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9.


 

Lessings Traktat
"Die Erziehung des Menschengeschlechts"

Geplanter Vortrag anläßlich des 25. Jubiläums eines Abiturs

Alsfeld 1991

[Die Erziehung des Menschengeschlechts, Ein philosophischer Traktat von Gotthold Ephraim Lessing, Darstellung, d. h. Zusammenfassung des Inhalts, verflochten mit deutendem Kommentar (1991)]

Als sich die ehemaligen Schüler und Schülerinnen, die zu Ostern 1966 als Klasse 13 s1 des Albert-Schweitzer-Gymnasiums zu Alsfeld ihr Abitur bestanden hatten, aus Anlaß des 20. Jahrestages ihres Abiturs trafen, kam eine der Anwesenden in vorgerückter Stunde     -im Beisein des damaligen Klassen-,     Deutsch-, Geschichts- und Sozialkundelehrers- auf den Gedanken, man sollte, wenn man sich anläßlich des 25. Jahrestages wieder träfe, doch nochmal eine Deutschstunde halten. Es sei früher zu so manchem keine Zeit gewesen, was man gern betrieben hätte, z.B. zu philosophischen Themen.

Der anwesende ehemalige Deutschlehrer widersprach dem nicht, hütete sich aber auch, Öl ins Feuer zu gießen - sah er doch erhebliche Arbeit auf sich zukommen. Als aber alle Anwesenden dem Vorschlage Beifall bekundeten, wollte er kein Spielverderber sein (es waren ja auch noch fünf Jahre Zeit!) - und erklärte sich grundsätzlich einverstanden. Auf seine Frage, woran man denn bei einer Philosophiestunde denke, kristallisierte sich sehr rasch als Thema heraus: etwas aus der Hegel’schen Philosophie. Das war ihm sogar ganz recht, hatte er sich doch während seines Philosophie-Studiums recht eingehend mit Hegel beschäftigt.

So weit, so gut.

Nun sollte man nie die während eines Zeitraumes von fünf Jahren unvermeidlich eintretenden Reibungsverluste und Verschleißerscheinungen unterschätzen, die einst sehr forsch beschlossene Vorhaben anzunagen und zu zerbröseln vermögen. Als man sich jedenfalls anläßlich des 25. Abiturs wieder zu treffen beabsichtigte, hatten die Organisatoren die Absprache von vor fünf Jahren längst vergessen. Nur der ehemalige Lehrer nicht. Allerdings hatte sich im Verlauf der fünf Jahre auch bei ihm einiges verändert: ihm war inzwischen     -durch die Entwicklungen in der Welt, in der wir leben, veranlaßt-      Lessing viel wichtiger, weil in einem ganz bestimmten Sinne "aktueller" geworden als Hegel. Und es lag demzufolge ein fertiges Manuskript vor, das zu seinem Vortrag allerdings mindestens eine doppelte Zeitstunde am Vormittag des Jubiläumstages im alten Klassenzimmer erfordert haben würde - hätte sich jemand an die alte Absprache erinnert.

Spät am Abend dann erlaubte er sich am runden Tische die ganz vorsichtige Frage, ob sich denn jemand von den Anwesenden erinnere, was man vor fünf Jahren für heute eigentlich beschlossen hätte. Verständnisloses Schweigen. Nur eine Ehemalige erinnerte sich. Er aber zog aus der Innentasche seines Sakkos das Manuskript, wies es der Runde vor, sagte: "Ich jedenfalls war präpariert" - und steckte es wieder ein. Rundum leicht betretene Gesichter. Doch - keine Verstimmung deswegen.

Hier ist das Manuskript mit der gerafften Darstellung und den darauf bezogenen Kommentaren von Gotthold Ephraim Lessings Traktat "Die Erziehung des Menschengeschlechts".

Es soll heute um Lessing gehen.

Nimmt man das Philosophische Wörterbuch von Schischkoff, erschienen im Verlag Kröner, zur Hand, so kann man unterm Stichwort "Lessing" lesen, er habe den kirchlichen Dogmatismus bekämpft und habe sich "in der Schrift 'Erziehung des Menschengeschlechts' ... nach den Zeitaltern des Genusses und des Ehrgeizes das der Pflichterfüllung" erhofft.

Was ist mit einer solchen Aussage anzufangen? Was meint sie?

Man kann Lessing in der genannten Schrift nur mißverstehen, wenn man sich mit dem Urteil des Wörterbuchs begnügt. Deshalb soll das Thema meines heutigen Vortrags sein:

Die Erziehung des Menschengeschlechts - Ein philosophischer Traktat von Gotthold Ephraim Lessing: Darstellung, d.h. Zusammenfassung des Inhalts, verflochten mit deutendem Kommentar.

Lessing stellt seiner Abhandlung ein Motto in Form eines Zitats aus Augustinus’ "Soliloquia" (= Monologe), Buch 2, Kapitel 10, voran. Es lautet im originalen Latein:

"Haec omnis inde esse in quibusdam vera, unde in quibusdam falsa sunt". Was frei übersetzt bedeutet: All dies (das Folgende) ist aus denselben Gründen in gewisser Beziehung wahr, aus denen es in anderer Beziehung falsch ist.

Die Wahl eines solchen Mottos ist für Lessing typisch. Er stellt das, was er vor dem Leser auszubreiten gedenkt, unter den Vorbehalt der Relativität menschlichen Denkens. Aus einer theologischen Kontroverse im Jahre 1777 stammt das oft zitierte Wort:

"Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!"

Diese Relativierung der Ergebnisse menschlichen Denkens erfolgt nun aber nicht, um sich nach dem Vorbild des Fuchses und seiner "sauren Trauben" allen Denkens als im letzten aussichtslos zu entschlagen, sondern (so Lessing wörtlich): "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz - ...".

Ich bitte, die nun folgende Darstellung des Nachdenkens Lessings im Sinne des ihm vorangestellten Mottos zu sehen.

In den §§ 1-5 seines Traktats stellt Lessing als selbstverständlich, unbezweifelt und unbestritten fest, daß es Gott gibt.

Bereits der erste Mensch ist bzw. war mit einem Begriffe von einem "Einigen Gott" ausgestattet     -d.h. nach Überzeugung Lessings ist der "Begriff vom Einigen Gott" dem Menschen eingeboren-,     aber die sich selbst überlassene menschliche Vernunft zerlegte in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte den "Einzigen Unermeßlichen in mehrere Ermeßliche ...", d.h. in bezug auf die menschliche Vernunft: sie ist eine Kraft - aber, sich selbst überlassen, vermag sie den Einen Gott nicht zu erkennen. (§ 6)

Sie bedarf dazu der göttlichen Subsidiarität, bedarf eines Stoßes in "eine bessere Richtung...". (§ 7)

In dieser Situation beschloß Gott      -gewissermaßen-     einzugreifen. Aber da er sich nicht jedem einzelnen Menschen offenbaren wollte, wählte er ein Volk, das er besonders erziehen wollte. Er wählte sich das ungeschliffenste, verwildertste dafür, um mit ihm ganz von vorne anfangen zu können: das israelitische. (§§ 8 und 9)

Das israelitische Volk befand sich in Ägypten. Vielleicht hatten die Ägypter es "in den Glauben gestürzt", "es habe gar keinen Gott", keine Götter. Gott / Götter zu haben sei nur ein Vorrecht der besseren Ägypter - um es (das israelitische Volk) mit "so viel größerem Anschein von Billigkeit tyrannisieren zu dürfen...". (§ 10)

Kommentar:

Lessing spricht von "in den Glauben stürzen". "Stürzen" bedeutet "heftig fallen; hin-fallen ...". Etymologisch geht "stürzen" auf eine indogermanische Wurzel *(s)ter zurück. Bedeutung: "star-ren, steif sein", ursprünglich "auf den Kopf stellen, umstülpen".

Wem fällt dabei nicht der berühmt-berüchtigte Ausspruch Karl Marx’ ein: er habe von G.W. Friedrich Hegel die Dialektik als brauchbar übernommen, ansonsten ihn aber vom Kopf auf die Füße stellen müssen.

Hier - bei Lessing - werden die Israeliten von den Ägyptern insofern in den Glauben "gestürzt", d.h. "auf den Kopf gestellt", "umgestülpt" - und "starr", d.h. bewegungslos, möglicherweise im eigentlichen Sinne "leb-los" gemacht, als sie von den Ägyptern glauben gemacht werden, es gäbe keinen Gott!

Im Umkehrschluß bedeutet diese Aussage: Ein Volk, eine in sich zusammenhängende Summe, eine Gemeinschaft also von Menschen, Menschen also, also: der Mensch im Plural - ist nur dann normal, es geht, steht, lebt nur dann "richtig", d.h. ihm selbst gemäß, dem Menschsein angemessen, wenn es an Gott glaubt!

Die Ägypter haben die Israeliten in deren Menschsein nicht nur verroht, sie haben sie sich nicht zu vollen Menschen entfalten lassen - sie haben damit auch den Zweck verfolgt, diese Nicht-voll-Menschen zu Wesen zu machen, die man ohne schlechtes Gewissen, ja: mit dem gewissensberuhigenden Gefühl von "Billigkeit" (bill = Recht), also mit einem Anschein von Recht, quasi: berechtigterweise "tyrannisieren" darf.

("tyrannisieren" von grch. tyrannos = Allein-herrscher, Gewalt-Herrscher; selbst-herrlich; jd. den eigenen Willen aufzwingen, beherrschen, unter-drücken)

Meta-Kommentar:

Es geht wahrscheinlich, mit hoher Wahrscheinlichkeit, Lessing (ob bewußt oder unbewußt) gar nicht einmal darum, ob es Gott      -unabhängig vom Glauben des Menschen-      gibt oder nicht. Sondern es geht um die Frage, ob es Gott im Glauben des Menschen gibt - oder nicht. Es geht um eine Schau. Um die Schau der sinnstiftenden Mitte menschlicher Existenz. Um die Idee (grch. eidós = Bild, lat. videre = sehen, dt. witan, wissen = wissen auf Grund von Geschaut- und Verstandenhaben) - um die Idee also Gottes, des Einigen Gottes.

Mir fällt dazu Fritz Bauer ein, in den ersten Nachkriegsjahren Generalstaatsanwalt in Hessen und großer Jurist mit philosophischem Tiefgang, der in die damals aktuelle Diskussion um die sog. "Nazi-Prozesse", insbesondere um das von Beklagten immer wieder vorgebrachte Argument ihrer Schuldlosigkeit wegen Befehlsnotstandes, das Gegenargument einbrachte: selbst wenn man versucht sein sollte, dem Befehlsnotstands-Argument zu folgen, dürfe man das nicht, weil mit Aufgabe der Ideen von Freiheit der Entscheidung und des Handelns sowie der persönlichen Verantwortung die Grundlagen unserer gesamten Kultur einstürzen müßten.

Die Ägypter tyrannisieren die Israeliten also im Gefühle guten Gewissens, sie anerkennen sie nicht in ihrem eigenen Wert, in ihrem Eigensein, und behandeln sie dementsprechend. Und das können die Ägypter erst, nachdem sie die Israeliten geistig so manipuliert haben, daß die nicht an Gott glauben. Der Nichtglaube an Gott macht aus den Israeliten Wesen, die als keine Vollmenschen gelten. Die aber darf man nicht nur behandeln wie Sachen (römisch-republikanisches Recht: Sklaven gehören ins Sachenrecht), man ist nicht nur berechtigt dazu, sie z.B. zu unterdrücken, man ist geradezu verpflichtet dazu. Und handelt damit "moralisch".

Und Lessing fügt (§ 10) nach einem Gedankenstrich, nein: zwischen zwei Gedankenstrichen (als Parenthese also, als Einschub, Zusatz, als vom Haupttext assoziierten Gedanken, der zugleich das im Haupttext Gesagte "aktualisiert", es als etwas erscheinen läßt, was ihn, Lessing selbst, und seine Mitmenschen in der eigenen Gegenwart etwas angeht!) - er schiebt also den Gedanken in Form eines einzigen Fragesatzes ein: "Machen Christen es mit ihren Sklaven noch itzt viel anders?"

Kommentar:

Wer sind die "Sklaven" der Christen - zu Lessings Zeit? Er selbst gibt darauf, zumindest in diesem Text, keine Antwort. Aber Aussagen und Andeutungen in anderen Texten, die gesamte Denkrichtung Lessings, die bei ihm überall waltet, legen die Antwort nahe: sog. "christliche" Herrscher im Umgang mit ihren Untertanen; Christen mit anderen Völkern, mit Menschen anderer Kulturen, Religionen etc., über die sie irgendwie Macht haben ... Die Aufzählung von Belegen ließe sich leicht bewerkstelligen.

Das israelitische Volk im Zustand der Gottlosigkeit, der Versklavtheit, der geistigen Unentwickeltheit - ist "roh". (§ 11)

Kommentar:

Die Semantik / Bedeutung von "roh" ist: nicht zu-bereitet; noch nicht ver-arbeitet; nicht behauen; ungeschliffen; un-ge-bildet; gewalt-tätig, rücksichts-los, grausam.

Die Etymologie: ahd. (h)rao, engl. raw - aus idg. *krouo, kreu = gerinnen (vom Blut); Grundbedeutung: "blutig".

Dazu: rüde = rauh - aus frz. rude = roh, rauh, grob - aus lat. crudus = blutend; crudelis = grausam, schrecklich. D.h. also: der Zustand der Israeliten ist zu dieser Zeit derjenige des Blutes. Blut aber gilt      -nach dem Lexikon der traditionellen Symbole von J.C. Cooper-      als "Lebensprinzip des Leibes". Die Israeliten leben, ohne über sich selbst zu Bewußtsein zu kommen, ohne von sich selbst ein Bewußtsein zu gewinnen, im dauernden Werden und Vergehen hinfließend, sinnlos. Es fehlt ihnen der Bezugspunkt, von dem her alles um sie herum     -und sie in ihm-      seinen Ort, Sinn, seine Bedeutung erhielte.

Gott verfährt in bezug auf das israelitische Volk wie ein guter Erzieher - der den ihm anvertrauten Zögling mit seinen Maßnahmen nie überfordert (obwohl er ihn fordert!): indem er langsam, Schritt für Schritt vorgeht, nie das jeweilige Verstehens-Niveau des Zöglings überfordernd:

- er erscheint den Israeliten zuerst als "Gott seiner Väter", damit Israel     -von den Ägyptern an Gott-losigkeit gewöhnt und infolgedessen un-menschlich behandelt-      begreift: auch ihm steht (ein) Gott zu. (§ 11)

- Gott führt     -auf wunder-volle Weise-     Israel aus Ägypten - und setzt es in Kanaan ein. Damit macht er Israel unmittelbar einsichtig, daß er mächtiger ist als jeder andere Gott. (§ 12)

- Er fährt fort, sich Israel als der Mächtigste zu zeigen - gewöhnt Israel damit an den Begriff des EINIGEN. D.h. Israel erhält einen Begriff (be-greifen, anschaulich, sinnenhaft begreifen - die einzig eindrücklich unvergeßliche Art zu begreifen) - Israel erhält also einen Begriff von dem EINEN, EINIGEN Gott: Mono-Theismus. (§ 13)

- Aber dieser Begriff vom "einigen Gott" war noch nicht "der wahre transzendentale Begriff des Einigen", war noch nicht die Idee des Einigen. Wenn auch die "Besseren" des Volkes ab und an schon eine Ahnung davon hatten.

Die Vernunft, so sagt Lessing, lernt den Begriff des Einigen erst spät aus dem Begriff des Unendlichen zu schließen. (§ 14)

Kommentar:

Die Vernunft ist     -als die Fähigkeit des "Vernehmens"-     im Grunde an diese materielle, körperliche Welt des Jetzt und Hier gekoppelt. Sie ist eine Kraft, die die Umwelt des Menschen wahrzunehmen, zu deuten, zu verstehen hilft. Die dadurch dem Menschen einen Weg, einen Sinn (got. sinsino.gif (846 Byte) < Anmerkung > = der Weg) zu zeigen vermag. Aber dieser Weg ordnet zwar die Fülle alles Wahrgenommenen, bleibt jedoch immer in der Gesetzmäßigkeit dieser Welt befangen. Der Sinn ist innerweltlich. Ist insofern immer von den selbst-bezogenen Interessen des Trägers der Vernunft bestimmt. Die Vernunft vernimmt, so gesehen, letztlich immer wieder den, der sie trägt und bestimmt, selbst. Sie bleibt Ich-, bleibt Subjekt- (nicht nur bezogen, sondern) befangen.

Die Idee (die Schau, die geistige Schau, das geistige Bild, das, was "mit den Augen des Geistes" gesehen wird) - die Idee des Einen Gottes - ist ein "Gesicht", das von dem innerweltlich Sichtbaren abstrahiert. Ist etwas, dem hier, in dieser körperlichen, materieabhängigen Welt nichts entspricht. Die Welt der "Götter" ist hier überwunden. Göt-ter sind, obwohl als Überhöhungen des in der Welt Erfahrbaren, Erfahrenen, immer noch zu stark die Schöpfungen der Subjekte, die sie erkennen. Deshalb gibt es so viele - und so viele verschiedene Götter, die immer auch noch in Widerspruch zueinander geraten.

Alle diese Widersprüche sind erst aufgehoben in der Idee des Einen Gottes - mit dem die Welt der Widersprüche überwunden ist. Und womit zugleich eine Ebene gefunden, von der befreiten Vernunft vernommen ist, die dem Zugriff des Subjektiven entzogen ist. Als entzogen gedacht, geschaut ist. Womit gleichzeitig die Unmöglichkeit gesehen ist, über diesen Einen Gott etwas Bestimmtes aussagen zu können: Deus abscondidus! Das ganz Andere! Die "negative" Theologie ...

Vorgriff:

Lessing wird gegen Ende seiner Abhandlung die Hoffnung aussprechen (§ 85), daß im Endzustand der Erziehung des Menschengeschlechts der Mensch alle stufenweisen Erkenntnisse aus seiner Geschichte "verinnerlicht" haben wird, so daß er die in metaphorischer, bildlicher Form gehabten Erkenntnisse in ihrem "Sinngehalt" verstanden, vernommen haben - und die Metaphern und Bilder selbst, mit denen sie ihm vermittelt wurden, nicht mehr benötigen wird: Er wird "das Gute um des Guten willen" tun. Aber selbst dann wird es nicht angehen, z.B. die Idee vom Einen Gott zu ver-gessen, sie quasi im Unterbewußtsein deponiert zu haben und sich darauf zu verlassen, daß sie sein Handeln und Verhalten von dort aus schon steuern werde. Denn zu sehr ist der Mensch immer in Versuchung     -zu jeder Stunde, an jedem Tag-     seinen eigenen Interessen nachzugeben, seine besten Vorsätze davon, häufig ihm unbemerkt, beeinflussen zu lassen. Um das Gute um des Guten willen nicht nur zu tun, sondern tun zu können, muß der Mensch auch im Endzustand seiner Erziehung durch Offenbarung sich die Idee vom Einen Gott im Bewußtsein wach und lebendig erhalten. Er wird nie ein "Engel" sein können, in dem die göttliche Seins-Weise und -Fülle direkt leben. Jedenfalls stärker und unmittelbarer als im Menschen     -obwohl selbst der Engel, zwar existenziell abgesicherter als der Mensch, die Freiheit der Entscheidung für - oder gegen Gott hat-      wie es der Mythos vom Abfall und Sturz der finsteren, schwarzen Engel (voran Luzifer, als der Lichtträger, nun als Satanas, der Widersacher) ausdrückt.

Aber zurück zum Text. Zum beschwerlichen zwar, aber sicheren Nachzeichnen des Erziehungs- bzw. Offenbarungsweges, den die Menschheit      -nach der phantasievollen, einfühlenden Schau Lessings-      unter Gottes Führung geht.

Welcher, so fragt er, moralischen Erziehung war dieses rohe israelitische Volk fähig? (§ 16)

Seine Antwort: Keiner anderen als derjenigen, die dem Alter der Kindheit entspricht - nämlich der Erziehung durch unmittelbare sinnliche Strafen und Belohnungen. (Eine derartige Ausdrucksweise bzw. Wortwahl vermag uns, die wir für Gewalt überhaupt, insbesondere aber in der Erziehung, sensibel geworden sind, zu erschrecken, weshalb später ein Einschub erfolgen soll als Versuch, den Begriff "Strafe" in einer Lessing angemessenen Weise zu erläutern).

Kommentar:

Was in der Erziehung auf der Stufe der Kindheit gilt, das gilt in der besonderen Art der Erziehung, die Gott als Offenbarung dem israelitischen Volk angedeihen läßt:

Die Blicke Israels gingen zu dieser Zeit nicht weiter als "auf dieses Leben". Es hoffte, "hier auf Erden" glücklich zu werden, wenn es das Gesetz Gottes beachtete und einhielt (ohne es im Grunde zu verstehen). Es fürchtete, unglücklich zu werden, wenn es das Gesetz Gottes nicht einhielte.

Über das, was ein irdisches Leben zu bieten vermag, gingen sein Denken und Fühlen nicht hinaus. Es war beschränkt in den Grenzen leiblich-materieller Existenz. Es kannte die Idee von einem künftigen Leben, die Idee von einer Unsterblichkeit der Seele noch nicht. Es kreiste mit seinem Denken und Fühlen ausschließlich in seiner irdischen Existenz. In sich selbst. Es war noch nicht fähig, über sich selbst hinauszudenken - es hatte noch nicht diejenige Fähigkeit entwickelt, die den Menschen als wesentlich auszeichnet. Und über die seine Gattung nicht von Beginn der Geschichte an in entfalteter, aktualisierter Form verfügt, sondern die sie "nur" in Gestalt einer potentiellen Anlage hat, die konkret zu entfalten - und auf dem Wege der Tradition von einer Generation zur jeweils nächsten auf Dauer zu sichern ist (wobei diese Art der Sicherung stets fragil bleibt - und das auf diese Art Gesicherte immer und immer wieder, und zwar zumindest zeitweilig, verlorengehen kann).

Das israelitische Volk auf dieser frühen Entwicklungsstufe "sehnte sich nach keinem künftigen Leben". (§ 17)

Gott wählte ein so rohes Volk, das israelitische, weil er mit ihm ganz von vorne anfangen mußte. (§ 18)

Kommentar:

Mußte? Nein - konnte. Denn nach einem alten Handwerkersprichwort     -Ausdruck tausendfach bewährter Erfahrung im Alltag-     ist es viel einfacher     -und erfolgreicher-    einen Gegenstand von Grund auf, ganz neu herzustellen, als einen bereits vorhandenen zu ändern, zu reparieren o.ä.

Gott erzog in ihm, dem israelitischen Volk, "die künftigen Erzieher des Menschengeschlechts". Denn das konnten nur Juden werden, nur Männer bzw. Menschen aus einem so erzogenen Volke. (§ 18)

"Unter Schlägen und Liebkosungen" war Israel schließlich zu Verstand gekommen - da stieß Gott es "auf einmal in die Fremde, und hier erkannte es auf einmal das Gute, das es in seines Vaters Hause gehabt und nicht erkannt hatte".

Kommentar:

Schon in § 16 war von "unmittelbaren sinnlichen Strafen und Belohnungen" die Rede gewesen. Daß es sich hierbei nicht um eine     -unter uns Heutigen zu Recht verpönte-      platte Prügel-Pädagogik handelt, sollte man Lessings geistigem Zuschnitt und Profil zumuten, es wird außerdem aus der Situation klar. Es handelt sich eben nicht um ein Erzieher-Kind- oder Vater-Kind-Verhältnis direkt, sondern um einen Vergleich, um übertragenes Sprechen also. In Wahrheit geht es um das Verhältnis Gottes zum Volke Israel, das Lessing mit Erziehung vergleicht, aber als Offenbarung versteht.

Es kann eigentlich gar keine Frage sein, daß Erfahrungen von "Völkern", die sie im wechselseitigen Beziehungsgeflecht von eigenem mit fremdem Handeln machen - daß also solche Erfahrungen von solch schmerzlicher, leidvoller Art sein können (man denke nur an alle Erfahrungen des deutschen Volkes mit dem Nationalsozialismus), daß sie sich nachbereitender, aufarbeitender Reflexion wie "Strafen" darstellen.

Der qualitative Unterschied dieser Art von "unmittelbarer sinnlicher Strafe" zu Schlägen in der Prügel-Pädagogik ist aber, daß "Schläge", die ein Volk, eine Gruppe von Menschen bekommt", von ihm selbst verursacht sind, daß also kein strafend-schlagendes Subjekt beteiligt ist, das möglicherweise eine Situation, die ihm das vermeintlich moralische Recht gibt zum Schlagen, noch sadistisch     -eigene Ich-Schwächen kompensierend-      genießt. Man spricht ja deshalb bei Völkern, Menschengruppen, aber auch einzelnen Menschen, von "Schicksals-Schlägen", von denen sie getroffen wurden.

Abgesehen von dieser Überlegung ist "Strafe"     -das zeigt die Etymologie des Wortes-      nicht immer mit körperlicher Züchtigung (mit nachfolgend psychologisch relevanter Tiefen- und Langzeitwirkung) identisch, sondern die Bedeutung z.B. des mhd. Verbs "straf(f)en" ist: mit Worten tadeln. Das mhd. Substantiv "straf(f)e" kennt die "Züchtigung"     -neben "Verweis, Schelte, Tadel"-     nur als eine von mehreren Bedeutungsnuancen. (Wobei übrigens "Züchtigung" nicht ausschließlich "körperliche Züchtigung", also "Schläge" bedeuten muß, sondern andere Strafmaßnahmen meinen kann, deren Zweck im "Ziehen" besteht, im "Erziehen" ("er" von "ur" = "von ... heraus" = ein "Ziehen" aus einem Ausgangszustand heraus - zu einem "Erziehungsziel" hin, das der "Zögling", da ihm die Kenntnis gesellschaftlicher Normen etc. noch fehlt, nicht kennt, weshalb er der helfenden, u.U. starken Hand bedarf).

Von Interesse dürfte auch sein, daß "straf(f)e", das im Mhd. noch mit Konsonanten-Verdoppelung erscheint, auch dem Nichtphilologen äußerlich sofort erkennbar, mit "straff" verwandt ist. Beide Wörter sind wiederum mit "streben" verwandt, dessen Bedeutungsumfang ("ragen, sich strecken; sich angestrengt bewegen; kämpfen") auf einen umfassenden Entwicklungsprozeß des Individuums verweist, den es      -ein Einzelnes in seiner vielgestaltigen Umwelt-      zu seiner En-Kulturisierung benötigt. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang etwas vereinseitigend (weil z.B. der ökologische Aspekt, z.B. die Erziehung des Subjekts durch die von ihm selbst ausgelösten Rück-"Schläge" der Natur auf ihn selber, in diesem soziologischen Begriff fehlt) - Soziologen sprechen im oben angerissenen Zusammenhang bekanntlich von "Sozialisation".

Bedenkt man diese Gesichtspunkte im Zusammenhang der von Lessing (für die zum Ziele der Selbstfindung begonnene menschliche Entwicklung des Volkes Israel) verwendeten Wörter / Begriffe "Strafe" und "Schläge", so wird wohl jedem deutlich, daß man differenzierter sehen muß, anstatt sich den Blick auf das rasche Urteil "entwürdigende Prügel-Pädagogik" zu verengen.

(Ganz abgesehen von der Überlegung, ob ein "Schlag", eine "unmittelbare sinnliche Strafe" also, auch im inner-menschlichen Erziehungsverhältnis von Eltern / Erzieher - Kind in jedem Falle als verwerflich zu gelten hat, in jedem Falle mit Entwürdigung und Selbstwertverlust gekoppelt sein muß - zumal dann, wenn solche Strafe     -wie bei Lessing-     mit Belohnung und Liebkosung gekoppelt ist. Selbst der liebevollste, ganz auf das persönliche Wohl seines "Zöglings" bedachte Erzieher wird in bestimmten, für die Entwicklung seines Zöglings problematischen Situationen einen "Schlag" als "Strafe" für die wirkungsvollste Maßnahme halten - vorausgesetzt, er läßt den so Gestraften sehr bald danach spüren, daß diese Strafe nicht gegen, sondern für ihn erfolgte, um seinetwillen also. Die liebende, erklärende, erläuternde Anteilnahme am Schmerz durch Strafe läßt schädliche Wirkungen nicht entstehen.

Zurück zum Text.

Aber Israel war nicht das einzige Volk auf Erden. Die anderen waren inzwischen     -ohne Gottes direktes Eingreifen-      "bei dem Lichte der Vernunft ihren Weg fortgegangen". Erfuhren sie auch nicht den Vorzug der Offenbarung, so besaßen sie doch in der Vernunft ein geistiges Organ, sinnweisende Zeichen zu "vernehmen" (Ver-nunft). (Goethe, Faust I, Prolog im Himmel, der Herr zu Mephisto: "Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange / Ist sich des rechten Weges wohl bewußt...".).

Die meisten Völker waren hinter Israel zurück, nur einige waren ihm zuvorgekommen. Erklärender Kommentar Lessings dazu (mit einem Vergleich aus der menschlichen Erziehung): "Und auch das geschieht bei Kindern, die man für sich aufwachsen läßt, viele bleiben ganz roh; einige bilden sich zum Erstaunen selbst". (§ 20)

Aber letztere Beobachtung besagt nichts gegen Sinn und Zweck, gar gegen die Existenzberechtigung von Erziehung. "Das Kind der Erziehung fängt mit langsamen, aber sichern Schritten an; es holt manches glücklicher organisierte Kind der Natur spät ein; aber es holt es doch ein, und ist alsdann nie wieder von ihm einzuholen". (§ 21)

So, auf der Ebene der Offenbarung, das Verhältnis der Entwicklung Israels zu derjenigen der anderen Völker, derer Gott sich nicht unmittelbar angenommen hatte. Aber diese Bevorzugung Israels galt nicht nur den besonders herausgehobenen Juden, denen Gott sich besonders und direkt mitteilte, sondern dem ganzen jüdischen Volke. Und nicht nur diesem allein, sondern mittels seiner dem ganzen Menschengeschlecht. (§ 22)

In den §§ 23-25 geht Lessing auf verschiedene Einwände ein gegen die von ihm behauptete Göttlichkeit der Lehren von der Einheit Gottes und der Unsterblichkeit der Seele sowie der damit verbundenen Lehre von Strafe und Belohnung in einem künftigen Leben. Diese Lehren versuchte Gott     -nach Lessing-      den Israeliten zu vermitteln. Diese Lehren (Ideen) sind dazu angetan, die Menschheit in den Zustand der wahren Aufgeklärtheit zu versetzen,

Die Tatsache, daß sie sich nicht expressis verbis in den Büchern des Alten Testaments (A.T.) finden lassen, spricht nicht gegen ihre Göttlichkeit. Nicht dagegegen, daß sie im Sinne einer übermenschlichen Ordnung sind, die die Vollendung der menschlichen Existenz erst ermöglichen.

Die Erklärung dafür, daß sich von den o.g. Lehren (Einheit Gottes, Unsterblichkeit der Seele + Strafe und Belohnung in einem künftigen Leben) in den Büchern des A.T. expressis verbis nichts findet - bzw. daß diese Lehren darin nicht zusammenhängend, lückenlos ausgeführt sind - die Erklärung dafür gibt Lessing mit einem Vergleich: Ein Elementarbuch für Kinder dürfe das mit Stillschweigen übergehen, dem die jeweiligen Fähigkeiten der Kinder noch nicht zu entsprechen vermögen. Andererseits dürfte das Elementarbuch "nichts enthalten, was den Kindern den Weg zu den zurückbehaltenen wichtigen Stücken versperre oder verlege" (§ 26).

So gesehen durften in den Schriften des A.T. die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele verbunden mit der von der künftigen Vergeltung zwar fehlen. Aber enthalten durften die Schriften nichts, was dem rohen israelitischen Volke den Weg zu dieser "großen Wahrheit" verstellt haben würde. (§ 27)

Es gibt für den menschlichen Verstand in diesem Leben einen "Knoten", ein schier unauflösbares Problem, einen ärgerniserregenden Widerspruch: die ungleiche Verteilung der Güter dieses Lebens, "bei der auf Tugend und Laster so wenig Rücksicht genommen zu sein scheinet". Leicht hätte sich aus der täglichen Beobachtung und Erfahrung dieser Realität die bequeme Ansicht, der "Glaube" entwickeln können, materielle Begünstigung und Glück seien die Belohnung für ein gottesfürchtiges Leben; Armut und Unglück die Strafe für Missetaten. Solange ein Volk in seinem Denken und Fühlen aufs Diesseits beschränkt ist, lassen sich andere Erklärungen und Deutungen kaum finden. Hätten die Schriften des A.T. etwas enthalten, was diese Erklärungen gestützt hätte, wären sie untaugliche Elementarbücher für die Entwicklung der Israeliten (und damit der Menschheit) gewesen. (Hätten sie dagegen die Lehren von der Unsterblichkeit der Seele plus derjenigen der künftigen Vergeltung enthalten, hätten sie das damalige Verständnis Israels überfordert).

So mußte also "jener Knoten" vorläufig unerklärt, aber in seiner beunruhigenden, ärgerniserregenden täglichen Existenz erfahrbar bleiben. "Und es ist doch wohl gewiß, daß der menschliche Verstand ohne jenen Knoten noch lange nicht - und vielleicht auch nie - auf bessere und strengere Beweise gekommen wäre. Denn was sollte ihn antreiben können, diese besseren Beweise zu suchen?...". (§§ 27-31)

Kommentar:

Mit anderen Worten: der besagte "Knoten" blieb für die Israeliten ein "offenes Problem", dessen Offensein ständig zu einer Suche nach "besseren und strengeren Beweisen" reizte und antrieb. Zwar gab es im A.T. einzelne Ansätze, das Problem des Zusammenhangs von Glück / Unglück mit Tugend / Laster im Sinne eines innerweltlich begründeten Kausalzusammenhangs zu sehen und zu verstehen (so im Buch Hiob), aber der Ausgang der Hiob-Geschichte ist eine Absage an platte Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.

Wir fügen hinzu, daß es viel späterer Zeit vorbehalten war, nämlich dem Calvinismus mit seiner Prädestinationslehre, den Kausalzusammenhang zwischen irdischem Glück und Frömmigkeit bis in die Unsterblichkeit zu projizieren - um sie von dort her, nun gewissermaßen göttlich legitimiert, für die Deutung irdischen Glücks oder Unglücks zu mißbrauchen. Denn um einen Mißbrauch dessen, was z.B. Lessing für die Menschheit gewonnen sehen möchte, handelt es sich dabei.

Zurück zum Text.

Noch waren die Israeliten nicht im Besitze der Lehren von der Unsterblichkeit der Seele plus derjenigen künftiger Vergeltung. Aber sie waren weiterhin - mit Gottes helfender Offenbarung - für die Erkenntnis dieser Lehren offen.

Lehren, die eines "heroischen Gehorsams" bedürfen: "die Gesetze Gottes beachten, bloß weil es Gottes Gesetze sind" - aber nicht deshalb, weil Gott etwa die Beachter seiner Gesetze hier auf Erden zu belohnen verheißen hätte.

Ein Volk, das zu diesem heroischen Gehorsam erzogen werden könnte, wäre dazu berufen, "besondere göttliche Absichten auszuführen", die Gott in bezug auf die ganze Menschheit hat. (§§ 32, 33)

Aber Israel war noch nicht so weit - wohl aber weiterhin offen dafür. Während der Babylonischen Gefangenschaft (historisch 587 bis ca. 520 / 515 v. Chr.) hatten die Israeliten die Lehre vom Einen, Einzigen Gott zu begreifen nahezu vollendet. Zu dieser Zeit hatten die Perser eine reinere Lehre von Gott als die Israeliten. "Das in die Fremde geschickte Kind (Israel) sahe andere Kinder, die mehr wußten, die anständiger lebten, und fragte sich beschämt: warum weiß ich das nicht auch? warum lebe ich nicht auch so?...". Israel erkannte - unter dem Einfluß der persischen Religion - in seinem Jehova "nicht bloß den größten aller Nationalgötter, sondern Gott...". "So erleuchtet .. kamen sie zurück" in ihre jüdische Heimat "und wurden ein ganz anderes Volk, dessen erste Sorge es war, diese Erleuchtung unter sich dauerhaft zu machen. Bald war an Abfall und Abgötterei unter ihm nicht mehr zu denken. Denn man kann einem Nationalgott wohl untreu werden, aber nie Gott, sobald man ihn einmal erkannt hat".

Zwar hatten die Juden während ihres Zwangsaufenthalts bei den Persern "auch mit der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele" Bekanntschaft gemacht, ohne daß sie von ihnen schon voll innerlich akzeptiert worden wäre. Eine größere Vertrautheit mit dieser Lehre erhielten sie erst durch die Schulen der griechischen Philosophen. Aber der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele blieb zu dieser Zeit "nur der Glaube einer gewissen Sekte" im Volke Israel.

Kommentar:

Die erwähnten griechischen Philosophen wurden den Juden über Ägypten vermittelt. Während große Teile der jüdischen Bevölkerung nach der Niederlage gegen die Perser von diesen gewaltsam in persische Provinzen ausgesiedelt worden waren, war ein anderer Teil mit Jeremia 586 nach Ägypten geflohen, wo schon etwas früher jüdische Söldnerkolonien entstanden waren.

Gemeint sind mit den griechischen Philosophen wohl insbesondere Pythagoras und, von diesem in bestimmten Zügen seines Denkens beeinflußt, Plato. Damit ist ein starker idealistischer Grundzug angesprochen, der sich am stärksten in der jüdischen Sekte der Essener (auch Essäer) manifestierte (etwa) Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. bis Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.). Die Essener zogen sich aus den Städten, insbesondere Jerusalem, die sie für gottlos hielten, zurück, lebten in unzugänglichen Gegenden in klosterähnlichen Gemeinschaften. (Schriftrollen-Funde von Qumran / Rotes Meer). Sie versuchten, verstärkt durch asketische Übungen, in Reinheit und Zucht zu leben. Ihre Vorstellungen und Erwartungen waren eschatologischer und apokalyptischer Art.

(Eschatologie: aus grch. eschaton = das Äußerste, Letzte - und logos = Kunde; Apokalypse: aus grch. apokalyptein = enthüllen - das ist: die Aufdeckung des bevorstehenden Weltendes).

Will alles zusammen heißen: die Essener begriffen ihre Gegenwart bereits als "letzte Zeit". Ihr Denken, Verhalten und Handeln richtete sich daher nicht auf diese Welt, sondern auf das Danach, auf ein - schließlich und letztendlich - "ewiges Leben". So: Friedrich Heiler, Die Religionen der Menschheit, Stuttgart 1980, 3. Auflage.

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Es gab neben den Einflüssen aus Persien und Ägypten sog. "Vorübungen" auf die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Z.B. "die göttliche Androhung, die Missetat des Vaters an seinen Kindern bis ins dritte und vierte Glied zu strafen". Dies, so sagt Lessing, "gewöhnte die Väter in Gedanken mit ihren späteren Nachkommen zu leben" und von dem Unglück, das sie über diese unschuldigen Nachfahren bringen könnten, in ihren Gewissen bedrückt zu werden. (§ 44)

"Aber jedes Elementarbuch ist nur für ein gewisses Alter. Das ihm entwachsene Kind länger ... dabei zu verweilen, ist schädlich". Die Schriften bzw. Bücher des A.T., dazu die Anregungen von außen, die in der bisherigen Welt vorhandenen Beispiele anderer - sie alle hatten die Israeliten vorangebracht (immer mit helfender Offenbarung Gottes), aber eben nur bis dicht vor die Schwelle des Durchbruchs zur vollen Erkenntnis der transzendentalen, das Jetzt und Hier überschreitenden Ideen. Vor allem aber den Glauben an sie, so daß die Israeliten, und durch sie das ganze Menschengeschlecht, entschlossen wären, in diesem Leben Ernst mit ihnen zu machen. "Ein beßrer Pädagog muß kommen, und dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus den Händen reißen. - Christus kam" (§§ 45-53).

Damit war derjenige Teil des Menschengeschlechts, dem Gott qua helfende Offenbarung seine Erziehung hatte angedeihen lassen wollen, "zu dem zweiten großen Schritte der Erziehung reif".

Dieser Teil der Menschheit war "in Ausübung seiner Vernunft so weit gekommen", daß er nicht mehr deshalb moralisch (d.h. im Hinblick und mit Rücksicht auf andere "gut") handelte, weil er sich dafür Belohnungen erhoffte oder, bei Unterlassung, Strafen fürchtete, sondern weil er "edlere, würdigere Beweggründe" dafür erkannt hatte. Solche edleren Beweggründe nahmen jene Menschen nicht mehr aus dem Bereich des rein selbst bezogenen Nutz- und Zweckdenkens, sondern aus einem von den diesseitigen Interessen befreiten. Es gab auch hierfür Vorformen. Z.B. "tat der Grieche und Römer alles", um nach diesem Leben wenigstens "in dem Andenken seiner Mitbürger fortzuleben". Zwar war hierbei das vom eigenen Interesse bestimmte Zweckdenken noch nicht abgestreift - aber man genoß den Erfolg, den Ruhm seines Handelns doch nicht mehr zu eigenen Lebzeiten. Hier war also bereits zumindest vom unmittelbaren Nutzen des eigenen Handelns abstrahiert.

Damit sowie mittels anderer Vorformen war vorbereitet, daß menschliches Handeln sich vom Gedanken eines wahren Lebens bestimmen ließ, das nach diesem Leben hier zu gewärtigen sei. (§§ 54-57)

Gott griff nun, in der Person seines Sohnes Christus, ein und wurde als dieser "der erste zuverlässige, praktische Lehrer der Unsterblichkeit der Seele".

Zuverlässig (semantisch: sich darauf verlassen könnend; Vertrauen verdienend; seine Versprechungen haltend; glaubwürdig ...) - zuverlässig also "durch die Weissagungen, die in ihm erfüllt schienen; durch die Wunder, die er verrichtete; ... durch seine eigene Wiederbelebung nach seinem Tode, durch den er seine Lehre versiegelt (d.h. beglaubigt, glaubwürdig gemacht) hatte". Und nun sagt Lessing etwas, das mehr zu denken geben sollte, als es dem sog. modernen, sog. aufgeklärten Menschen unserer Tage     -also weitgehend uns, mir selbst-      erträglich erscheint, den es, besonders vor anderen, geniert, solche Mythen und Märchen einer wundergläubigen Zeit anzuhören, gar auszusprechen. Lessing also sagt: "Ob wir noch itzt diese Wiederbelebung (Christi) beweisen können: das lasse ich dahingestellt sein. So, wie ich es dahingestellt sein lasse, wer die Person dieses Christus gewesen. Alles das kann damals zur Annehmung seiner Lehre wichtig gewesen sein: itzt ist es zur Erkennung der Wahrheit dieser Lehre so wichtig nicht mehr". (§§ 58,59)

Kommentar:

Welche Ungeheuerlichkeit eines wahrhaft radikalen, nämlich auf Erkenntnis der Wahrheit gerichteten Denkens!!

Lessing unterscheidet zwischen den Umständen (historischen, glaubensmäßigen etc.) - und der Wahrheit, die er in jenen verkörpert sieht.

Monteverdis Musik, so urteilte ein Musikwissenschaftler, habe mit Wirklichkeit kaum etwas zu tun, dafür aber umso mehr mit der Wahrheit. Damit nahm er ein Urteil Goethes auf, das dieser gegenüber Eckermann aussprach, als dieser ihm Bilder des Malers Claude Lorrain (frz., 1600-1682) zeigte: "Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit".

Ahd. war, wari: aus idg. *uero (lat. verus) = urspr. "achtbar". Während, wie einschlägige Wörterbücher ausweisen, die Alltagssprache (demzufolge auch das sog. normale Denken) kaum mehr zwischen Wirklichkeit und Wahrheit unterscheidet (ein interessantes, aber bedenkliches Symptom! Z.B. umschreibt der Wahrig die Bedeutung des Stichworts "Wahrheit" mit: "richtiger Sachverhalt, Übereinstimmung mit den Tatsachen", ja: als "Tatsache" selbst - und erläutert die idiomatische Wendung "in Wahrheit verhält es sich so" mit "in Wirklichkeit ....") - sagt das Philosophische Wörterbuch (s.o.), Wahrheit sei "das Sein desjenigen Seienden, das wahr genannt wird"; und es erläutert die Bedeutung des Begriffs "Sein" zunächst als "Dasein, Existenz, In-der-Welt-sein, Gegebensein", macht dann auf den Unterschied zwischen "realem" Sein und "idealem Sein" aufmerksam, wobei das reale Sein als Dasein, Existenz zu verstehen ist, das ideale Sein als "Essenz bzw. Essentia = Wesen". Das ideale Sein entbehre der Zeitlichkeit, Wirklichkeit, Erfahrbarkeit, hat nie den Charakter des Einzelfalles. Ideales Sein haben die Werte, Ideen, mathematischen und logischen Begriffe. Sie sind das Beharrende, Bleibende, in allem Identische - gegenüber dem Mannigfaltigen, Wechselnden, Werdenden.

Lessing also geht es nicht so sehr um die durch die Tradition überlieferte Geschichte Christi, sondern um die Wahrheit seiner Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Was, ist also seine Frage, kann uns, kann mir diese Lehre als Wesentliches vermitteln? Etwas, das in unserem     -vom Gesetz der Vergänglichkeit, des Mannigfaltigen, Wechselnden, dauernd Werdenden bestimmten-      Leben als das Bleibende, in allem Identische gelten kann.

Es zeichnet     -man denke an das von ihm gewählte Motto-     Lessing aus, daß er keine Antwort zu geben versucht, sondern daß er es beim Stellen der Frage nach der Wahrheit beläßt. Aber mit ihr benennt er das, was ihm wesentlich ist.

Zurück zum Text:

Christus, so sagte Lessing, sei nicht nur der erste gewesen, der die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele zuverlässig gelehrt habe, nämlich durch sein gesamtes Leben, sondern er sei auch der "erste praktische Lehrer" dieser Unsterblichkeitslehre gewesen. Denn er habe die Unsterblichkeit der Seele nicht nur "als eine philosophische Spekulation" vermutet, gewünscht, geglaubt     -er habe "seine inneren und äußeren Handlungen (grch. praxis = Tätigkeit) darnach" eingerichtet. Ihm war es vorbehalten, "innere Reinigkeit des Herzens in Hinsicht auf ein anderes Leben zu empfehlen". (§§ 54-63)

Die neutestamentlichen Schriften, die das Geschehen um und durch Christus aufbewahrten, lösten diejenigen des A.T. als "Elementarbuch für das Menschengeschlecht" ab. Seit "siebzehnhundert Jahren" haben die Schriften des Neuen Testaments (N.T.) "den menschlichen Verstand mehr als alle andere Bücher beschäftigt; mehr als alle andere Bücher erleuchtet, sollte es auch nur durch das Licht sein, welches der menschliche Verstand selbst hineintrug" (§§ 60-65).

Kommentar:

Wieder eine Aussage, die man leicht überliest      -liest man so, wie heute vielerorts und oft "gelesen" wird. Schaut man jedoch genau hin und realisiert, vergegenwärtigt sich, was da steht - dann gerät man     -wegen der Kühnheit des Gedankens-      in Zweifel, ob man sich nicht getäuscht hat.

Wenn meine geistige Kompetenz ausreicht, das richtig zu verstehen, was Lessing hier sagt (eigentlich möchte ich nicht daran zweifeln), dann heißt das mit anderen Worten:

das N.T. hat deshalb den menschlichen Verstand "erleuchtet" (d.h. ja nun, synonymisch gesprochen, "aufgeklärt"), weil dieser sein eigenes Licht hineingetragen hat. Oder anders herum: es hätte sein können, daß das N.T. selber, durch sich selber, nie in der Lage gewesen wäre, den menschlichen Verstand zu erleuchten, wenn der denn nicht zuvor ihm das Licht dazu verliehen hätte. D.h. doch, auf eine ganz kurze Formel gebracht: es war der menschliche Verstand selber, der sich erleuchtet hat, allerdings mittels des Umwegs über das N.T.- Indem sich der menschliche Verstand auf dieses richtete (man könnte hier ergänzend denken: durch Anstoß seitens des sich offenbarenden Gottes! - diesen Gedanken läßt das Kontinuum des Textes der gesamten Abhandlung eher zu, als daß es ihn ausschlösse) - indem sich also der menschliche Verstand auf das N.T. richtete, sich um es unter Aufbietung all seiner Kraft bemühte, verlieh er ihm diejenige Aussagekraft, die nun ihrerseits den menschlichen Verstand, gewissermaßen rückkoppelnd, zu erleuchten vermochte. Man könnte für einen kurzen Augenblick versucht sein, an das Bild vom Manne zu denken, der sich am eigenen Zopfe aus dem Sumpf zieht - aber dieser Blasphemie einer Selbstzeugung oder Selbsterschaffung ist Lessing doch wieder fern (weltenfern). Andererseits stellt er auch mit dieser Aussage unter Beweis, welch unglaublicher Realist dieser Aufklärer dadurch ist, daß er die reale Kraft der Ideen und der Transzendenz ins Nachdenken über die rechte menschliche Existenz und das, was sie zu begründen vermag, mit einbezieht.

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Das A.T. war das Elementarbuch für die Kindheit des Menschengeschlechts, aus dem es die Lehre von der Einheit Gottes entnahm. Aus dem N.T., dem Elementarbuch für das Knabenalter des Menschengeschlechts, entnimmt dieses die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele.

Inzwischen braucht die Menschheit das Elementarbuch A.T. nicht mehr, um die Lehre von der Einheit Gottes als unbestritten zu begreifen. Allmählich werden wir Menschen auch des N.T. nicht mehr bedürfen, um die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele zu begreifen: sie wird uns eine Selbstverständlichkeit sein.

Es geht bei alledem um die Überführung "geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten". Diese Überführung ist "schlechterdings notwendig, wenn dem menschlichen Geschlechte damit geholfen sein soll". (§§ 66-76)

Kommentar:

Lessing - der so nicht bekannte Aufklärer? Lessing - der zu Unrecht "Aufklärer" Genannte? - Ein Mann, messerscharf in Denken und Sprache bei seinen mannigfachen Auseinandersetzungen mit Pastoren, Geistlichen, Vertretern der Kirche, der nun hier, mit seinem Traktat, beweist, daß alle seine Philippiken gegen selbsternannte Siegelbewahrer des Jenseits im Grunde genommen nur Schattenboxen gewesen sein sollen!?

Mitnichten! Lessing übersteigt jedes platte Aufkläricht nicht quanti-, sondern qualitativ dadurch, daß er kein Rationalist des Sinnes ist, die Ratio als das Non plus ultra zu sehen (wodurch sie sich ja im Grunde selber disqualifiziert), sondern daß er ein wahrer "Realist" ist, der um die Bedeutung der Transzendenz für die Geschöpflichkeit weiß.

Mit anderen Worten: Lessing sieht die existenzielle Gegebenheit des Menschen, nämlich ein im letzten abhängiges Wesen zu sein - und er akzeptiert das. Aber: er gewinnt aus dieser Akzeptanz der eigenen Endlichkeit (und aus der, damit verbunden, zwingend zu folgernden Un-Endlichkeit, die eben nicht die Natur des Menschen ist) eine ungeahnte, unterm Anspruch des verantwortlichen (d.h. sich der eigenen Grenzen immer bewußt bleibenden) Selbsttuns - er gewinnt also daraus eine Freiheit, die, paradox klingend, die Unendlichkeit fühlend zu streifen vermag. Dies der Menschheit (und also jedem Menschen in ihr) im Laufe einer langen Entwicklungsgeschichte - mit vielen Rückschlägen und Umwegen - begreifbar werden zu lassen, das ist Lessings leidenschaftliches Anliegen. Er hat es damals schon gewußt - und formuliert, was uns Heutigen zunehmend als Wahrheit aufgeht: dem menschlichen Geschlechte ist nur damit zu helfen, daß es die Notwendigkeit begreift, die Wahrheiten aus der Geschichte der menschlichen Erfahrungen mit sich selbst zu verstehen, zu vernehmen (Vernunft), sie nicht mehr als von außen ihm auferlegte Forderungen zu begreifen, sondern als seinem eigenen Wesen entsprechend und zugehörig, ja - dieses eigentlich erst begründend und vollendend.

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Und so fragt denn Lessing ganz folgerichtig: "Und warum sollten wir nicht auch durch eine Religion, mit deren historischen Wahrheit, wenn man will, es so mißlich aussieht, gleichwohl auf nähere und bessere Begriffe vom göttlichen Wesen, von unsrer Natur, von unsren Verhältnissen zu Gott, geleitet werden können, auf welche die menschliche Vernunft von selbst nimmermehr gekommen wäre?". (§ 77)

Und immer wieder diese Überraschungen mit Lessing: diese Inkongruenz der Eindrücke, der frischen, unmittelbaren, beim Lesen - mit den aus zweiter, dritter, n-ter Hand übernommenen Halbwahrheiten, Mißverständnissen und heterotypischen Vorurteilen -: Lessing fährt nämlich fort: "Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über diese Dinge (gemeint sind: das göttliche Wesen, die menschliche Natur, das Verhältnis zwischen beiden) jemals Unheil gestiftet, und der bürgerlichen Gesellschaft nachteilig geworden". -

Nachteile und Schäden habe die bürgerliche Gesellschaft also nie durch Spekulationen über "diese Dinge" erlitten, sondern immer nur durch Tyrannen, die das Nachdenken darüber zu steuern oder zu unterbinden versucht hätten. Weil nämlich jeder Gewaltherrscher     -wissend, meistens instinktiv-     mit sich im klaren ist, daß über solche Dinge nachzudenken die Menschen zu ihrem Grenzbewußtsein, aber damit eben auch zu ihrem Wesen, Ihrem Wert, ihrer Würde bringt, sie damit in wachsendem Maße für Fremdbestimmung, gegängelt und beherrscht zu werden, ungeeignet macht. (Ich verweise auf den Beginn des Traktats, auf die Versuche der Ägypter, die Juden glauben zu machen, Sklaven hätten keine Götter).

Spekulationen über "diese Dinge" seien "unstreitig die schicklichsten Übungen des menschlichen Verstandes überhaupt".

Kommentar:

Die Semantik von "schicklich" = was sich schickt; was in Ordnung ist; passend; geziemend.

Etymologie und Semantik von "Ordnung" = ahd. ordinunga; mhd. ordenunge - aus lat. ordo = Reihe, Ordnung; Rang, Stand; (göttliche) Weltordnung.

Über die Grenzen der eigenen, der menschlichen Existenz nachzudenken, zu spekulieren, um an ihnen den ahnenden Blick ins Un-endliche und      -nun zurückgewendet ins Endliche-     den Weit-Blick zu gewinnen und den Blick für die Relativität allen eigenen Tuns, das gleichwohl lebensnotwendig bleibt, - das entspricht nach Lessing der Bestimmung des Menschen, ist ihr angemessen, ist für ihn schicklich. Und Lessing verwendet den Superlativ "schicklichst", um damit auszudrücken, daß es, bei allen Übungen und Verrichtungen, die der menschliche Verstand zu absolvieren und zu leisten hat, nichts gibt, was wichtiger wäre als das Nachdenken über "diese Dinge".

Zurück zum Text:

Diese Übungen ordnet Lessing unter den bedeutenden Kräften des Menschen dem Verstand zu. Das menschliche Herz z.B. sei nur vermögend, "die Tugend wegen ihrer ... glückseligen Folgen zu lieben". Das menschliche Herz sei eigennützig. Wollte man "auch den Verstand allein an dem üben wollen, was unsere körperlichen Bedürfnisse betrifft", so würde man ihn eher "stumpfen" als "wetzen". Dem Verstande angemessen ist es, sich "an geistigen Gegenständen" zu üben. Nur so vermöge er die ihm eigenen Fähigkeiten zu entfalten und "zu seiner völligen Aufklärung" zu gelangen. Und nur dadurch vermag er "diejenige Reinigkeit des Herzens" (die durch die körperlichen Bedürfnisse immer in Gefahr ist, korrumpiert zu werden) hervorzubringen, die uns Menschen fähig macht, "die Tugend um ihrer selbst willen zu lieben". (§§ 78-80)

Ohne diese Fähigkeit aber wird das menschliche Geschlecht die höchsten Stufen der Aufklärung nie erreichen.

Diese Möglichkeit läßt Lessing      -man merkt das dem Ausdruck seiner Sprache an-      schaudern. Jede Erziehung habe ihr Ziel. Das, was für jeden Einzelnen gelte, müsse doch auch für die Menschheit insgesamt gelten. Die menschliche Erziehung z.B. versuche, den jungen Menschen mit Zielen wie Ehre, Wohlstand etc. dazu zu bewegen, alle seine Kräfte darauf hinzuordnen. Mit solchen Mitteln erziehe man junge Menschen zu erwachsenen, reifen, die auch dann ihre Pflichten zu tun in der Lage sein werden, wenn nicht alle ursprünglich gesetzten Ziele von ihnen erreicht worden sein sollten.

Wenn die menschliche Erziehung auf solche Ziele abzwecke - dann sollte der göttlichen Erziehung, der Offenbarung, mit dem ganzen Menschengeschlechte Ähnliches nicht gelingen?? Lessing sagt, Derartiges zu denken sei eine "Lästerung". (§§ 81-84)

Und so bleibt Lessing voller Hoffnung, daß die "Zeit der Vollendung", wie er die höchste Stufe der "Erziehung des Menschengeschlechts" nennt, gewiß kommen werde. Dann werden die Menschen es nicht mehr nötig haben, sich für ihre vernünftigen Handlungen Beweggründe aus Zukunftsversprechungen oder -hoffnungen zu erborgen, sondern sie werden "das Gute tun ..., weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind". Das wird dann "die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums" sein. (§§ 85-86)

Lessing hält es für möglich, daß "gewisse Schwärmer" des 13. / 14. Jahrhunderts eine Vorahnung von diesem "neuen ewigen Evangelium" hatten. Ihr Irrtum habe nur darin bestanden, daß sie seinen Anbruch als nah verkündigten.

Aber richtig an ihren Verkündigungen sei sicherlich gewesen, daß sie von drei Zeitaltern der Welt gesprochen hätten. Und daß sie lehrten, der Neue Bund (Gottes mit dem Menschengeschlecht, die Schriften des N.T.) müßte genauso veralten, sich überleben, wie der Alte Bund (die Schriften des A.T.). Und auch darin hätten sie sicher recht gehabt, daß sie hinter allem den "Plan der allgemeinen Erziehung des Menschengeschlechts" erkannten. Ihr Kardinalfehler: sie übereilten die Geschichte - und überforderten die Menschen. Das habe sie zu Schwärmern gemacht. "Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann die Zukunft nur nicht erwarten". Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit nähme, solle im Augenblicke des Daseins des Schwärmers reifen. (§§ 87-90)

Kommentar:

Zu den von Lessing genannten Schwärmern: Infolge der Erstarrung und Verweltlichung des christlichen Lebens, durch Hierarchentum und Paganisierung (paganus = der Heide) sind im Mittelalter in Europa immer wieder urchristliche Erneuerungsbewegungen entstanden. Es gab sie einmal innerhalb von Ordensgemeinschaften (Cluniazenser, Dominikaner, Franziskaner), zum andern in Form von Gemeinschaften, die von der hierarchischen Kirche ausgestoßen und verfolgt wurden. (Also, cum grano salis, Realos und Fundis im organisierten Christentum des Mittelalters) Eine geistige Bewegung von geradezu ungeheurer Wirksamkeit wurde durch den kalabresischen Zisterzienserabt (seit 1183) Joachim von Fiore (Floris) (gestorben 1201 oder 1202), Stifter der Ordenskongregation der Floriacenser, entfesselt. Diese gewaltige Seher-Gestalt weissagte auf Grund der Offenbarung Johannis, 14, 6, das Kommen einer neuen Epoche der Heilsgeschichte, des sog. "Dritten Reiches", nämlich des Reiches des Heiligen Geistes, durch welches das alttestamentliche Reich des Vaters (1. Reich) und das neutestamentliche Reich des Sohnes (2. Reich) abgelöst werden sollten . Eine neue Kirche sollte an die Stelle der bisherigen hierarchisch-sakramentalen Kirche treten, die "ecclesia spiritualis".

Die spiritualistische Bewegung verband sich mit einer Reihe anderer evangelischer Bewegungen (z.B. die des Petrus Valdes von Lyon um 1180, als Ketzer in die Kirchengeschichte eingegangen. Oder die Prediger des Evangelium aeternum (13. / 14. Jahrhundert). Die Antichrist-Polemik des John Wiclif (1320-84) bis zu Johannes Hus in Böhmen (1369-1415) und den bilderstürmerischen Taboriten).

Zurück zum Text:

Lessing     -der vernünftige Aufklärer, der Realist mit Visionen-     ist weit entfernt davon, selber ein solcher "Schwärmer" zu sein. Er weiß, daß "die ewige Vorsehung", gemessen an dem Zeitgefühl des vergänglichen Menschen, eine Schrittgeschwindigkeit, ein Entwicklungstempo hat, die für das menschliche Wahrnehmungsvermögen, aber insbesondere für die menschliche Geduld, "un-merklich" sind.

Er weiß das, stellt es in Rechnung - aber er bittet: "... laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln".

Ja, er ist sich im klaren darüber, daß die Entwicklung der gesamten Menschheit für das menschliche Auge und die menschliche Ungeduld oft so verlaufen wird, daß der Eindruck entsteht, es ginge eher zurück.

Er ruft, um sich gegen die Ungeduld und mögliche Verzweiflung zu wappnen, sich die oft bestätigte Erfahrung in Erinnerung, "daß die kürzeste Linie" nicht "immer die gerade ist".

Denn sie, die Vorsehung, habe auf ihrem "ewigen Wege so viel mitzunehmen, so viele Seitenschritte zu tun!" Und, so überlegt Lessing, es könnte ja sein, daß das "große langsame Rad", welches die Menschheit ihrer "Vollkommenheit (vielleicht besser: der ihr vorbestimmten Selbstverwirklichung) näher bringt, ... durch kleinere schnellere Räder in Bewegung gesetzt würde", von denen jedes seine eigene Entwicklungsbewegung in die des übergeordneten großen Rades einbrächte.

Mit einer Spekulation, nämlich daß der Einzelne, der innerhalb dieses komplexen Räderwerks seine einzelne Entwicklung hat und das Ergebnis dieser Entwicklung in die Bewegung des "großen langsamen Rades" einzubringen hat - daß dieser Einzelne die ganze Bewegung vielleicht stärker zu befördern vermöchte, wenn er öfter lebte, wenn er wiedergeboren würde, um die im jeweils vorangegangenen Leben erlangten neuen Kenntnisse und Fertigkeiten der Gesamtentwicklung der Menschheit und Menschenwelt nutzbar machen zu können - mit dieser Spekulation, die das innere Engagement Lessings in sein Thema ausdrückt, schließt der Traktat. (§§ 91-100)

 


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