der Glückliche muß im Moment und für die Dauer des Glücks sich über die Grenzen seiner alltäglichen Existenz hinausgehoben fühlen, über das, was ihn sonst normalerweise begrenzt. Dem Glücklichen schlage keine Stunde, so heißt es seit altersher. Das Erlebnis der Entgrenzung, Befreiung, ja Vollendung, aber letzteres nicht in einer hybriden, in Hochmut ausartenden, sondern als eine ihn ganz, restlos ausfüllende Beglücktheit, die an sich selbst genug hat - und keines anderen bedarf. Es ist die möglicherweise blitzkurze, dem Gewichte des Erlebnisses nach aber unendliche Teilhabe an etwas, was den Menschen zum Eigentlichen erst vollendet, ihn zu dem macht, was er     -seinem Entwurfe gemäß-      zu sein vermag. Was ihm das gibt, was man seine Würde nennt, die jeder, auch der Kranke und an seinem Normalsein Geschädigte, potentiell hat bzw. ist . Hier reicht das Irrationale in die Welt des Rationalen herein, das mag manchen zum Widerspruch reizen, ihm nicht gefallen, aber: wie ließe sich die Würde, als unantastbar und menschlicher Manipulation entzogen, anders begründen? Auch mit dem Glück bricht in die menschliche Existenz etwas herein, das menschlichem Planen und Manipulieren entzogen ist. Alles andere ist kein - oder nur ein zweifelhaftes Glück. Geld - z.B. - mache nicht glücklich, weiß ein altes Sprichwort - es beruhige allenfalls, so hat man später hinzugefügt. Es lohnt sich, über dererlei nachzudenken. Wie überhaupt alles, was nur die Sinne - zugegeben sehr angenehm - zu kitzeln vermag, ohne indessen einen echten Sinn erleben zu lassen, mit dem Namen 'Glück' zu belegen, mit dem Recht bezweifelt werden muß, das sich der Wahrheit verpflichtet fühlt. Denn Glück, echtes, wahres Glück besteht eigentlich in erlebter Seinsfülle. Wer einen wie immer gearteten Erfolg um des Ansehens willen genießt, erlebt eigentlich kein Glück, sondern einen Selbstgenuß, eine Steigerung seines gesellschaftlich bedingten Selbstwertgefühls. Glück hat, ohne von sozialem Applaus abhängig zu sein      -nichts gegen den, aber der gehört in eine andere Qualitäts-Kategorie-     Glück hat dagegen an sich selbst genug. Und hier unterscheidet sich Glück auch von der Zufriedenheit. Die Zufriedenheit fühlt sich in der Eingeschränktheit wohl - deren Verwerfungsform die Beschränktheit ist. Das Glück aber ist mit Beschränktheit, und zwar ganz und gar, unvereinbar. Während und infolge seiner Anwesenheit spürt man die Begrenztheit der Existenz nicht - und vermag sie, später, möglicherweise in Erinnerung an das Glück besser zu ertragen.

Zufriedenheit - anstatt Glück, meinetwegen auch: Zufriedenheit - nicht: ist, aber: kann wie Glück sein - solche Aussagen wären akzeptabel, denn sie ließen erkennen, daß nur ein Vergleich, aber keine Ineinssetzung beider beabsichtigt ist. Dagegen: Glück ist Zufriedenheit - das behauptet die Identität beider und erweckt den Anschein, als ob diese Gleichsetzung eine objektive Gegebenheit sei. Das aber ist sie mitnichten.

Könnte man noch einwenden, man solle doch, um Gottes willen, sprachlich nicht so pingelig sein. Aber: sprachliche Unschärfe - die übrigens der in Laute und Zeichen umgesetzte Ausdruck einer Unschärfe des Denkens ist - sprachliche Unschärfe wird den Dingen in der Welt der Individuation nicht gerecht, worauf sie aber, und zwar jeder - wie Du und ich ein Recht haben. Denn: wenn es auf klare Unterscheidung beim Bezeichnen der Dinge und Existenzen nicht ankäme, dann wäre alles möglich und müßte alles erlaubt sein. Dann dürfte ich mit demselben Recht behaupten, Müller sei Schulze, Frieden - Krieg, ein Apfelbaum sei eine Tanne, ein Schwein eine Fledermaus oder eine Mücke eben ein Elefant.

Zufriedenheit - das ist eben Zufriedenheit, aber kein Glück. Ja - Zufriedenheit ist die Abwesenheit von Glück. Selbstverständlich bleibt es trotzdem jedermann unbenommen, dasjenige als Glück zu empfinden, das er dafür hält. Nur: im Sinne der klaren Unterscheidung der Wesenheiten von Dingen samt ihrer begrifflichen und sprachlichen Fassung - ist Zufriedenheit nicht gleich Glück. Das festzustellen fällt umso leichter, je mehr man sich bemüht, jedem Ding gerecht zu werden. So eben auch der Zufriedenheit. Denn festzustellen, daß sie kein Glück, eher dessen Abwesenheit sei, bedeutet kein negatives Urteil über sie. Etwa so, als ob es außer dem Glück nichts auf der Welt gäbe, nach dem zu streben, das zu erringen sich lohnte. Wenn Glück ein Geschenk ist, das einem zufällt      -verbunden mit allen möglichen günstigen, aber auch zweifelhaften Unwägbarkeiten-     so ist Zufriedenheit das Ergebnis harter Arbeit und unentwegten Bemühens, aber eben deshalb auch berechenbar und zuverlässig. Eine erwerbbare Tugend, die, ihrer Grundbedeutung entsprechend, dazu tauglich macht, sein ganz normales, vom Alltag und seinen Gesetzen bestimmtes und beherrschtes Leben überschaubar zu führen und sogar einen Sinn darin zu finden. Solange Zufriedenheit das ist - nicht dagegen zur ‚Friedhofsruhe‘ im Leben führt, ist sie aller Ehren wert und verdient höchste menschliche Anerkennung. Ob auf der Höhe der Bemühungen, Zufriedenheit zu erreichen, ein gewissermaßen dialektischer Umschlag in Glück möglich ist - das ist schwer, eigentlich gar nicht zu sagen, aber wohl nicht unmöglich. Vielleicht zöge eine solche konsequente Haltung, eine solche Unbeirrbarkeit von Leistung das launische, neugierige, vielleicht ja doch sogar gerecht empfindende Glück an. Nun - das ist Spekulation. Aber sollte einem Meister der Zufriedenheit tatsächlich das Glück beschert sein, ob nun zufällig oder infolge seiner außergewöhnlichen Charakterleistung, so träte er in jedem Falle für die Dauer seines Glücks aus der Qualität der Zufriedenheit heraus - und in eine ganz andere, eben die des Glücks ein. Denn eine Vermischung beider gibt es nicht.

Ist diese Klärung der Begriffe nun desillusionierend? Müssen wir aufs Glück verzichten, die wir uns daran gewöhnt haben, alles sei machbar und zu haben? Wenn es nicht zu uns kommen will - schon. Aber: wer sagt denn, daß das Leben nur mit diesem unberechenbaren Glück lohnenswert, sinnvoll und sinnerfüllt sein kann? Erstens gibt es das, was man das 'kleine Glück', richtiger wohl: die kleinen Glücke nennen kann. Die unerwarteten, überraschenden Freuden, die den Alltag verschönen. Das Wiedersehen mit einem alten, schon verschollen geglaubten und fast vergessenen Freunde. Die Zustimmung und Akzeptanz in den Augen eines Menschen, den man mag. Der unerwartete Erfolg eines Menschen, den man liebt usw. Die Möglichkeiten für solche Freuden, die man wie das Anrühren, wie einen Hauch von Glück empfinden mag, sind unbegrenzt.

Und dann: ein strenges alltägliches Leben, die Pflichterfüllung im Dienste der Menschen, die Möglichkeit, am Abend eines Tages sagen zu können, daß man zwar keine Berge versetzt habe, aber daß dieser Tag - eigene Schwächen schon abgerechnet- gut gewesen sei - eine solche, mit Ehrlichkeit gegenüber anderen und sich selber mögliche Bilanzierung - sie vermag jene Zufriedenheit zu begründen, die Dr. F. vor fünf Jahren gemeint haben mag, als er sagte: Glück - das sei Zufriedenheit. Und das wäre nicht wenig. Es wäre das normal Erfolgreiche, das ein Mensch mit bestem Willen, Wissen und Gewissen zu erreichen vermag. Nur: das muß nichts mit Glück, mit dem Glück zu tun haben. Wäre nichts Zufälliges, Geschenktes, sondern mit dem vollen Einsatz seiner selbst Erarbeitetes. Und ich vermute, Dr. F. hatte vor fünf Jahren in Wahrheit gemeint: statt auf Glück sollte man auf Zufriedenheit setzen. Das entspricht einer selbstverantworteten menschlichen Existenz eher - als die Vabanque-Hoffnung aufs Glück.

Damit bin ich am Ende meines Vortrags. Ich unterlasse es, auf die Frage einzugehen, wie es wohl dazu kommen konnte, die dem menschlichen Willen erreichbare Zufriedenheit mit dem Glück als identisch zu empfinden. Soziale Erfahrungen, wie z.B. die des Kleinbürgertums, insbesondere im sog. Biedermeier, und auch, kulturgeschichtlich, die mentalitätsverändernde allgemeine Säkularisation ('Dem Menschen ist nichts unmöglich!') u.a.m. haben hier eine Rolle gespielt. Um diese und andere Einflüsse zu wissen muß nicht bedeuten, sie und das, was sie hervorgebracht haben, zu akzeptieren und zu loben. Sie können auch zur Besinnung provozieren auf das, was in der positiven Entwicklung menschlichen Selbstbewußtseins einerseits und dem zugleich entstehenden Nebel der Selbstüberschätzung andererseits an Klarheit bezüglich menschlicher Existenz und ihrer Grenzen verloren gegangen ist.

Ich danke Ihnen für die mir erwiesene Geduld.

 


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