[Inhalt "Dem Menschen verpflichtet"]
[Homepage]
Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



14.


 

Das "ganz Persönliche" in meiner
Lebens-Tätigkeit als Lehrer

Rede vor den Gästen anläßlich meines 70. Geburtstages

Alsfeld 1996

[Rede vor ehemaligen Schülern und Gästen - aus Anlaß meines 70. Geburtstages am 2o.12.1996 im Hotel "Zur Erholung" in Alsfeld]

Es hat mich kürzlich ein im Gespräch fallendes Wort einer lieben Ehemaligen - und ich bekenne: tief und nachhaltig - getroffen. Und dabei, dessen darf ich sicher sein, war es gar nicht mal negativ, wohl auch kaum absichtlich vorwurfsvoll gemeint. Schwang doch eher ein Unterton nachträglichen Verständnisses, von Respekt auch und Billigung darin mit. Das Wort nämlich: ich hätte als Lehrer meinen Schülern eigentlich niemals etwas von meinem ganz Persönlichen "preisgegeben". Doch dieses Wort - wohl auch entgegen der Absicht der Sprecherin - wirkte wie eine Nadel, die, einmal in einen eingedrungen, feine Widerhäkchen entfaltet, die sich im Inneren spreizen und verankern, so daß ich dieses durchaus nicht unlieb gemeinte Wort nicht wieder vergaß.

Aber: Was ist das, mein ganz Persönliches?

Sind es Freuden und Leiden des Alltags? Z.B. der Unmut übers unerwünschte Klingeln des Weckers - nach, aus welchen Gründen auch immer, viel zu kurzer Nacht? Der manchmal schier unüberwindliche Widerwille, einen neuen Arbeitstag zu beginnen, weil man einen tiefsitzenden Frust vom vergangenen Tage noch kaum abzubauen vermochte? Der Ärger über die tatsächlich oder nur vermeintlich viel zu hohe Rechnung von der Firma XY? Oder die immer noch schwelende Meinungsverschiedenheit mit einem besonders vertrauten, nahestehenden Menschen - über eine Lappalie?

Die Liste solcher Fragen ließe sich - und ich machte mich anheischig, das zu können - ad infinitum fortführen. Der ganze, immerwährende, nie endende Kampf in einer Welt der Sperrigkeiten und Unvollkommenheiten, in der man dann noch dazu oft selber das Unvollkommenste ist. Doch - was brächte das? Vielleicht die kurzfristig beruhigende Botschaft: dem geht's wie mir, das ist einer wie ich. Oder: Wo’s so ist, wie Du selber bist, da laß Dich ruhig nieder? Vielleicht also damit eine Affirmation des ohnehin Bestehenden? Eine indirekte, aber vertraut anmutende Bestätigung dessen, was das ohnehin Übliche und Alltägliche ist?

Sozialpsychologisch gewiß nicht unwichtig, weil es eine gewisse Lebenssicherheit zu geben vermag, vielleicht sogar einen Anflug von wohliger Nestwärme. Und den Anschein zu erwecken vermöchte, es sei, weil jedermann - auch der Lehrer - so ist wie man selber, alles in Ordnung. Aber - zu einem Darüberhinaus, was möglicherweise im Sinne einer menschlichen Weiterentwicklung, besser: einer Weiterentwicklung der Menschheit, wünschenswert sein könnte, vielleicht sogar notwendig - wörtlich genommen: den Zustand der Not wendend - zu diesem Zustand über das Bestehende hinaus vermag das ständige Einander-vorsagen-und-sich-bestätigen des Tag für Tag sich unablässig Wiederholenden kaum zu führen.

Was wäre mein ganz Persönliches aber dann?

Auf die Gefahr hin, daß das nach so vielen Jahren bzw. Jahrzehnten niemanden mehr interessiere, sei es mir am heutigen Tage nachgesehen, wenn ich dieser Frage vor Ihnen wenigstens ansatzweise nachzugehen versuche. Kann es mir doch angesichts Ihrer Anteilnahme an mir, für die ich Ihre Anwesenheit als Zeichen nehmen darf, nicht gleichgültig sein, ob ich mich Menschen gegenüber, denen ich mich stets freundschaftlich verbunden gefühlt habe, in einer Weise verhielt, die ich sowohl früher wie auch heute noch vor meinem prüfenden Gewissen verantworten könnte - oder nicht. Und auch Sie haben ein Recht darauf, irgendwann zu erfahren - und zu wissen, von welchen Vorstellungen und Überzeugungen ich mich als Ihr Lehrer habe leiten lassen. Hierüber Klarheit zu bekommen, das erfordern schon die allgemeinen Menschenrechte, als da sind: das Recht auf Menschenwürde, auf freie Persönlichkeitsentfaltung, auf Leben und die Freiheit der Person, kurz: das Recht, wahr- und ernstgenommen zu werden - und deshalb Aufklärung zu erhalten darüber - und zu wissen, nicht nur wer Einfluß auf einen genommen hat, sondern was es mit ihm auf sich hatte, von welchen Kräften er selber bestimmt wurde.

Ich jedenfalls habe, in Intention der eben skizzierten Gedanken, das Bedürfnis, Sie Einblick nehmen zu lassen in das System der geistigen Antriebe, die mich - soweit ich selber meine, das erkennen zu können - bei der Arbeit mit Ihnen leiteten und - die für mich mein ganz Persönliches waren - und sind. Das bin ich Ihnen, das sind wir uns - so empfinde ich es - schuldig.

Es ist damit nicht beabsichtigt, irgend jemanden zur Zustimmung und Akzeptanz zu bewegen, gar zu überreden. Damit wollen wir es doch bitte so halten, wie bei uns gewohnt: Jeder ist, für sich genommen, frei, sich zu entscheiden, wohin und wozu immer er will, sofern er damit nicht praktisch das Leben und die persönliche Freiheit eines anderen bedroht. Es ist das, was zu sagen ich mir hier und heute erlauben möchte, deshalb keine missio, sondern eine professio, oder - eingedeutscht - keine Mission, also keine gezielte Aktion zur Bekehrung anderer, sondern eine Profession, ein Bekenntnis mit dem Ziele der Selbsterkenntnis und - nötigenfalls auch der Selbstrechtfertigung - wie zugleich der Rechtfertigung vor anderen, insbesondere vor Ihnen. Und - es geht auch nicht - wozu die zählebige Bezeichnung "Lehrer-Schüler-Verhältnis" leicht verleiten könnte - um eine gewissermaßen nachzuholende, verspätete "Belehrung". Denn, erstens, ist auch eine solche von mir nicht beabsichtigt, sondern ich folge allenfalls dem Gebot des Anstands und der Ehrlichkeit Ihnen gegenüber - und damit mitmenschlicher Verantwortung, und, zweitens, haben Sie mich an Kenntnissen, beruflichem Können und Erfolg sowie gesellschaftlichem Ansehen inzwischen wohl weit hinter sich gelassen. Des provinziellen Wassers, das ich Ihnen, wenn überhaupt, jemals zu reichen vermochte, sind Sie auf dem Ozean Ihrer Fähigkeiten, Erfolge und Weltläufigkeiten längst nicht mehr bedürftig. Verglichen mit Ihnen bin ich in der Situation, die der frankfurterische Ausspruch so treffend kennzeichnet: Gib'm was ze drinke, sonst verdörrt’r der.

Also: übernehmen Sie, möglicherweise nur aus menschlicher Sympathie, nichts, ebenso wenig wie Sie einfach ablehnen sollten - sondern prüfen Sie meine Argumente. Beurteilen Sie letztere allerdings nicht wie solche aus den experimentellen Wissenschaften, sondern nach den Gesetzen der Plausibilität, d.h. der unmittelbaren Einsichtigkeit. Denn nicht alles, was für des Menschen Leben von existentieller Wichtigkeit, was also wesentlich für ihn ist, läßt sich mittels einer Versuchsanordnung experimentell beweisen. Das gilt für seelische Phänomene ebenso wie für ästhetische und ganz und gar für solche des Glaubens - womit jedoch über deren Bedeutung für unser menschliches Leben nicht das geringste ausgesagt ist.

Mein Selbstverständnis als Lehrer gründete in meinem Selbstverständnis als Mensch. Es ergibt sich aus dieser Aussage die Nebenfrage für mich, ob sich beides überhaupt trennen läßt, ja - ob beides nicht im Grunde identisch ist, identisch sein muß, will man als Lehrer überhaupt eine      -aber das sollte sich von selbst verstehen-      positive Wirkung erzielen. Jedoch: da nichts so ungewiß und so schwer fixierbar ist wie die Wirkung eines Lehrers, will ich mich hier und heute in den Versuch einer Beantwortung dieser Frage nicht verstricken. Nur soviel: wenn das Selbstverständnis als Mensch hinter einem bestimmten Anspruch zurückbleibt - und dafür gibt es bedauerns- und beklagenswerte Beispiele - dann muß sich das auch auf die Rolle als Lehrer auswirken, und zwar negativ. An dieser Wahrheit führt kein Weg vorbei.

Mein Selbstverständnis als Lehrer, d.h. wie ich mich selber in meiner Rolle als Lehrer verstand, gründete also in meinem Selbstverständnis als Mensch. Wie aber habe ich mich verstanden - und wie verstehe ich mich noch heute als Mensch?

Sie kennen die alte, provokante, aber unausweichlich notwendige Frage: Wer erzieht die Erzieher? Antwort - meine Antwort -: Jeder, als freier - und das heißt auch: verantwortlicher Mensch im wesentlichen sich selbst. Und zwar als das Selbst, das er infolge des eigenen Erziehungs- und Entwicklungsweges - unter Einflußnahme vieler daran beteiligter Quellen (Personen sowohl wie Ereignisse) - geworden ist. D.h. also durch die in die eigene Verantwortung übernommene Selbsterziehung. Alles andere mag besser sein als nichts, ist aber kein Ersatz. Vor allem, das gilt für mich, gehört zur Selbsterziehung des Lehrers die Suche nach dem letzten Wert (den die Alten als das "höchste Gut", lat. das "summum bonum" bezeichneten), unter dem und auf den hin gesehen jedes einzelne Tun und Handeln und jeder Gedanke seinen Sinn erhält.

(Marcus Tullius Cicero - wenn's beliebt: Kikero - 106 - 43 v. Chr., sagt dazu in seinem Buch "De finibus bonorum et malorum" = Über das höchste Gut und das größte Übel, im 15. Kapitel des fünften Buches folgendes: "Wenn man jedoch das höchste Gut nicht kennt, dann kennt man notwendigerweise die grundsätzliche Orientierung seines Lebens nicht. Daraus ergibt sich aber eine solche Verirrung, daß man nicht wissen kann, in welchen Hafen man sich retten soll. Ist aber das letzte Ziel erkannt, indem man einsieht, was das höchste Gut und was das schlimmste Übel ist, dann ist der Weg des Lebens und der Begriff jedweden pflichtgemäßen Handelns gefunden, indem man fragt, auf welchen Bezugspunkt etwas jeweils auszurichten ist.")

Damit aber haben wir das eigentliche Feld der Didaktik betreten. Sie ist - entgegen der allgemein gängigen, aber völlig nichtssagenden Übersetzung ‘Unterrichtslehre’ - die Wissenschaft - also das systematische Beobachten, Untersuchen und Bedenken - von den Zielen. Ziele aber sind als Begriffe und Leitbilder des Handelns sinnlos ohne die Vorstellung von Werten, die allein sie erst zu auswahlwürdigen Zielen zu machen vermögen.

Als unverzichtbar für meine Existenz als Mensch wie für meine Rolle als Lehrer haben mir stets, erstens, das ständige Bemühen um selbständiges und schöpferisches - und, zweitens, um ein hochgradig wertbezogenes Denken gegolten, letzteres auf religiöser, aber nicht unbedingt dogmatisch und konfessionell verfaßter Grundlage.

Selbstverständlich gehörte bei meiner Arbeit als Lehrer die Wissensvermittlung unverzichtbar hinzu. Aber - nicht um ihrer selbst willen, auch nicht primär um eines anderen mit ihr zu erreichenden Zweckes willen, sondern um mit ihr in das genannte besondere Denken einzuführen - und sich anhand von Wissensdaten in ihm zu üben. Also: die Welt der Realien nie als Selbstzweck gesehen, sondern als Gleichnis für den in ihr verborgenen, zu entdeckenden Sinn. Daß es ohne Kenntnis des jeweils Faktischen nicht geht sollte unter hinreichend verständigen Menschen unbestritten sein, weshalb ich es mir und Ihnen hier erspare, dieses Selbstverständliche zu begründen.

Selbständiges, schöpferisches Denken also. Was unter selbständigem Denken zu verstehen ist, braucht ebenfalls nicht groß erläutert zu werden. Nur soviel: es geht dabei nicht darum, ausschließlich etwas zu denken, was noch nie gedacht worden ist, aber wenn etwas Vorgedachtes, dann doch so, daß das Denken stets auf der Höhe des Verstehens ist - oder umgekehrt.

Doch: was verstehe ich unter "schöpferischem" Denken?

Zunächst vermeide ich dafür die Bezeichnung, auf die man heute allenthalben stößt: "vernetztes" Denken. Nicht wegen des Wortes an sich, auch nicht weil es im Bereich der Computer und elektronischen Datenverarbeitung seinen guten Sinn macht, sondern: wenn es und weil es kommentarlos auf den Menschen angewendet wird. Die mittels dieser Technik mögliche weitgreifende und rasante Vernetzung von Daten führt zu einer schier unvorstellbaren Kombinationsfülle und ermöglicht daraus Ergebnisse, die der Mensch, zudem in einer ihm nicht möglichen Geschwindigkeit, zu erbringen nie imstande ist. Gleichwohl ist das Ergebnis dasjenige einer technischen, noch dazu vom Menschen selbst geschaffenen Apparatur - und darf allenfalls als artifizielle, künstliche Intelligenz, nicht dagegen als Intelligenz schlechthin, nämlich menschliche Intelligenz, bezeichnet werden. Es erscheint mir deshalb nicht nur als gedankenlos, sondern als im letzten gefährlich, für beide "Intelligenzen" dieselben Begriffe zu verwenden - und damit den Unterschied zwischen den beiden Intelligenzträgern nicht nur sprachlich, sondern auch im Denken aufzuheben. Weil dadurch der Mensch nicht nur als auf eine Ebene mit dem Apparat gestellt zu sein scheint, sondern dieser auch den Maßstab für jenen abgibt und - so betrachtet - der Mensch im Vergleich mit dem Apparat als Verlierer enden muß. Das aber wird dem Menschen nicht gerecht, da er zwar, was das quantitative Leistungsvermögen betrifft, hinter dem Apparat rettungslos zurückbleiben muß, aber - was die Kreativität angeht - dem Apparat qualitativ unendlich überlegen ist. Denn - welcher Apparat wäre in der Lage, z.B. angeregt durch den Duft einer Rose, ein lyrisches Gedicht zu schreiben, das den Leser schlagartig in der Tiefe seines Seins begreifen läßt, was es mit der Schönheit wie zugleich der Vergänglichkeit allen irdischen Daseins auf sich hat - einer unmittelbaren Erkenntnis des Schicksals alles Vergänglichen, also auch des Menschen selbst. Es geht bei alledem gar nicht darum, die Leistung eines Computers zu verkleinern. Oder gar zu verteufeln. Wir werden die Zukunft ohne diese Prothese nicht bestehen können. Sondern es geht nur darum, bei einem Vergleich von Maschine und Mensch deren Verschiedenheit gedanklich wie auch sprachlich nicht vergessen zu machen.

Uns ist vom chinesischen Philosophen Kung-fu-tse, bei uns bekannter als Konfuzius (geb. 551 v. Chr. in Shantung, gestorben um 479 v. Chr.) u.a. folgendes überliefert: "Der chinesische Weise Meister Kungfutse wurde einst vom Fürsten des Staates We gefragt, was er für das Wichtigste im Staatsleben ansehe. Der Meister sprach: ‘Was vor allem nötig ist, daß man alle Dinge beim rechten Namen nennen kann.' Der Fürst Dsi Lu äußerte sich ziemlich absprechend über diese Äußerung des Meisters. Kungfutse verwies ihm dies und antwortete: ‘Man darf das, was man nicht versteht, nicht beiseite lassen. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist; ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeihen Moral und Kunst nicht; gedeihen Moral und Kunst nicht, so trifft das Recht nicht; trifft das Recht nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Also dulde man nicht, daß in den Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.’"

Einige unter Ihnen werden sich wahrscheinlich an eine Reaktion von mir erinnern, die Sie damals möglicherweise als eine Marotte empfunden haben, die aber ihren tieferen Grund in dem zuvor Ausgesagten und Zitierten hatte. Stets monierte ich die Anwendung des Wortes "Stück" auf Menschen. Also z.B. auf die Frage, wieviel Schüler denn am Mitfahren interessiert seien, die Antwort: "Mindestens 20 Stück." Menschen sind in der Geschichte nachweislich immer dann als Stück o.ä. bezeichnet worden, wenn man abträglich über sie sprechen wollte oder wenn gar Menschenverachtung herrschte.

So wie fehlende Denkbemühung eigentlich immer zu einem sprachlichen Ausdruck führt, der den Dingen unangemessen ist, so bewirkt ein unangemessener oder falscher Ausdruck bei denen, die ihn bilden, übernehmen und gebrauchen, ein falsches Verständnis des Dings, auf das er sich bezieht. Handelt es sich nun nicht nur um Dinge, sondern um Menschen, so ist die Auswirkung derartiger Unschärfen, Unangemessenheiten und Falschheiten noch katastrophaler. Das geschieht wohl meist aus Bequemlichkeit, aber häufiger, als man das annehmen möchte, aus gezielter, taktischer Absicht. Es ist eine uralte Menschheitserfahrung     -der Historiker kennt eine Fülle von Beispielen dafür, die geradezu "Geschichte gemacht haben", man denke z.B. an das politische Kampfmittel der gezielten "Desinformation", aber auch der Psychologe weiß davon zu reden-      daß Worte verletzen, ja - töten können. Und das bei weitem nicht immer unbeabsichtigt und ungewollt. Das Ding, die Sache, der Mensch, um die es geht, verwandelt sich infolge der sprachlichen Mitteilung über sie in das Ding, die Sache, den Menschen dieser sprachlichen Mitteilung. Eines der makabersten Beispiele aus der jüngeren deutschen Geschichte: der gezielte, aus berechneter Absicht unaufhörlich wiederholte Vergleich einer Minorität, nämlich der Deutschen mosaischen Glaubens, mit Parasiten und Ungeziefer durch die NS-Propaganda, was bei der deutschen Bevölkerung zu einem Abbau der Hemmschwelle den Juden gegenüber führte, zumindest zu innerer Distanz bis hin zur Gleichgültigkeit.

Solche Irritationen, wenn nicht gar schlimmere Folgen, durch unscharfes, unbemühtes Denken, demzufolge unscharfe Begriffe und - unscharfe Verantwortung sind, leider, nicht nur historische Vergangenheit, sondern geschehen immer, solange es Menschen gibt, die ihrer Welt denkend begegnen und die gelungenen oder - die mangelhaften Ergebnisse dieser Begegnung sprachlich auszudrücken versuchen. Die Aufgabe, sich dabei verantwortlich zu verhalten, bleibt immer gestellt. Selbst eine geglückte Lösung gilt nur so lange, wie man für ihre Entstehung gebraucht hat. Es gibt bei der damit aufgegebenen Verantwortung weder ein Verschnaufen noch einen Ausweg aus ihr.

Ich zucke jedesmal zusammen, wenn Journalisten oder Politiker im Zusammenhange mit einer Auseinandersetzung zwischen Menschen vom "Knackpunkt" sprechen. Diese auf den ersten Blick griffige, anschauliche Wortschöpfung - umso unbedenklicher zur Nachahmung reizend, je hochkarätiger der Vorsprecher - stammt aus dem Bereich der Materialprüfung. Stoffe werden in dafür eigens entwickelte Vorrichtungen eingespannt, unausweichlich, und höchsten Druck- oder Zugbelastungen ausgesetzt, bis sie brechen oder zerreißen - um abschätzen zu können, welche Belastungen man später den Produkten (Maschinen u.ä.) zumuten kann, die aus den zu diesem Zweck geprüften Materialien hergestellt werden sollen. Ein höchst sinnvolles Verfahren. Denn schließlich kann es mir nicht einerlei sein, ob mein Auto beim Fahren über eine Rüttelstrecke auseinanderfällt - oder ob es bei einem immer möglichen Crash für mein Überleben eine Chance gibt. Was mich daran stört     -vom ersten Augenblick an, als ich es hörte und es mir ein geradezu körperliches Unbehagen bereitete,-     das ist, abgesehen von seinem gewalttätigen Klangcharakter, die undifferenzierte sprachliche Übertragung des Wortes von dem so behandelten Material auf den Menschen bzw. auf Tätigkeiten, deren Träger er ist. Der Einwand, daß auch Menschen Höchstbelastungen, ja - "Zerreißproben" (wieder ein solcher Ausdruck) ausgesetzt sind, ist zwar zutreffend, sticht aber nicht im Sinne dessen, worum es hier geht. Mir paßt, um dieses Wort zu gebrauchen, dabei "die ganze Richtung nicht". Was nämlich in bezug auf Stoffe, Materialien und auf die Technik insgesamt durchaus sinnvoll, gar notwendig, weil dem Menschen dienlich ist, das muß, auf den Menschen selbst gerichtet, als unerlaubt, ungehörig und unangemessen gelten - und deshalb verboten sein. Allenfalls, nämlich um eine bewußt herbeigeführte Situation, in der ein Mensch absichtlich bis zum Zerreißen belastet wird, zu kritisieren und zu verurteilen, darf vom "Knackpunkt" im Zusammenhange mit dem Menschen gesprochen werden, aber dann eben als ihm unangemessen und deshalb verurteilungswürdig. Wie hatte doch Cicero so treffend geurteilt: "Ist aber das letzte Ziel erkannt, indem man einsieht, was das höchste Gut und was das schlimmste Übel ist, dann ist der Weg des Lebens und der Begriff jedweden pflichtgemäßen Handelns gefunden, indem man fragt, auf welchen Bezugspunkt etwas jeweils auszurichten ist." Das heißt für mich: Der Mensch ist - und muß es bleiben - (richtig verstanden!!) die Krone der Schöpfung. Die Krone allerdings ist er, unangefochten dauernd, nur als Entwurf und Möglichkeit. Er ist die Krone nicht schon - und gar etwa nur deshalb, weil er - ohne sein Zutun übrigens - als Mensch geboren worden ist. Richtiger wäre zu sagen: zum Menschen geboren worden ist, weil die Präposition "zu" etwas von dem Richtungshaften andeutet, das wahrzunehmen und dann ihm zu folgen dahin, wo er seine Vollendung erreichen könnte, dem Menschen aufgegeben ist. Er kann diese Aufgabe annehmen und ihr folgen - er kann es aber auch lassen. Das ist das uralte Problem der Willensfreiheit des Menschen, des ersten Freigelassenen der Schöpfung, wie Herder und andere die Einmaligkeit des Menschen treffend charakterisierten. Gleichwohl bleibt er seinem Entwurfe, bleibt er der Disposition nach die Krone der Schöpfung. Von hier her hat er seine Würde, die von unserer Staatsverfassung, dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, als unverletzlich festgeschrieben worden ist.

"Schöpferisches" Denken, um auf diesen Begriff noch einmal zurückzukommen, ist eben nicht     -wie manche Erklärer, deren eigenes Denken verengt und ohne Sinnbezug geworden ist, sagen-      nur "neues", noch nie dagewesenes, sensationelles, häufig mit nichts als damit Aufmerksamkeit erregendes Denken, sondern ein Denken, das die Welt in die Richtung zu fördern sucht, in der sie sich - soweit im Irdischen möglich - zu vollenden vermag. Der in ihr liegenden Disposition folgend, die man unmittelbar zu erkennen vermag, wenn man die Schöpfung - wie Kant es unvergleichlich formulierte - "mit interesselosem Wohlgefallen" betrachtet, gleichsam in sie, und also auch in sich selber, hineinhorcht. Eine Vollendung, ähnlich der aristotelischen Idee von der Entelechie, die Goethe in die Worte faßte: "Geprägte Form, die lebend sich entwickelt."

Schöpferisches Denken ist also ein dem inneren Sinn der Schöpfung folgendes Denken. Es kann, z.B., nicht der Sinn der Schöpfung sein, den Menschen zu einem Abhängigen dessen zu machen, was er selber hervorgebracht hat, z.B. der Technik, eines technischen Systems, z.B. der Datenverarbeitung. Deren Mittelhaftigkeit muß bewußt bleiben. Bei aller Wichtigkeit, die sie für den Menschen haben mag. Schöpferisches Denken ist ein Denken, das die Rangfolge des unmittelbar oder mittelbar Geschaffenen zu erkennen und bewußt zu machen versucht und - die Ergebnisse dieser Denkarbeit sprachlich zu formulieren, zeichenhaft in Erscheinung treten zu lassen sich bemüht. Schöpferisches Denken ist sinngerichtetes und sinngeordnetes Denken, das man - je nach Situation und Ziel - auf verschiedene Weise praktizieren kann, z.B. als kausales Denken, als Denken in Zusammenhängen und Relationen, als Analogie-Denken, als erkundendes, phantasievolles, utopisches, forschendes, prüfendes Denken etc. Darüber wäre, ggf., gesondert zu handeln.

Die Welt ergründen wollen, in ihrem Entwurf zur sinnvollen Geordnetheit. Bis zu den Grenzen vorstoßen - allerdings nicht mit der Absicht, sie zu überschreiten, sondern um sie zwar auszuloten, aber um sie dann zu akzeptieren. Letztendlich also     -ich wage diese heute, noch, viele befremdende Aussage-:     schöpferisches Denken ist - religiöses Denken.

Und damit bin ich bei der zweiten großen Kraft, die mein Leben als Mensch und - Lehrer bestimmt hat, und komme damit zum Schlußteil meiner Profession.

Es wird nun wahrlich dem Anspruch von Geistigkeit nicht gerecht, wenn man sich     -wie kürzlich bei einer öffentlichen Meinungsbefragung des Fernsehens geschehen-     stolz als Studentin bezeichnet, zugleich aber in Mikrophon und Kamera hineinspricht: man halte gar nichts von Religion, insbesondere von der christlichen, man fühle sich im Widerspruch zu dieser - und nun kommt's - Ideologie. Deshalb einige kurze, aber notwendige Überlegungen zu den Begriffen Religion und Ideologie, zu ihrem Verhältnis und - ihrer Abgrenzung zueinander.

Eingedenk der Aussagen Kungfutses, daß die Worte nicht stimmten, wenn die Begriffe nicht richtig seien. Und: daß man nicht dulden solle, daß in den Worten irgend etwas in Unordnung sei, - eingedenk dieser Aussagen erfolgen die nachstehenden Informationen und Erläuterungen.

Der Engländer Francis Bacon resp. Baco von Verulam (1561 - 1626) wird häufig als Vorfahr, als einer der Begründer dessen gesehen, was später, insbesondere im 20. Jh., als Ideologie bekannt wurde. Bei genauerer Betrachtung ist dieses Urteil nur richtig hinsichtlich der Namensgebung und der Problemstellung "Ideologie". Aber Bacon selbst war kein Ideologe, sondern eher ein Urahn der Ideologie-Kritik. Denn er sieht in den Idolen     -quasi den Keimzellen und Bausteinen von Ideologien-     eine Gefahr, die zu bekämpfen ist.

Unter Idolen versteht Bacon Vor-urteile und falsche Vorstellungen. Diese haben ihren Grund und Ursprung in der mangelhaften Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Diese ihrerseits ergibt sich aus dem Faktum des endlichen, unvollkommenen Bewußtseins des Menschen.

Man kann die Gefahr, Vorurteile und falsche, weil mangelhafte und vom eigenen Interesse gesteuerte Vorstellungen zu haben, nicht grundsätzlich und ein für allemal beseitigen, aber man kann dieser Gefahr begegnen, indem man sich ihrer als ständig drohender Fehlerquelle bewußt wird und dieses Bewußtsein zur dauernd gegenwärtigen Basis seines Denkens und seiner Urteile zu machen versucht. Und: indem man jede ursprüngliche Vorstellung auf ihre allgemeine Gültigkeit hin überprüft, indem man sie durch präzise Beobachtung der Wirklichkeit sowie an den Erfahrungen testet.

Damit gilt Bacon insbesondere als einer der Begründer der exakten naturwissenschaftlichen Methode. Aber damit ist seine allgemeine Bedeutung - über den Bereich der Naturwissenschaften hinaus - noch nicht erfaßt. Im Grunde nämlich initiiert er eine Rückbesinnung auf die existentielle Befindlichkeit des Menschen schlechthin: auf seine Mangelhaftigkeit und Begrenztheit. Und in dieser Rückbesinnung liegt das einzige wirkungsvolle Mittel, wie man - wenn überhaupt - den Idolen, Vorurteilen, falschen Vorstellungen und den daraus oder darauf errichteten Systemen, kurz: all dem, was man später Ideologien nennen sollte, - wie man also alledem vorbeugen könne: indem man nämlich sich das Bewußtsein vom qualitativen Unterschied zwischen Un-endlichem und End-lichem, zu dem man selber gehört, bewahrt - und aus diesem ständig wachzuhaltenden Bewußtsein heraus beim Urteilen Vorsicht walten läßt. Insbesondere Vorsicht betreffs der Gefahr, in Abwesenheit erkennbarer Wahrheit sich selber, also seine eigenen unvollkommenen, durch Einmischung eigener Interessen fehlerhaften, falschen Vorstellungen, zur Wahrheit zu erklären. Und erst dann, wenn der Mensch versucht, dem allgemeinen religiösen Gefühl einen Inhalt zu geben, der seine eigene unvollkommene, begrenzte Vorstellungswelt für absolut, ja - für Gott erklärt, entsteht Ideologie. Aber das ist Menschenwerk, nicht Gott, und berührt Den sowie das tiefe unmittelbare Gefühl des Menschen Ihm gegenüber, also die wahre Religion, in gar keiner Weise. Ja - sogar jede historisch und umweltlich wie kulturell bedingte Religion - selbst in einer ganz eigenen Formensprache und Idiomatik -, die sich ihrer Endlichkeit bewußt bleibt, entgeht der Gefahr, zur Ideologie zu werden. Und spätestens jetzt sollte unmittelbar einsichtig geworden sein, wie absolut verfehlt es ist, eine echte Religion Ideologie zu nennen. Zwischen beiden Begriffen - und dem, was sie meinen, liegen Welten. Und man sollte hier - wie überall, aber besonders hier - alles tun, um zu verhindern, daß die Begriffe verschwimmen oder - wie Kungfutse es so meisterlich formulierte - daß das, was gesagt wird, nicht das ist, was gemeint ist.

Ein bereits rascher Blick in ein wahrlich nicht allzu anspruchsvolles Informationsmittel, wie Kröners Philosophisches Wörterbuch, zeigt, daß der Begriff "Ideologie" durchaus längst präzise im Sinne meiner obigen Anmerkungen definiert ist. Aber viele, selbst solche, die sich auf ihre Bildung viel zugute halten, wissen das anscheinend nicht. Gebrauchen diesen Begriff aber - und das ist nicht nur gedanken-, sondern im Grunde bedenkenlos, - so, als ob sie es wüßten. Und erst das ist das eigentliche Ärgernis: denn nicht etwas nicht zu wissen ist das Übel, sondern etwas nicht zu wissen, aber so zu tun als ob. Leute, die sich so verhalten, benehmen sich bei der Ablehnung von etwas, was sie für ideologisch halten, z.B. der Religion, wegen ihrer unberechtigten Vorgabe, Bescheid zu wissen, im selben Moment eigentlich selber - ideologisch.

Religion - Opium fürs Volk?! Nein, nicht die Religion, sondern das durch Verfälschung erzeugte Mittel, das skrupellose Herrschsüchtige aus ihr zu machen verstanden. Die Religion selbst ist von dererlei Manipulationen völlig unbetroffen. Nicht sie, sondern nur das verfälschte Bild von ihr ist mit Recht in die Kritik geraten. Und hier kommen wir nun an den Punkt, an dem selbst überzeugte Atheisten aufhorchen müßten und der sie interessieren müßte, wenn sie denn nicht wollten, daß die Welt - und sie selbst mit - im Chaos versinkt. Nämlich: für Lessing     -einer der ganz Großen unserer deutschen Geistesgeschichte und von einer Bedeutung menschheitlichen Ausmaßes-      für Lessing also, so vermag man es manchmal zwischen seinen Zeilen zu lesen, ist es im letzten gar nicht so entscheidend, ob es Gott wirklich gibt (obwohl er selber, Lessing, schon davon überzeugt war), sondern für ihn ist entscheidend, daß der von Natur her zwar höchst begabte, aber infolge seiner vergänglichen Natur eben auch ständig schwache Mensch sich mit Hilfe seiner Begabung etwas schaffe, was gegen seine Schwäche, die er selber klar sieht, ein Halt sein kann. Und insofern kommt er, Lessing, zu der geradezu revolutionär wirkenden Aussage, daß der Mensch seine Aufgeklärtheit erst dann vollendet haben wird, also erst dann als wahrhaft aufgeklärt gelten kann, wenn er aus ganz klarer Erkenntnis, aus hellsichtiger Selbsterkenntnis seiner existentiellen Befindlichkeit - sich die Religion, die gläubige Bindung an den "einigen Gott" und an die Unsterblichkeit der Seele, gewissermaßen selber und wissentlich "verordnet" haben wird. Damit einen höchsten Wert setzend, der ihn stets an seine eigene Mangelhaftigkeit und Begrenztheit erinnert - und niemanden niemals mehr aus der Pflicht zur Verantwortung entläßt; sich selber aus tiefster Einsicht in seine stets latenten Schwächen und in seine Neigung, bestehende Ordnungen dann zu manipulieren, wenn das einer momentanen Interessenlage dienlich wäre, - sich selber also aus weiser Voraussicht, nötigenfalls per Gesetz, eine Grenze zu setzen - und diese für unaufhebbar zu erklären, für "unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst", wie Schiller das in "Wilhelm Tell" formulierte. Das wäre eine Folge dessen, was Lessing "vollendete Aufklärung" nennt. Geradezu der Nachweis für den einem Menschen überhaupt möglichen, höchsten Grad von geistiger Reife. Denn was könnte es Erwachseneres geben als den Mut, der Wahrheit über sich selbst ins Gesicht zu sehen, sie zu akzeptieren und - Wege und Mittel für den förderlichsten Umgang mit ihr zu entwerfen.

Ganz im Widerspruch dazu steht die noch vorherrschende Meinung, daß alles, was Religion betrifft, etwas für inferiore Menschen sei, das man bei ihnen mit dem gewissen überlegenen Lächeln quittiert - wie den Weihnachtsmann. (Der bei Kindern beobachtete schwindende Glaube an ihn wird ja dann, üblicherweise und mit kaum verhohlenem Stolz, als Beweis für Aufgeklärtsein, Intelligenz und Reife gelobt.) Und doch ist ein solches Verfahren, nämlich sich selber eine unangreifbare Grenze zu setzen, nicht so weltfremd und paradox, wie es auf den ersten Blick - und zwar unschöpferischem Denken - scheinen möchte. Denn auch unser gegenwärtiges Staatswesen lebt auf der Grundlage einer Verfassung, die es verbietet, die Grundrechte zu verändern oder gar abzuschaffen, zuvörderst den Art. 1 des GG, der die Beachtung der Würde des Menschen gebietet. Noch leben wir alle unter diesem Schutz, leben gut und profitieren von ihm, also von der segensreichen Setzung der weisen Väter unseres Grundgesetzes. Aber wie lange noch in einer Welt, die von der Erosion eines lebendigen Glaubens an den höchsten Wert von Tag zu Tag mehr bedroht ist. So daß vielen Menschen, zumal vielen jüngeren, zunehmend das Verständnis für den Sinn solcher Passagen in unserer Verfassung abgeht. So daß sie aus Unverständnis und Nichtwissen, nicht einmal aus gezielter Boshaftigkeit, die Streichung solcher, in ihren Augen sinnlos gewordener Textpassagen verlangen und sich dabei sogar in dem Glauben wiegen, etwas ganz Fortschrittliches, weil angeblich der Menschheit Dienliches zu verlangen.

Es ist immer wieder merkwürdig und irritierend, wie wenig der Mensch dazu bereit ist, das für bare Münze zu nehmen, was als Realität buchstäblich auf dem Wege, auf der Straße liegt. Fast jeder ist heute Autofahrer. Und als solchem ist es ihm absolut geläufig, daß die Bodenhaftung der Reifen - und damit seines Wagens - unter anderem, aber sehr entscheidend von der Profiltiefe der ersteren abhängt. Bei abgefahrenen Reifen droht das Rutschen, Schleudern, droht Unfall, evtl. der Tod. Man verstößt zwar ab und an gegen dieses Wissen, aber kaum jemandem käme es in den Sinn, die Wahrheit dieses Wissens zu bestreiten. Wenn es aber darauf ankommt, dieses Wissen für einen anderen Lebensbereich, ja - für die gesamte Existenz nutzbar zu machen (man brauchte es nur von einem Bereich auf einen anderen zu übertragen , also - schöpferisch zu denken), dann erweist sich ein und derselbe Mensch als merkwürdig starr, als geistig unbeweglich, ja - als begriffsstutzig. Aus der Übertragung von einem Erfahrungsbereich auf einen anderen aber ergäbe sich die folgende - den Menschen nicht gefährdende, sondern ihn erhaltende - Erkenntnis: Dort, wo im Menschen die Eindrücke in seinem Wertbewußtsein, also - vergleichsweise - die Profile, abgeflacht sind, droht ihm, viel schlimmer und folgenschwerer als einem seelenlosen mechanischen Wagen, das unkontrollierte und unkontrollierbare Rutschen, Schleudern und Verunfallen. Auf die immerwährende Sicherheit der "Profile" eines Wertbewußtseins      -im Irrglauben, sie seien von Natur aus einfach da, für immer vorhanden und bedürften nicht der sensibelsten, sorgsamsten Pflege,-      auf eine solche immerwährende, gleichsam "pflegeleichte" Sicherheit der "Profile" des Wertbewußtseins also kann man sich eben nicht verlassen, denn - um diesen bildlichen Vergleich zu bemühen - sie fahren sich in den unaufhörlich heftigen Reibungen des Lebens ständig ab, ohne sich von selbst zu regenerieren - wenn sie nicht aus der Tiefe eines lebendig erhaltenen Wertbewußtseins dauernd nachgeschnitten und neu geschärft werden -.

Ich komme zum Schluß: Wenn ich des überwiegend guten Verhältnisses gedenke, das uns miteinander beschieden war, dann erscheint es sicherlich, da vergangen, in der Erinnerung beglänzter, als es in der realen Gegenwart war. Hätte also einen Teil seiner Ursachen in der allen Menschen seit je einwohnenden Neigung, erlebte Gegenwart in der Vergangenheit zu verklären. Doch sicherlich ist das erinnerte gute Verhältnis zwischen uns nicht allein damit erklärt. Ich hatte einfach Glück mit Ihnen. Sie waren schon als Schüler mindestens so liebe Menschen, wie Sie es heute immer noch sind. Sie haben mir das Dasein als Lehrer leicht gemacht. Und ein bißchen mag es ja auch an mir gelegen haben. Denn eines zu sagen gestatte ich mir guten Gewissens, nämlich: leicht gemacht habe ich’s mir nie, bemüht war ich, so oft und so viel ich nur irgend vermochte.

Trotzdem: meine zuvor erwähnten Hauptantriebskräfte, das möglichst kreative Denken und die religiös begründeten Wertvorstellungen, veranlassen mich zu Bescheidenheit und Demut bei einer Selbstbewertung. So habe ich schon manches Mal gedacht, wie es wohl gewesen wäre, hätte mich das Leben an einen anderen Schulort verschlagen, an dem eine wesentlich bunter gewürfelte Schülerschaft mit wesentlich mehr Lebensproblemen mich vor ganz andere Aufgaben gestellt haben würde. Möglicherweise hätte ich da einfach versagt. Ich weiß es nicht. Möglicherweise hätte ich auch diese Situation nach dem Prinzip von "challenge and response" bewältigt. Doch - das sind akademische Erwägungen - die allerdings zur Folge haben, daß man gegen die Versuchung zur Überheblichkeit gefeiter wird. Wir jedenfalls dürfen, ja müssen von der Situation ausgehen, wie sie für uns bestand. Stellen wir also fest, daß wir mit uns einiges Glück gehabt haben - und seien wir dankbar dafür.

Und seien wir im Gefühle dieser Dankbarkeit eine Gemeinschaft von freien, verantwortungsvollen Menschen, die sich - ohne jegliche verpflichtende Satzungen - miteinander verbunden fühlen - einfach im Gedanken an die Humanität. An eine Menschlichkeit, die den Namen verdient, weil sie sich ihres Menschseins dauernd bewußt ist, d.h. seiner existentiellen wie essentiellen Grenzen, die wir bewußt akzeptieren und annehmen - und damit den Ursprung allen Seins, der zugleich unsere Abhängigkeit wie auch unsere Freiheit begründet - um aus diesem Bewußtsein das tiefe Verständnis für den jeweils Anderen zu gewinnen. Für die Duldung nicht nur, sondern für den unwiderstehlichen Antrieb zur Hilfe, wenn wir spüren, daß der Andere dieser bedarf, um sich zum Menschen mit Würde und dem Bewußtsein dieser Würde entwickeln zu können. Und fühlen wir uns als eine Gemeinschaft von Freien unter dem Anspruch, den wir, wenn auch nur in seltenen Stunden, in unserem Geiste vernehmen, und dem wir, wenigstens ab und an, in der Wirklichkeit Geltung zu verschaffen versuchen sollten, um damit verhindern zu helfen, daß wir selber - und mit uns die Welt - in der grauen Beliebigkeit, Flachheit und Fadheit des Alltäglichen versinken. Seien wir Menschen - mit einer Ahnung von der Tiefendimension, die dieser Begriff in jahrtausendealter Denktradition erhalten hat.

Wer da nun gemeint haben sollte, mein ganz Persönliches sei etwas schamhaft zu Verheimlichendes, gewissermaßen unter der seelischen Unterwäsche Verborgenes, dem sei gesagt, daß dieses einer Aufdeckung oder Preisgabe weder bedarf noch wert ist, einfach deshalb nicht, weil es nicht das Aller-persönlichste, sondern das Allgemeinste, um nicht zu sagen: Allergemeinste ist. Denn wir haben es alle, jeder von uns. Um darüber Bescheid zu wissen, genügt es, bei Schiller nachzulesen: "Willst du dich selber erkennen - sieh’, wie die andern es treiben. Willst du die andern erkennen - blick’ in dein eigenes Herz."

Das Persönlichste kann nur etwas sein, was uns über das Allgemeine hinaus charakterisiert und kennzeichnet. Und dazu glaube ich, was mich betrifft, nach bestem Wissen und Gewissen, wenn auch unterm dauernden Zwang, kürzen zu müssen, einiges hier gesagt zu haben.

Was ich hier angerissen habe, das ist zugleich mein Bekenntnis zu dem, wonach ich immer gestrebt habe und - wovon ich mich während meines Lebens als Mensch wie als Lehrer habe leiten lassen. Es ist auch das, was ich heute für gültig und notwendig erachte. Die Vorbereitungen auf dieses Bekenntnis am heutigen Tage waren die jüngste Gelegenheit für mich, die in ihm vertretenen Thesen wieder einmal zu überprüfen. Sie haben der Überprüfung standgehalten.

Sollte es mir dagegen in den Jahren der schulischen Zusammenarbeit mit Ihnen nicht immer oder nur sehr eingeschränkt gelungen sein, diese Überzeugungen deutlich werden zu lassen und umzusetzen - so bitte ich Sie nachträglich um Nachsicht und Vergebung für Ihre verschwendete Zeit und Geduld. Sagen dürfte ich jedoch auch für diesen Fall: es war keine böse Absicht meinerseits, sondern eine Folge meiner menschlichen Mängel.

Und nun sehen Sie mir am Schluß diese eine Vertraulichkeit nach, die ich mir - was sonst nicht unbedingt meine Art war - heute herausnehme, wenn ich sage: Ich danke Euch für Eure Treue und Zuwendung, die Ihr mir erwiesen habt - und heute so überwältigend erweist. Ich danke Euch für die lieben Worte, die Ihr für mich gefunden habt, und für alles, worin sich Eure Sympathie ausdrückte. Ich will mich - so lange wie es mir noch beschieden sein wird - bemühen, dessen würdig zu sein. Und ich weiß, daß sich darin zugleich Eure Sympathie für meine liebe Frau ausdrückt, ohne die ich nicht hätte das sein können, was ich war. Und ich danke Euch, daß Ihr mir durch Euer liebenswürdig-höfliches Zuhören die Gelegenheit gabt, das als Professio abzulegen, was mir auf dem Herzen lag. Ich danke Euch.

 


[Seitenanfang] [Inhalt "Dem Menschen verpflichtet"] [Homepage]