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Hans-Günter Marcieniec
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13.


 

Gedanken zum Begriff und Phänomen "Jubiläum"

Rede anläßlich des 30. Jubiläums eines Abiturs

Alsfeld 1996

[Ansprache am 11. Mai 1996 beim Treffen in der Gaststätte 'Am Pranger' in Alsfeld, 30 Jahre nach dem Abitur am Gymnasium Albert-Schweitzer-Schule in Alsfeld (Oberhessen)]

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe ehemalige Schülerinnen und Schüler!

Ich bitte vorab diejenigen unter Ihnen, die zu betreuen als Lehrer ich nicht das Glück hatte, um Vergebung, daß ich      -trotz der naturgemäßen Unvertrautheit zwischen uns-      mir erlaube, das Wort auch vor Ihnen zu ergreifen.

Es ist damit keine verspätete Kompetenzanmaßung beabsichtigt, sondern hat seinen Grund schlicht und einfach in der Tatsache, daß dieses Treffen nicht im ehemaligen Klassenverband stattfindet, sondern den gesamten Abiturjahrgang umfaßt.

Nun hätte ich ja      -angesichts dieses mir vorab bekannt gewordenen Faktums-      überhaupt darauf verzichten sollen, hier und heute etwas zu sagen. Aber: da haben Sie, haben wir alle, mich eingeschlossen, die Rechnung ohne den Wirt gemacht, nämlich ohne die schier unbezwingbare Neigung eines ehemaligen gelernten - und wohl auch gewordenen - Lehrers, zu reden. Denn irgendwoher muß halt jeder sein Selbstwertgefühl beziehen bzw. bestätigen. Zumal dann, wenn er      -aus Gründen eines leicht fortgeschrittenen jugendlichen Alters-      keine offiziellen Gelegenheiten mehr dazu hat. Und auch die beste, wahrlich die beste und geduldigste Ehefrau alleine vermag dieses Manko als Zuhörerin nicht zu kompensieren. Zumal sie, wie jeder Staatsbürger der BRD, unter dem verfassungsrechtlichen Schutz der Unversehrtheit und Unverletzlichkeit der Person steht.

Bitte, seien Sie aus diesen schwerwiegenden Gründen nachsichtig mit mir und damit, daß ich überhaupt - und was ich reden werde.

Je näher dieser heutige Tag rückte, desto öfter hörte ich das Wort vom '30-jährigen Jubiläum'. Und irgendwann war‘s dann, das war gar nicht aufzuhalten, daß etwas in mir realisierte, in dem Worte 'Jubiläum' steckten ja 'Jubel' und 'jubeln' - und schon geschah, im Akte des Stutzens und Erstaunens, die Genesis eines philosophischen Fragens, das sich schließlich wie folgt verdichtete: Worüber jubeln wir, wenn wir uns 30 Jahre nach Ostern 1966 treffen? Und: Gibt es einen Grund, über dieses Datum 1966 sowie über dessen jährliche, heute nun 30-jährige Wiederkehr zu jubeln?

Es deucht (es deucht! Sie merken: jetzt wird's seriös!), es deucht den Philologen, man könnte einer Antwort auf diese Fragen näherkommen, indem man sich erst einmal Klarheit darüber verschaffte, was 'jubeln' und 'Jubel' denn ursprünglich überhaupt - und dann im Laufe geschichtlicher Entwicklung bedeuteten.

Einschlägige Werke, insbesondere Grimms Deutsches Wörterbuch, geben uns, kurz zusammengefaßt, folgende Auskünfte: Das Vulgär-Latein, also das umgangssprachliche Latein des Volkes, kannte die Wörter 'jubilus, jubilum' als Ableitungen von der Interjektion (also dem Empfindungswort oder -laut) 'ju' (interessanterweise die genaue Entsprechung der deutschen Interjektion 'ju') - und das Vulgär-Latein meinte damit das 'jau-chzende Geschrei der Hirten und Soldaten'.

(Ich erspare mir die Zeit für die Begründung, weshalb gerade diese beiden Gruppen, nennen wir sie Berufs-Gruppen, als exemplarisch für jauchzendes Geschrei galten. Aber jeder, der nur einige Kenntnisse und Phantasie hat, sich in die Existenz von (zumal jener frühen Zeit in z.T. noch wilden Gegenden) und in diejenige von Soldaten (derselben frühen Zeit) zu versetzen, der findet die Begründung leicht selber.

Im Mittelalter übernahm das sog. Mittellateinische 'jubilus, jubilum' in die Kirchensprache. Mit beiden Wörtern bezeichnete man anfangs das wortlose, langgezogene Frohlocken am Ende eines Kirchengesangs - und schließlich - um einiges später, aber nun als inzwischen ausgebildete, besondere Kunstform- die 'Frohlockung mit Gesang'.

(An dieser Stelle dürfte ein kurzer Exkurs zum Begriff 'frohlocken' angezeigt sein. 'Locken' hat in diesem Falle nichts mit der Bedeutung 'verlocken' des heute gleichlautenden Verbs 'locken' zu tun, das mit ‚Lüg-e' verwandt ist (lock-, Lüg-) und bedeutet: 'durch Reize irgendwelcher, wenn nur effektiver Art jemand zum Näherkommen zu bewegen suchen', kurz gesagt: 'in Versuchung führen' - sondern 'lokken' in 'frohlocken' kommt von 'löcken' (bekannt aus der Redewendung 'wider den Stachel löcken') und ist verwandt mit 'Leich', dem mittelalterlichen Tanzlied. Es leitet sich her vom germanischen 'lak' in der Bedeutung 'mit den Füßen arbeiten, stoßen', auch vom gotischen 'laiks' = Tanz - und dem, ebenfalls gotischen, Verb 'laikan' = hüpfen, springen. 'Frohlocken' bedeutet demzufolge ‚vor Freude springen‘.

Ein erklärendes Wort noch zu 'wider den Stachel löcken': in alten Zeiten wurden beim Pflügen mit Ochsen- und Pferdegespannen die Tiere mit einem stachelbewehrten Stab zu rascherer Gangart angetrieben, gegen den sie sich      -denn wer als Ochse oder Pferd hat Derartiges schon gern-      mit Ausschlagen der Hinterbeine zu wehren suchten. 'Löcken' - es handelte sich um keinen Zungen-, sondern um einen Beinschlag - hat also nichts mit 'lecken' zu tun, wie heute, aus Unkenntnis, manchmal und fälschlich erklärt wird.)

Doch zurück zum 'Jubel'. Die Mystiker (Stichwörter: Mystik, deutsche Mystik, Meister E(c)khart, Zeit: 13./14. Jh.) - die Mystiker vertieften die Bedeutung von 'jubilus, jubilum = Frohlocken mit Gesang', indem sie ihm die Bedeutung gaben 'Jauchzen der Seele bei der Versenkung in Gott'. Ins Neuhochdeutsche und - vor allem - für sog. modernere Ohren Unanstößigere übertragen vielleicht: 'Das mit Jubel verglichene Wohl- oder Hochgefühl, das bei gelungener Konzentration, bei innerer Sammlung auf Wesentliches (schon wieder so'n Wort!) den Menschen zu erfüllen vermag'. (Fremdsprachen müßte man können...)

Ein anderer Strang der Bedeutungsgeschichte des 'Jubels' knüpft an das sog. 'Jubeljahr' der alten Israeliten an: alle 50 Jahre wurde bei ihnen, zwecks sozialen Ausgleichs, eine Neuverteilung des Land-, des Bodenbesitzes vorgenommen. Der jeweilige Eintritt dieser Maßnahme wurde im ganzen Lande gewissermaßen durch Posaunenschall angekündigt, nämlich durch Blasen mit dem Widderhorn, das hebräisch 'jobel' heißt.

Im späten Mittelalter verschmolz das hebräische 'jobel‘ mit dem lateinischen 'jubilus, -um' zu 'jubilaeus, -um', nachdem die christliche Kirche um 1300 die jüdische Einrichtung des Jubeljahres (wegen des Posaunenschalles auch 'Halljahr' genannt) auch bei sich eingeführt hatte. Jedoch nicht mit einer Neuverteilung des Bodens, sondern mit einem Ablaß (nicht, wie später geduldet mißverstanden, Ablaß der Sünden, sondern der verhängten Sündenstrafen) - einem Ablaß also, der in gewissen Zeitabständen gewährt wurde. Ein solches Jubeljahr sollte nach dem Willen von Papst Bonifatius, kurz: Bonifaz VIII., als Gnadenjahr der Kirche alle l00 Jahre wiederkehren, wurde jedoch, nachdem man seinen geschäftlich-einträglichen Nutzen erkannt hatte, von späteren Päpsten auf eine Wiederkehr von 50, dann 3o und schließlich 25 Jahren herabgesetzt.

Seit dem 16. Jh. erscheint in der deutschen Sprache 'Jubel' in den Wörtern 'Jubeljahr' und 'Jubiläum' vom kirchlich-sakralen Hintergrunde losgelöst und bedeutet einfach 'das hundertste, fünfzigste oder auch fünfundzwanzigste Jahr nach einer merkwürdigen (= des Merkens würdigen) Begebenheit' (z.B. Hochzeits-, Amts-, Regierungsjubiläen).

Hat man nun so über die Entstehung und die Geschichte der Wörter 'Jubel' und ‚Jubiläum' einiges in Erfahrung bringen können, so möchte es einem trotz alledem, hat sich der erste Rauch der neuen Informationen verzogen, so gehen wie Faust: "Da steh' ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor ..." Denn: es bleibt die Tatsache, daß Jubiläum etwas mit Jubel, mit Jauchzen und mit ganz besonderer Freude zu tun hat. Und so bleibt denn auch, demzufolge, die Frage offen: Worüber jubeln wir, wenn wir uns 30 Jahre nach dem Abitur treffen? Gibt es einen Grund, über das Datum Ostern 1966 und über seine alljährliche, heute nun 3o-jährige Wiederkehr zu jubeln?

Also: worüber jubeln wir?

Darüber, daß wir das Abitur 'geschafft' haben?

Nun, der Jubel, wenn überhaupt, war bzw. wäre sicherlich am Tage nach bestandenem Abitur verständlich und berechtigt, weil das Bezugsereignis noch akut, noch frisch war. Und das mag auch noch für eine geraume Zeit danach gegolten haben. Aber Jahr für Jahr immer noch und immer wieder? Nach 30 Jahren noch?

Ja, wenn das Abitur einen solchen hohen Stellenwert hätte wie beispielsweise - die Geburt. Oder wenigstens wie die wundersame Errettung aus einer akuten Lebensgefahr. Einer Situation also, der man sein Leben verdankt. Aber: verdankt man dem Abitur sein Leben?

Vielleicht die günstigeren, möglicherweise auch besonders günstigen Lebensumstände, in die man, durch das und mittels des Abiturs, gelangt ist.

Doch wir wissen: nicht jeder der ein Abitur 'machte', ist in gesellschaftlich, finanziell, materiell günstige Lebensumstände gelangt. Das Abitur ist keine generelle Garantie dafür, rechtfertigt demzufolge auch keinen allgemeinen Jubel. Und außerdem: es gibt nicht wenige, die ohne Abitur ('Kaiser' Franz u.a.m.) zu günstigen und günstigeren Lebensumständen gekommen sind. Einmal ganz davon abgesehen, daß es Menschen gibt (gepriesen seien sie!), die, ohne sich auch nur im geringsten um dererlei zu kümmern, einfach glücklich sind.

Also worüber jubeln wir?

Vielleicht darüber, daß man mit ihm, dem Abitur, die Schule überhaupt hinter sich lassen konnte?

Doch: abgesehen davon, daß das Abitur nicht die einzige Form ist, eine schulische Laufbahn zu beenden - so ist es inzwischen Geschichte. Zwischen damals und heute ist     -wie man so zu sagen pflegt-      viel Wasser die Schwalm (oder einen anderen bedeutenden Fluß) hinabgeflossen. Und da soll man sich noch heute darüber so freuen, noch so jubeln können wie damals, als es akut war!? Zumal es     -so die sich zwar unverständlicherweise, aber hartnäckig haltende Fama-     immer auch solche gegeben haben und immer wieder geben soll, die es eher bedauerten als bejubelten, die Schule verlassen - nicht zu können, sondern zu müssen.

Wie aber     -und vor diesem ganz anderen, plötzlich aufschießenden Gedanken will schier der Atem stocken-      wie aber, wenn man sich mit der Bezeichnung Jubiläum in Verbindung mit dem Abitur einen hintergründigen, beinahe schon hinterhältigen Scherz erlaubt hätte? Willentlich einen sprachlichen Faux-pas begangen, ein formales Mittel, z.B. das der Ironie, vielleicht sogar die Stilfigur des Paradoxons ganz bewußt angewendet hätte, um auf eine tiefere Wahrheit aufmerksam zu machen, eben die, daß Abitur mit Jubel so viel oder so wenig zu tun habe wie nun, vielleicht, das Rrrrindviech mit dem Formulieren der Relativitätstheorie?

Doch: diese Befürchtung - oder Hoffnung? - dürfte jeder Grundlage entbehren. Wird doch kaum jemand mehr     -wie leidvolle Erfahrungen lehren-     Sprache so ernst nehmen, daß man bei der Formel '30-stes Jubiläum eines Abiturs' an einen willentlichen Faux-pas wird denken dürfen. Haben wir es doch wohl eher, wie so häufig in unseren Tagen, mit einer schuldunbewußten Harmlosigkeit unseres in der flachen Dünung des Alltagssprachgebrauchs mitschwingenden Geistes zu tun.

Trotzdem - oder gerade deshalb die Fragen: Was bejubeln wir anläßlich eines, anläßlich dieses Jubiläums? Was bejubeln wir mit, was in ihm? Wem gilt der Jubel unseres Jubiläums?

Bejubeln wir einen Sieg?

Vielleicht so wie in der bissig-witzigen Definition des Begriffes 'Sitzung', die da bekanntlich lautete: Eine Sitzung sei der Triumph des Hintern über den Geist!?

Bejubeln wir also unseren Sieg über die be-standene, vielleicht auch durch-gestandene Zeit, nämlich 3o Jahre, seit dem Abitur?

Jedoch: wie bestanden?

Hat jeder von uns echten Grund, alles, was diese 30 Jahre umfassen, als einen Sieg, als einen Erfolg o.ä. zu bejubeln? Und überhaupt: wieso sollten wir den Ablauf     -was ja meint: Verlauf, also: weg, vergangen!-     von 30 Jahren bejubeln, der uns ja doch unübersehbar und spürbar näher an den Punkt herangebracht hat, an dem all unser Jubeln auf natürliche Weise für immer enden wird?! Was gäbe es angesichts dieser Realität zu jubeln? (Es sei denn, wir gehörten zu der schon fast ausgestorbenen Spezies der Religiösen: Tod bzw. Hölle - wo ist Dein Stachel!?)

Vielleicht liegt eine, liegt die Antwort auf alle solche Fragen in einem Bündel aller möglichen Gründe, von denen jeder gewissermaßen ein bißchen zu ihr, der Antwort, beitrüge. Aber dann hätten wir es noch immer nur mit einem Konglomerat von Gründen zu tun, von denen jeder für sich einen Jubel eigentlich nicht zu rechtfertigen vermöchte. Und wir befänden uns in einer Lage, ähnlich derjenigen in der Aussage Mephistos in Goethes Faust: "Dann hält er die Teile in der Hand – fehlt, leider, nur das geistige Band."

Welches aber könnte das geistige Band sein, das alle möglichen einzelnen, auch ganz individuell bestimmten Gründe zusammennehmen - und alle zusammen durch einen Sinn überhöhen könnte?

Vielleicht so: Abitur - als bewußt gewordene Verpflichtung. Als wahr-genommene Chance. Als vernommener Anspruch. Als 'challenge', sich immer wieder neu, wo immer man auch angekommen sein mag, auf den Weg zu machen. Weg, Richtung ist - Sinn (gotisch 'sinsino.gif (846 Byte)'). Wo ein Weg gesehen wird, da ist Sinnlosigkeit nicht. Was gäbe es am Abitur zu bejubeln, wenn nicht das, daß es dazu verholfen hätte, einen Sinn für den Sinn aufzuschließen und zu entwickeln, der nur dort gesucht und nur dadurch gefunden werden kann, zuvorderst Ansprüche nicht zu stellen, sondern einen Anspruch zu vernehmen. Und das Organ für ein solches Vernehmen ist, so weist es die sprachliche Verwandtschaft aus - die Vernunft. Ein solcher Anspruch aber erfolgt aus einem Bereich, der über den hinausliegt, in dem das Subjekt nur dauernd in sich selbst brütet, als ein borniertes, also geistig beschränktes, engstirniges Bewußtsein, wie Hegel das in seiner 'Phänomenologie des Geistes' einst definierte.

Ein Mensch aber, der einen solchen Anspruch in      -oder mittels seiner Vernunft vernommen hat-      der hat die reinere, hat die Luft der Freiheit, wo dem Geiste das Atmen leicht wird, geschnuppert - und wird dieses eindrückliche Erlebnis, zumindest als Sehnsucht, nie wieder verlieren.

Freiheit - nicht wovon (was in bestimmten Fällen für die Steigerung der materiellen, stoffbezogenen Lebensqualität ja sehr angenehm sein mag), sondern Freiheit wozu. Die Fähigkeit, das geistige Sensorium, Ziele nicht nur zu erkennen, sondern sie sich auch aus eigener Verantwortung zu wählen - die den Menschen aus dem Allzu-Alltäglichen, in das wir stets zu versinken drohen, hinauszuheben vermögen in den Bereich eines Denkens und Tuns, in dem allein so etwas wie Vollendung einer menschlichen Existenz möglich ist. Einer Vollendung, die jenseits aller gesellschaftlichen Belobigungen, Auszeichnungen und Prämierungen geschieht. Das Gute um seiner selbst willen tun - so sagte der große (deutsche) Aufklärer, der so auffallend häufig miß- oder halbverstandene (fast muß man Absicht dahinter vermuten!) und unterschätzte Lessing es am Schluß seines philosophischen Traktats 'Die Erziehung des Menschengeschlechts' - und drückte damit die Hoffnung aus, der Mensch würde im Laufe seiner Geschichte 'erwachsen' und - auf eine ihm gemäße Weise damit vollendet.

Sollten die Jahrestage einer Prüfung, die eine genuine schulische Laufbahn, nämlich die gymnasiale, beschloß - sollten die Jahrestage eines solchen Ab-iturs neben der Freude des Wiedersehens etc., etc. immer auch die Erinnerung an etwas Besonderes - wie oben angedeutet - mit sich bringen, dann wären sie Jubiläen - und trügen diese Bezeichnung zu Recht, denn dann wäre Jubel am Platze. (Nicht nur animalisches Grunzen.)

Und käme nun aber einer und zitierte nun, empört oder ironisch, das Brecht-Wort 'Glotzt nicht so romantisch!' - was vermöchte das im Grund dagegen zu sagen?! Die Sache, um die es geht, zwingt zu keinem Widerspruch - er liegt allein im Betrachter. Denn: wer oder was hindert uns, Dinge, die nicht zu wiegen, zu messen oder zu zählen sind, wohl aber den Menschen in seinem Wesen ausmachen, unromantisch, mit nüchternem Ernst zu betrachten, mit 'heiliger Nüchternheit', wie Hölderlin sagte? Es ist längst an der Zeit, das zu tun.

Trotzdem wäre es ganz gegen meine eigentliche Absicht, sollten meine Worte wirken wie ein Reif in der Frühlingsnacht - und die zarte Blütenpracht unschuldiger Feierstimmung frostig verletzen. Denn: das Sich-besinnen auf Wesentliches bedeutet nicht, auf die harmlosen Freuden des Lebens verzichten und ständig nur in mementomori-Stimmung und mit verdüstertem Blick durchs Leben gehen zu müssen. Wir wollen kein Genf à la Calvin. Dieses Auseinanderdividieren von Wesentlichem hier - und dem sog. "normalen" Leben auf der anderen Seite betreiben, viel zu lange schon, diejenigen, die das Wesentliche wegen seines lästigen Anspruchs fürchten - wie der Teufel das Weihwasser. Hier aber soll keiner vernunftlos-lebensfernen Askese das Wort geredet werden, sondern einer Ordnung der Werte, innerhalb der      -jeweils an seinem Orte und zu seiner Zeit-      jedes seinen Platz und sein Recht habe.

Ich danke Ihnen, daß Sie mich anhörten - und mir damit die Möglichkeit gaben, etwas von dem loszuwerden, was Ihr 30-jähriges Abitur-Jubiläum als Anstoß zu philosophischem Fragen in mir bewirkte.

Salvete, Amici!

 


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