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Hans-Günter Marcieniec
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8.


 

Goethes Hymne "Das Göttliche"

Rede anläßlich des 40-jährigen Jubiläums einer Schulentlassung

Weißensee 1990

[Ansprache vor ehemaligen Schülern und Schülerinnen (und ihren Angehörigen) der ehemaligen "Einheitsschule" in Weißensee (Thüringen), bis 1989 DDR, anläßlich des 40-jährigen Jubiläums ihrer Schulentlassung im Jahre 1950, gehalten auf einem Treffen nach der "Wende" im Herbst 1990 in Weißensee.]

Sehr geehrte Damen und Herren -
liebe ehemalige Schüler!

Diese letzte Anrede geht mir      -angesichts der unübersehbaren, augenfälligen Würdigkeit, von der ich mich hier umgeben sehe,-     nicht gar so leicht über die Lippen. Denn wir schreiben nicht mehr die Jahre 1950 und davor. Wer und was sind Sie heute? und wer und was bin ich heute, daß ich Sie so dreist und plump vertraulich anreden dürfte? Nicht nur, daß 40 Jahre     -und was für Jahre!-      seit unserer letzten Begegnung vergangen sind - es hat auch während dieser Zeit keinerlei Kontakte mehr zwischen uns gegeben. Es wäre deshalb geradezu unnormal, wären wir uns     -sofern überhaupt jemals eine wirkliche Bekanntheit zwischen uns bestanden hätte-     während dieser langen und ununterbrochenen Trennung nicht fremd geworden.

Und dann, ein weiterer Gesichtspunkt, hat der Strom der Zeit in 40 Jahren alles weggeschliffen, was uns als Lehrer und Schüler einmal, wenn überhaupt, unterschied. So scheint es eigentlich nichts Bekanntes und Vertrautes mehr zwischen uns zu geben, an dem sich zuverlässig anknüpfen ließe bei dem Versuch, ein einstmals bestehendes Verhältnis wieder zu beleben. Und trotzdem haben Sie es für richtig befunden, mich und meine liebe Frau     -die seit unseren gemeinsamen Tagen als Lehrer in Weißensee zu mir gehört wie ich zu ihr-      zu diesem festlichen Treffen einzuladen, 40 Jahre nach dem Schulabgang von der früheren Einheitsschule in Weißensee. Wir sind, zumindest für mich trifft das zu, nicht völlig unbeklommen, aber im ganzen gesehen doch gern gekommen. Aber: haben Sie richtig gehandelt? Wußten Sie, ja, wissen Sie, wen Sie da einluden? Ob derjenige, den Sie vor über 40 Jahren zu kennen glaubten, wenn er denn überhaupt jemals Ihrem Bilde von ihm entsprochen hätte, das auch heute noch tut? Das noch vermag? Die Zeit hat uns alle, jeden von uns, auf unseren von unterschiedlichen Umständen bestimmten Wegen geformt. Wer sind wir heute eigentlich, wenn wir uns so treffen, als wäre inzwischen nichts - und besonders nichts mit uns geschehen. Ihre Einladung, fast noch mit dem Ende meines Berufslebens (im Jahre 89) zusammenfallend, zwingt meine Gedanken zu dessen Anfängen hier in Weißensee zurück. Die Vergangenheit hat begonnen, meine Gegenwart einzuholen. Ich will mich für meine Person dieser Vergangenheit zu stellen versuchen. Ich halte Ausschau nach einem Anknüpfungspunkt in ihr, von dem aus sich Vertrautheit zwischen uns nach einer solch langen Zeit einigermaßen sinnvoll herstellen ließe. Ich suche      -um mit Goethe zu sprechen-     nach der "Dauer im Wechsel". Nach etwas, das     -zumindest was meine Person angeht-     einigermaßen Bestand gehabt haben könnte, in welchem Sie mich, auch nach 40 Jahren sehr verschiedener Entwicklungen, wiederzuerkennen vermöchten. Und ich suche nach etwas, auf das ich Sie vor 40 Jahren und mehr meinte aufmerksam machen zu sollen und von dem ich möglicherweise auch heute noch meine, es habe sich, wenn auch nicht immer und überall erkannt und anerkannt, durch manche Umstände in den Hintergrund geraten oder verdrängt, vielleicht sogar vergessen, im wesentlichen doch als dauerhaft und gültig erwiesen und habe sich für uns Menschen als wesentlich bewährt - so daß es sich lohnen könnte, ins Bewußtsein zurückgeholt und in Gedanken und im Herzen überprüft und bewegt zu werden. Ich werde es versuchen auf die Art und Weise, die mir durch mein ganzes bisheriges Leben zur zweiten Natur geworden ist. Ich erbitte dafür Ihre Nachsicht. Aber jeder ist nun mal so, wie er durch Umstände, Interessen, Bildung und Ausbildung und lange berufliche Tätigkeit geworden ist. Stoßen Sie sich bitte nicht an meiner Art zu denken und zu sprechen. Achten Sie stattdessen auf den Kern dessen, was ich sagen möchte.

In "unserem" Klassenzimmer (so beweist es ein altes, wenn auch nicht scharfes, nicht großes und nicht gutes, aber unzweideutig belegendes Foto)

Klassenzimmer

- in diesem Klassenzimmer also hingen an der rückwärtigen, weiß gekalkten Wand zwei aus schlichtem weisslichen Nachkriegs-Papier gefertigte Plakate. Auf ihnen befanden sich     -von mir eigenhändig in einfacher, nur ansatzweise kunstvoller Schrift geschrieben-     zwei Zitate. Eines aus einem Gedicht von Friedrich von Schiller, betitelt "Sehnsucht", das andere aus Goethes Hymne "Das Göttliche". Beide Zitate bestanden aus je zwei Verszeilen. Das Schiller'sche lautete: "Du mußt glauben, du mußt wagen, / Denn die Götter leih‘n kein Pfand; ... "; das Goethe'sche: "Edel sei der Mensch, / Hilfreich und gut!" Ich widerstehe, aus Zeitgründen, der Versuchung, Ihnen beide Gedichte vorzustellen. Beiden ist gemeinsam das idealistische Weltbild, wonach es für den Menschen Ideen gibt, die, "nicht von dieser Welt", den Menschen unter einen unüberhörbaren Anspruch stellen, dem er unter Anspannung seiner Kräfte zu entsprechen versucht und dabei, sich selbst und äußere Widerstände überwindend, der immer drohenden Gefahr des Versinkens im Kleinlich-Alltäglichen entkommt. Das Ganze nicht als einmalige Unternehmung verstanden, auf deren möglichem Erfolg man sich danach für länger oder immer ausruhen dürfte, sondern als Bewährung an jedem neuen Tag. Der Unterschied zwischen beiden Gedichten gründet in den     -bei allem Gleichklang-     verschiedenen Persönlichkeiten ihrer Autoren, von Schiller selbst in einer seiner großen theoretischen Schriften als die "naive" Art (Goethe) und als die "sentimentalische" (Schiller selbst) bezeichnet, wobei er der ersteren     -geistig vornehm, wie er war-      als der in sich geschlosseneren und ungebrocheneren bezüglich des künstlerischen Wertes den Vorrang einräumte.

Das Zitat aus der Goethe-Hymne ist      -wie dasjenige aus Schillers Gedicht auch-      aus dem Zusammenhang gerissen und vermag als solches, für sich allein, die Bedeutung der ganzen Hymne in ihrem Zusammenhange nicht wiederzugeben, obwohl es als Zitat häufig und überall genannt zu werden pflegt und zum sog. geflügelten Wort geworden ist.

Goethes ganze Hymne lautet:

 

Das Göttliche

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch,
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben!

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös‘ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge.
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen.

(1783)

Ohne hier auf formale Details einzugehen, nur ein paar notwendige Anmerkungen zur äußeren Gestalt der Hymne: Zehn Strophen, von denen die ersten beiden und die zwei letzten sich im wesentlichen     -trotz einiger bedeutsamer Veränderungen im einzelnen-     entsprechen. Die anderen sechs Strophen sind in die umschließenden zwei ersten und zwei letzten wie in zwei tragende Säulenpaare eingehängt, womit unterstrichen wird, daß die wesentliche Aussage der Hymne in den Anfangs- und Schlußstrophen erfolgt, von denen die mittleren Strophen ihren gleichsam höheren Sinn erhalten. Diese bereits in den beiden ersten Strophen erfolgende Aussage ist dem Dichter selbst so wichtig, daß er sie, wenn auch bedeutungsvoll variierend, in den beiden Schlußstrophen wiederholt. Außerdem häuft sich in den vier Strophen die appellativ-imperative Aussageweise, äußerlich kenntlich an den nicht weniger als fünf Ausrufezeichen, während es in den mittleren sechs Strophen nicht ein einziges davon gibt.

Aber nun erst einmal zu den sechs mittleren Strophen, zu dem, was sie dem Leser aussagen, was sie ihm be-deuten wollen, zu ihrem, wie der Fachmann sich auszudrücken pflegt, Gehalt.

Wie großartig, majestätisch und beeindruckend die Natur auch sein mag und für das Leben des Menschen, der ja ein Teil von ihr ist, unerläßlich: ihre großen Gesetze, denen unser vergängliches Dasein unterworfen ist, sind ehern und gefühllos. Sie gehen wie ein Hobel über alles gleichmäßig und unaufhaltsam hinweg, sie machen weder Unterschied noch Ausnahme. Und wenn doch Unterschiede, dann so, daß wir darin weder Sinn noch Gerechtigkeit zu erkennen vermögen. "Wir sind", so formulierte es Goethe drei Jahre vor der Hymne "Das Göttliche" an anderer Stelle, "wir sind von ihr (der Natur) umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arm entfallen ... Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben - und macht sich nichts aus Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich ... Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen; die Bahn kennt sie ... Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben...".

Die Natur mit ihren Gesetzen, so großartig und lebenswichtig für den Menschen, vermag wegen ihrer Fühllosigkeit für den mit Gefühl begabten Menschen nicht Ordnungs- und Sinnprinzip seiner Menschenwelt zu sein. Und obwohl durch Geburt und Tod in ihr Gesetz der Vergänglichkeit unlösbar eingebunden, schafft sich der Mensch für die Zeit, die ihm hier gegeben ist, eine sinnvoll gegliederte und gerecht geordnete eigene, von ihm überschaubare Welt. Nur ihm allein, als einzigem Wesen, ist es gegeben, unterscheiden, wählen und richten zu können. Er macht dadurch die Welt, seine Welt, für sich und seinesgleichen versteh- und begreifbar. Er setzt sinnvolle Ziele und achtet darauf, daß sie beachtet und angestrebt werden.

Aber: wonach richtet er sich, wovon läßt er sich leiten, wenn er daran geht, eine solche Menschenwelt, eine solche Ordnung zu entwerfen?

Der Menschen gibt es viele. Viele Köpfe, viele Sinne. Wer von ihnen allen bestimmt, nach wessen und welchen Vorstellungen, Prinzipien und Werten die Menschenwelt eingerichtet, geordnet und ausgerichtet sein soll? Um über diese Frage nicht in den Zustand von Mord und Totschlag zu geraten     -und nun bekommen die umklammernden beiden ersten und beiden letzten Strophen der Hymne ihren übergreifenden Sinn-     ergeht der Aufruf des Dichters an die Menschen, vor allen Detail-Entscheidungen sich eine grundlegende Einstellung und Verhaltensweise zu eigen zu machen, nämlich - edel, hilfreich und gut zu sein. Dieser Aufruf des Dichters ist nicht an besondere Menschen gerichtet, nicht an Regierende, Mächtige, Heilige oder sonstwie Herausgehobene, sondern an alle ohne Ausnahme : "Edel sei der Mensch..."; mit "der" Mensch ist die ganze Gattung, nicht ein einzelner angesprochen, also alle, jeder ohne Ausnahme. Was den Menschen von allen Wesen unterscheidet ist nicht, daß er edel etc. ist, sondern daß er potentiell die Gabe der Möglichkeit hat (Edel sei...), es sein zu können. Die schwierige Aufgabe, diese Möglichkeit in die Wirklichkeit umzusetzen, wird ihm nicht abgenommen, sondern ist ihm, jeden Tag neu, dauernd aufgegeben.

Was aber ist das: edel? Abgesehen von den Bedeutungen für das Wort "edel", die jedem besseren Wörterbuch mit semantischen, also Hinweisen zur Wortbedeutung entnommen werden können (wie : vornehm, ritterlich, menschenfreundlich, hilfsbereit, großherzig etc.), gibt der Dichter selbst eine Erläuterung dazu in Vers 2 der 1. Strophe : "hilfreich und gut!" Die beiden Verse "Edel sei der Mensch, / Hilfreich und gut" sind also keine Aufzählung von drei gleichwertigen Eigenschaften, sondern "hilfreich und gut" sind nachgestellte Erläuterungen zum Begriff "edel", etwa in dem Sinne : Edel sei der Mensch, das heißt hilfreich und gut. Diese Deutung wird durch die zehnte Strophe bestätigt, in der die zitierten Verse der 1. Strophe nicht wörtlich, aber sinngemäß wiederholt werden : "Der edle Mensch / Sei hilfreich und gut!" Also : wann darf man einen Menschen als edel bezeichnen? Antwort: wenn er hilfreich und gut ist.

Die Bedeutung des Begriffs "hilfreich" ist aus sich selbst heraus hinreichend klar, aber - was ist "gut"? Wörterbücher geben den Umfang der Bedeutung etwa mit "sittlich einwandfrei, edel, hilfreich, liebevoll, selbstlos", aber sie reichen nicht aus, um die Bedeutungstiefe von "gut" auszuloten. Nicht von ungefähr lautet der Titel der Hymne, der vor der ersten Strophe steht, "Das Göttliche" - und ebenso wenig von ungefähr folgt der ersten Strophe die eigentümlich wirkende zweite, in der die "höheren Wesen" angerufen werden, die wir Menschen "ahnen". Zum guten Menschen gehört es, daß er die unbekannten höheren Wesen ahnt. Zwar nicht "unzweifelhaft weiß", auch nicht "experimentell oder auf irgend eine andere Weise zu beweisen vermag", aber ahnt. Das genügt, um einen Anspruch zu vernehmen, nämlich den höheren Wesen, die man ahnt, zu gleichen. Und jetzt kommt das Aufregendste: Indem der Mensch, die höheren Wesen ahnend, ihnen zu gleichen versucht, wird er für andere, die ihn beobachten, zu einem Beispiel, zu einem überzeugenden Beleg für die Existenz der höheren Wesen, was die Beobachter dieses guten Menschen dazu zu bringen vermag, an diese höheren Wesen zu glauben.

Diese eigenartig formulierte zweite Strophe führt bis ganz nahe an die Schlußfolgerung: Die "höheren Wesen" existieren für die Menschen nur, weil das edle, nämlich hilfreiche und gute Verhalten einiger Menschen auf eine solche Existenz schließen läßt. Götter, so wird es später sinngemäß der Philosoph Ludwig Feuerbach sagen, sind die an oder in den Himmel projizierten (besten) Eigenschaften der Menschen. So weit geht Goethe nun beileibe nicht. Die vorletzte Strophe seiner Hymne, welche die zweite Strophe variiert, spricht unzweideutig und ohne zu zweifeln von der Existenz der höheren Wesen : "Und wir verehren / Die Unsterblichen, / Als wären sie Menschen....", und dreht dann den Beweisgang der zweiten Strophe um: indem der Mensch die Unsterblichen verehrt, bekommt er Gespür, Verständnis und Sinn für Menschen, die sich nach Kräften bemühen.

Ich widerstehe der Versuchung, dem wohl ewigen Streit um die Frage, ob es höhere Wesen, Unsterbliche, Götter, Gott gibt oder nicht, hier weiter nachzugehen. Zumal das für das Problem einer möglichst optimal verfaßten und geordneten menschlichen Welt von untergeordneter Wichtigkeit ist. Wichtig allein, und zwar von existentieller Wichtigkeit für jeden Menschen ist es, daß in unserer Menschenwelt etwas anerkannt und respektiert wird, und zwar bei Verstoß unter Strafe für jedermann, das dem Zugriff eines jeden Menschen entzogen ist. Der Mensch vermag nämlich nur deshalb das Unmögliche, nämlich edel, d.h. hilfreich, menschlich, gerecht, gut etc. zu sein, zu unterscheiden, zu wählen, zu richten etc., weil er Wertvorstellungen zu entwickeln vermag, die alles Menschliche und alles Menschenmaß übersteigen. Damit, und nur damit allein, wird die Gefahr gebannt, andere Menschen von den eigenen kleinen Maßstäben des Alltags und der in ihm vorherrschenden selbstbezogenen Interessen abhängig zu machen, ja, sie diesen zu unterwerfen. Die Entscheidung, den höchsten Ansprüchen zu folgen, nur für sich selbst und im täglichen Leben, zwar ständig hinter ihnen zurückbleibend, aber es doch immer wieder versuchend - eine solche Entscheidung kann nur von freien Menschen in einer größtmöglich freien Welt getroffen werden, der Versuch zu ihrer Realisierung kann nur dort wirklich erfolgen, wo wirklicher Freiraum vorhanden ist.

Die Hymne "Das Göttliche" von Goethe, die mich vor 40 Jahren und mehr so im Kerne meiner personalen Existenz betroffen hat, daß ich, sicherlich damals noch eher ahnend als voll verstehend, gemeint hatte, auch andere Menschen, für die ich damals über die Vermittlung bloßen Fachwissens hinaus in gewissen Grenzen mich verantwortlich fühlte, mit ihr bekanntmachen zu sollen - diese Hymne hat die Faszination ihrer Wahrheit auch heute, nach mehr als 40 Jahren, für mich nicht verloren. Im Gegenteil ich halte sie für so frisch, wahr und bedeutend, daß ich sie heute mehr denn je der gründlichsten Aufmerksamkeit empfehlen möchte. Und in ihr haben Sie einen Schlüssel zum Verständnis meiner Person. Zum Verständnis der geistigen Kräfte, die mich prägten, und die das heute noch tun.

Wenn Sie sich nach mehr als 40 Jahren an mich erinnerten, dann hat     -wenn auch vielleicht Ihnen nicht bewußt-      auf jeden Fall auch diese Hymne daran mitgewirkt, daß Sie sich meiner erinnerten. Und dann wären wir uns gar nicht so fremd geworden, wie es 40 Jahre absoluten Getrenntseins normalerweise befürchten lassen müssen. Und wir hätten den Anknüpfungspunkt gefunden, von dem aus immer eine gemeinsame menschenwürdige Zukunft möglich ist. Ich wünsche sie Ihnen und mir.

Danke für Ihre Geduld, mit der Sie mir und dem, was ich Ihnen zumutete, zugehört haben.

Und danke dafür, daß wir, meine Frau und ich, heute hier bei Ihnen sein dürfen.

 


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