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6.


 

Erich Kästner und seine Jugendbücher

Festrede anläßlich der Namensgebung einer Schule

Alsfeld 1984

[Erich Kästner und seine Jugendbücher, Vortrag in der Festveranstaltung anläßlich der Namensgebung der Erich-Kästner-Schule in Alsfeld am 28. Mai 1984]

Aus: Erich Kästner, Hymnus an die Zeit (mit einer Kindertrompete zu singen)

Wem Gott ein Amt gibt, raubt er den Verstand.
Im Geist ist kein Geschäft. Macht Ausverkauf!
Nehmt euren Kopf und haut ihn an die Wand!
Wenn dort kein Platz ist, setzt ihn wieder auf.

...

Macht einen Buckel. Denn die Welt ist rund.
Wir wollen leise miteinander sprechen.
Das Beste ist totaler Knochenschwund.
Das Rückgrat gilt moralisch als Verbrechen.
Nehmt dreimal täglich eine Frau zum Weib.
Pro Jahr ein Kind. Und Urlaub. Sonst die Pflicht.
Das Leben ist ein sanfter Zeitvertreib.
Spuckt euch vorm Spiegel manchmal ins Gesicht.

...

Aus: Erich Kästner, Die Welt ist rund

Die Welt ist rund. Denn dazu ist sie da.
Ein Vorn und Hinten gibt es nicht.
Und wer die Welt von hinten sah,
der sah ihr ins Gesicht!

...

Mensch, werde rund, Direktor und borniert.
Trag sonntags Frack und Esse. (=Zylinder)
Und wenn dich wer nicht respektiert,
dann hau ihm in die Fresse.

Sei dumm, doch sei es mit Verstand.
Je dümmer, desto klüger.
Tritt morgen in den Schutzverband.
Duz dich mit Schulz und Krüger.

Nimm ihre Frauen oft zum Übernachten.
Das ist so üblich. Und heißt Freiverkehr.
Es lohnt sich nicht, die Menschen zu verachten.
Und weil die Welt bewohnt wird, ist sie leer.

Aus: Erich Kästner, Die Tretmühle
(Nach der Melodie: "Frisch auf mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen!")

Rumpf vorwärts beugt! Es will dich einer treten!
Und wenn du dich nicht bückst, trifft er den Bauch.
Du sollst nicht fragen, was die andern täten!
Im übrigen: die andern tun es auch.

So bück dich, Mensch! Er tritt ja nicht zum Spaße!
Er wird dafür bezahlt. Es ist ihm ernst.
Tief! Tiefer! Auf die Knie mit deiner Nase!
Das Vaterland erwartet, daß du's lernst.

...

Aus: Erich Kästner, Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne, Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

...

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Sollte der Name des Mannes, der solche Verse geschrieben hat, sehr geehrte Damen und Herren und liebe Schüler dieser heutigen Festversammlung, von einer Schule überhaupt, zumal von einer so besonderen Schule, wie es diese ist, guten Gewissens gewählt werden können?

Der Verweis auf die aufklärerische Haltung und auf den kritischen Ton Kästners als Begründung für die Wahl gerade seines Namens wäre doch wohl ein allzu konstruierter Umweg über die Abstraktion, als daß man zwischen ihm und dem, was man in dieser Schule tut, einen unmittelbaren Bezug entdecken könnte. Wählt man einen Namen üblicherweise doch nicht, um zu ihm und zu dem, was er bedeutet, dauernd in einem äußerlich bleibenden Verhältnis zu sein, sondern um sich in ihm zu erkennen, mit dem, wofür er steht, möglichst zu identifizieren.

Bleibt zu fragen, ob er, Erich Kästner, ein besonderes Verhältnis zur Schule gehabt hat, um in diesem Verhältnis vielleicht die Brücke zu erkennen, über die man die Wahl seines Namens für diese besondere Schule als sinnvoll begründen könnte. Dazu ist festzustellen, daß Erich Kästner sehr wohl ein besonderes Verhältnis zur Schule schlechthin hatte: er war zeitlebens ein interessierter, ja ein begeisterter Schüler. Er, der diese Liebe zur Schule zeitweilig dahingehend mißverstand, daß er Lehrer werden müßte, stellte, nachdem er's geworden war, fest, daß er von Natur aus ein Lerner, aber kein Lehrer sei. Aber damit ist er mit Sicherheit kein Einzelfall unter den Menschen, auch nicht unter denen, die Bücher geschrieben haben und damit bekannt oder gar berühmt geworden sind: Weshalb sollte man dann gerade seinen Namen wählen?!

Und: Zwar gibt es in fast allen seinen Kinderbüchern Schulen, und fast alle Kinder, die in diesen Büchern auftreten, sind Schüler, eifrige, wie er, und weniger eifrige (das allerdings meistens mit schlechtem Gewissen), und sie besuchen die verschiedensten Schulen     -die Palette enthält Volks- und Realschulen, Gymnasien und Internatsschulen, Kinder- und Ferienheime-:     aber alle stehen nicht im Mittelpunkte dessen, was in den Büchern eigentlich geschieht, sie geben allenfalls den Rahmen dafür ab, oft nur den fernen Hintergrund. Kästners Verhältnis zur Schule wie auch seine persönliche Auffassung vom Schüler können nicht als dermaßen originell oder signifikant gelten, daß man sich für die Wahl gerade seines Namens überzeugend darauf berufen könnte.

Dagegen fällt bereits bei oberflächlicher Kenntnisnahme des Werkes Erich Kästners auf, daß ein großer Teil von ihm (vielleicht sogar der bedeutendste Teil) zur Sparte der Kinder- und Jugendliteratur gehört. Und die meisten seiner Kinderbücher werden von ihm selbst im Untertitel als 'Romane für Kinder' bezeichnet. Gehen wir deshalb einmal der Frage nach, ob uns die Begriffe 'Kind' und 'Kindheit' Schlüssel zu liefern vermöchten, mit denen sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dieser Schule und Erich Kästner zufriedenstellend beantworten und die Wahl gerade seines Namens als innerlich logisch erweisen ließe.

"Pünktchen", so heißt es in Erich Kästners 1931 erschienenem 'Roman für Kinder' "Pünktchen und Anton", hieß eigentlich Luise. Aber weil sie in den ersten Jahren gar nicht hatte wachsen wollen, war sie Pünktchen genannt worden. Und so hieß sie auch jetzt noch, obwohl sie längst zur Schule ging und gar nicht mehr klein war. Ihr Vater, der Herr Pogge, war Direktor einer Spazierstockfabrik. Er verdiente viel Geld, und viel zu tun hatte er auch. Seine Frau, Pünktchens Mutter, war allerdings anderer Meinung. Sie fand, er verdiene viel zu wenig Geld und arbeite viel zuviel.

Sie wohnten in einer großen Wohnung, nicht weit vom Reichstagsufer. Die Wohnung bestand aus zehn Zimmern und war so groß, daß Pünktchen, wenn sie nach dem Essen ins Kinderzimmer zurückkam, meist schon wieder Hunger hatte. So lang war der Weg!

''Meine Tochter sieht blaß aus", sagte Herr Pogge besorgt (am Mittagstisch zu Fräulein Andacht, dem Kinderfräulein). "Finden Sie nicht auch?" "Nein", erwiderte Fräulein Andacht. Dann brachte Berta die Suppe und lachte. Fräulein Andacht schielte zu dem Dienstmädchen hinüber. "Was lachen Sie denn so dämlich?" fragte der Hausherr und löffelte; als kriege er es bezahlt. Aber plötzlich ließ er den Löffel mitten in die Suppe fallen, preßte die Serviette vor den Mund, verschluckte sich, hustete entsetzlich und zeigte zur Tür. Dort stand Pünktchen. Aber, du grüne Neune, wie sah sie aus!

Sie hatte die rote Morgenjacke ihres Vaters angezogen und ein Kopfkissen darunter gewürgt, so daß sie einer runden verbeulten Teekanne glich. Die dünnen nackten Beine, die unter der Jacke hervorlugten, wirkten wie Trommelstöcke. Auf dem Kopf schaukelte Bertas Sonntagshut. Das war ein tolles Ding aus buntem Stroh. In der einen Hand hielt Pünktchen das Nudelholz und einen aufgespannten Regenschirm, in der anderen einen Bindfaden. An dem Bindfaden war eine Bratpfanne festgebunden, und in der Bratpfanne, die klappernd hinter dem Kind hergondelte, saß Piefke, der Dackel, und runzelte die Stirn. Übrigens runzelte er die Stirn nicht etwa, weil er verstimmt war, sondern er hatte zuviel Haut am Kopf. Und weil die Haut nicht wußte wohin, schlug sie Dauerwellen.

Pünktchen spazierte einmal rund um den Tisch, blieb dann vor ihrem Vater stehen, betrachtete ihn prüfend und fragte ernsthaft: "Kann ich mal die Fahrscheine sehen?" "Nein", sagte der Vater. "Erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin doch der Eisenbahnminister". "Ach so", sagte sie.

Fräulein Andacht stand auf, packte Pünktchen am Kragen und rüstete sie ab, bis sie wieder wie ein normales Kind aussah...

"Wie war's in der Schule?" fragte der Vater, und weil Pünktchen nicht antwortete, sondern in der Suppe herumplanschte, fragte er gleich weiter: "Wieviel ist drei mal acht?" "Drei mal acht? Drei mal acht ist einhundertzwanzig durch fünf", sagte sie. Herr Direktor Pogge wunderte sich über gar nichts mehr. Er rechnete heimlich nach, und weil's stimmte, aß er weiter. Piefke war auf einen leeren Stuhl geklettert, stützte die Vorderpfoten auf den Tisch und gab stirnrunzelnd Obacht, daß alle ihre Suppe aßen. Es sah aus, als wolle er eine Rede halten. Berta (das Dienstmädchen) brachte Huhn mit Reis und gab Piefke einen Klaps. Der Dackel verstand das falsch und kroch völlig auf den Tisch. Pünktchen setzte ihn auf die Erde hinunter und sagte: "Am liebsten möchte ich ein Zwilling sein".

Der Vater hob bedauernd die Schultern. "Das wäre großartig", sagte das Kind. "Wir gingen dann beide gleich angezogen und hätten die gleiche Haarfarbe und die gleiche Schuhnummer und gleiche Kleider und ganz, ganz gleiche Gesichter". "Na, und?" fragte Fräulein Andacht.

Pünktchen stöhnte vor Vergnügen, während sie sich die Sache mit den Zwillingen ausmalte. "Keiner wüßte, wer ich bin und wer sie ist. Und wenn man dächte, ich bin es, ist sie es. Und wenn man dächte, sie ist es, dann bin ich's. Hach, das wäre blendend". "Nicht zum Aushalten", meinte der Vater.

"Und wenn die Lehrerin 'Luise' riefe, dann würde ich aufstehen und sagen: "Nein, ich bin die andere". Und dann würde die Lehrerin 'Setzen!' sagen und die andere aufrufen und schreien: "Warum stehst du nicht auf, Luise?", und die würde sagen: "Ich bin doch Karlinchen". Und nach drei Tagen bekäme die Lehrerin Krämpfe und Erholungsurlaub fürs Sanatorium, und wir hätten Ferien". "Zwillinge sehen meist sehr verschieden aus", behauptete Fräulein Andacht. "Karlinchen und ich jedenfalls nicht", widersprach Pünktchen. "So was von Ähnlichkeit habt ihr noch nicht gesehen. Nicht mal der Direktor könnte uns unterscheiden". Der Direktor, das war ihr Vater. "Ich habe schon an dir genug", sagte der Direktor und nahm sich die zweite Portion Huhn. "Was hast du gegen Karlinchen?" fragte Pünktchen. "Luise!" rief er laut. Wenn er "Luise" sagte, dann hieß das, jetzt wird pariert, oder es setzt was. Pünktchen schwieg also, aß Huhn mit Reis und schnitt Piefke, der neben ihr kauerte, heimlich Grimassen, bis der sich vor Entsetzen schüttelte und in die Küche sauste ...".

Welche Veränderung der Sprache! - im Vergleich zu den eingangs zitierten Strophen. Zwar, das erschließt sich dem nicht einmal so genauen Blick, dem nur einigermaßen sensiblen Ohr unmittelbar: es ist unverkennbar Kästner, mit seiner Freude an witzigen Bildern und überraschenden, einprägsamen Vergleichen. Aber was in jenen Strophen zur Satire, ja zur Groteske geworden ist, zu ätzender Absage, Aburteilung und Unversöhnlichkeit, ja zur Geste des absoluten Negierens ("... meist lohnt es nicht, sich damit zu befassen..."), das erscheint hier eingehüllt in einen behutsamen Humor des Erzählers, der seine fiktiven Figuren, indem er sich gleichsam schützend über sie beugt, dabei genau beobachtet und liebevoll eine Fülle von Einzelheiten an ihnen entdeckt, die er mit Vergnügen ausspricht. Manchmal derart hineingezogen in die Gestalten seiner eigenen Phantasie, daß er, wohl fürchtend, sentimental zu werden, dieser Bedrohlichkeit mit einer schnoddrigen Bemerkung vorderhand entgeht.

Da ist dieses Mädchen Luise, das Pünktchen: ein Kind aus sog. gutem, wohlhabenden Hause. Pfiffig, drollig, von origineller Intelligenz. In Verhältnissen lebend, die aus ihr eigentlich ein rundherum glückliches Kind machen müßten. Aber da gibt es ihre Mutter, von der Berta, das zwar gutherzige, aber realistische, mit beiden Beinen und gar nicht zimperlich in dieser Welt stehende Dienstmädchen, zu einer Kollegin sagt: "Meine Gnädige, die sollte man mit ´nem nassen Lappen erschlagen. Hat so ein nettes, ulkiges Kind und so einen reizenden Mann, aber denkst du vielleicht, sie kümmert sich um die zwei? Nicht die Tüte...".

Und der Direktor, Pünktchens Vater, wie der zitierte Text erkennen ließ, ein Mensch mit Sinn für Humor und Situationskomik, begabt mit der Güte des Herzens und mit der Fähigkeit, andere zu verstehen, von innen her, und in ihrer Art anzunehmen - dieser Vater steht, hauptsächlich um des lieben Ehefriedens willen, unterm Diktat seiner andauernd umhergetriebenen, partysüchtigen Frau, die, unerlöst, in dem endlosen Circulus vitiosus kreist: nämlich innerlich in dem Maße immer leerer zu werden, wie sie ihre erfolglosen Versuche, einen Halt - und damit sich selbst - in äußeren Zerstreuungen zu finden, verzweifelt verdoppelt.

Direktor Pogge, tagsüber von seiner beruflichen Arbeit voll beansprucht und abends, oft bis in die Nacht hinein, wenn auch innerlich widerstrebend, seine Frau auf diverse Einladungen begleitend, weiß schon gar nicht mehr      -wie er zu seiner Frau bedauernd und leis anklagend sagt-,      "...wie es abends bei uns zu Hause ist ...".

Und dabei, wie sein spontanes Eingehen auf Pünktchens Fahrscheinkontroll-Spiel bewies, steht er innerlich der Welt seiner Tochter viel näher als der Welt der mannigfaltigen Unechtheiten und leeren Eitelkeiten seiner Frau. Während er sich nach der ersteren sehnt, aber der letzteren folgen zu müssen meint, gerät er in einen andauernden Leidenskonflikt, der sich, vom Unterbewußtsein gesteuert, einen psychosomatischen Ausweg sucht: "Er schluckte Tabletten, so oft sich dazu Gelegenheit bot. Vor dem Essen, nach dem Essen, vorm Schlafengehen, nach dem Aufstehen, manchmal waren es kreisrunde Tabletten, manchmal kugelrunde, manchmal viereckige. Man hätte vermuten können, es mache ihm Spaß. Er hatte es aber nur mit dem Magen ...".

Pünktchen, das nette, ulkige Kind, wie Berta sich drastisch treffend ausdrückte, leidet ebenfalls unter diesen Verhältnissen. Aber zum Glück für sie verfügt sie nicht nur über kreative Phantasie, sondern hat auch keine Scheu, diese im Spiel, in manchmal sehr originellen Spielen auszuleben. Ihre Verkleidungen, die verschiedenen Rollen, in die sie, spielend, schlüpft, beweisen jedoch nicht nur Phantasie und sind nicht nur unbewußt unternommene Versuche zur Selbstheilung, sondern haben zugleich appellativen Charakter: sie macht aufmerksam auf sich, meldet, verhüllt, aber eigentlich umso unübersehbarer, ihr Bedürfnis an, als Mensch zur Kenntnis genommen und akzeptiert zu werden. ("Das charakterisiert den Menschen von heute"', so zitiert der Pädagoge Martin Wagenschein seinen Kollegen Max Picard: "Es findet keine Begegnung mehr statt zwischen ihm und dem Objekt (sei dieses nun Mensch oder Sache) ... Der Sinn einer Begegnung aber ist, dem Objekt, das vor einem ist, Zeit, und das heißt Liebe, zu geben..."). Da das, bei aller erkennbaren potentiellen Liebe ihres Vaters, des Direktors Pogge, zu ihr, Pünktchen, wegen der Zwänge, in denen er steckt, in nicht ausreichendem Maße geschieht und von seiten ihrer Mutter gar nicht, entsteht in ihr der Wunsch nach Verdoppelung in Gestalt praktisch ununterscheidbarer Zwillinge (welches Motiv übrigens von Kästner 18 Jahre später, 1949, in seinem Roman 'Das doppelte Lottchen' entfaltet werden sollte).

In dieser Wunschvorstellung erlebt sich Pünktchen nicht nur als ein und dieselbe doppelt - und vermehrt dadurch die derzeit ihr zu sparsam erwiesenen Liebesbeweise, sie fühlt sich nicht nur als doppelt so stark und geschätzt gegenüber jeder Unbill des Lebens und sie empfindet sich nicht nur      -eine in der andren, die andre in der einen und beide zusammen in ihr, Pünktchen, selbst-     als doppelt getröstet, sondern (sie stöhnt vor Vergnügen, während sie sich diese Sache ausmalt!) man kann auch alle Welt      -sofern man das will-     in Verwirrung stürzen, sie gewissermaßen zwischen sich selbst      -wie den Hasen zwischen den zwei Igeln-      hin und her jagen und sich für all den Kummer aus ungestillter Liebe rächen.

Was hier     -wörtlich unausgesprochen, aber in poetischer Vergegenwärtigung immer vorhanden-      in Gefahr steht, ist die Kindheit. Um sie wird gebangt und gelitten, um sie wird von Kästner und seinen fiktiven Figuren      -jeweils auf ihre Art und mit ihren Mitteln-      gekämpft. Und wo auch immer Erich Kästner von Kindern oder von der Kindheit spricht, wird seine Sprache zart und beschwörend zugleich, selbst ergriffen und wieder ergreifend, und Wärme, ja Liebe färben sie, und alle ironisch-satirische Distanz schwindet dahin, als würde Gewölk von der Sonne gezogen.

In seinem 1952 erschienenen Sammelbändchen mit Chansons und Prosa unter dem Titel 'Die kleine Freiheit' hält Erich Kästner eine 'Kleine Neujahrs-Ansprache vor jungen Leuten: 'Die vier archimedischen Punkte'. Punkt 3 lautet so:

"Jeder Mensch gedenke immer seiner Kindheit! Das ist möglich. Denn er hat ein Gedächtnis. Die Kindheit ist das stille, reine Licht, das aus der eigenen Vergangenheit tröstlich in die Gegenwart und Zukunft hinüberleuchtet. Sich der Kindheit wahrhaft erinnern, das heißt: plötzlich und ohne langes Überlegen wieder wissen, was echt und falsch, was gut und böse ist. Die meisten vergessen ihre Kindheit wie einen Schirm und lassen sie irgendwo in der Vergangenheit stehen. Und doch können nicht vierzig, nicht fünfzig spätere Jahre des Lernens und Erfahrens den seelischen Feingehalt des ersten Jahrzehnts aufwiegen. Die Kindheit ist unser Leuchtturm...".

Da man     -durchaus zutreffend-     daran gewöhnt ist, die Wurzeln des Kästner'schen Denkens als aufklärerisch-kritisch und moralistisch zu bezeichnen, ist der Hinweis, daß zentrale Aussagen in dem soeben Zitierten an die Anamnesis Platos - und daß das Wort "er-inn-ern' an einen von Meister Eckhart erfundenen Zentralbegriff seiner Mystik rühren, sicher nicht uninteressant im Sinne eines differenzierteren und umfassenderen Verständnisses Erich Kästners.

Und in dem leider viel zu wenig ge-kannten Text unter dem wohl be-kannteren Titel "Ansprache zum Schulbeginn" (aus demselben Sammelbändchen 'Die kleine Freiheit') heißt es u.a.:

"Laßt euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr... Müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obstborden und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel? Nun - die meisten leben so! Sie stehen auf der obersten Stufe, ohne Treppe und ohne Haus, und machen sich wichtig. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch! ..."

Kindheit ist also, das ist den Zitaten unschwer zu entnehmen, für Erich Kästner nicht nur ein Lebensabschnitt, ein begrenzter, meßbarer Zeitraum, auch nicht nur eine entwicklungspsychologische Kategorie und auch nicht etwas anderes, das man in klugen Büchern     -in seinen jeweiligen Grenzen sicherlich richtig-     erfaßt hat: Kindheit ist eine Qualität, eine Substanz, eben das stille, reine Licht, das tröstlich in Gegenwart und Zukunft hinüberleuchtet. Nur durch Bewahrung wenigstens eines Fünkchens dieser Substanz der Kindheit wird der Mensch zum Menschen.

Wer an dieser Substanz teilhat bzw. in wem sie so wahrhaftig lebt, daß seine Haltung und sein Verhalten erkennbar von ihr bestimmt sind, der wird als Mensch erkannt, mag ihn seine gesellschaftliche Position, ein Rang oder etwas anderes auch von anderen deutlich distanzieren. So heißt es in dem autobiographischen Erinnerungsbuch 'Als ich ein kleiner Junge war' aus dem Jahre 1957 vom letzten König von Sachsen, den Erich Kästner noch in Dresden erlebte:

"Manchmal fuhr er mit seinen Kindern durch die Residenzstadt... Und aus dem offenen Wagen winkten die kleinen Prinzen und Prinzessinnen uns andern Kindern zu. Der König winkte auch. Und er lächelte freundlich. Wir winkten zurück und bedauerten ihn ein bißchen. Denn wir und alle Welt wußten ja, daß ihm seine Frau, die Königin von Sachsen, davongelaufen war. Mit Signore Toselli, einem italienischen Geiger. So war der König eine lächerliche Figur geworden, und die Prinzen hatten keine Mutter mehr... Er war einsam. Er liebte seine Kinder. Und deshalb liebte ihn die Bevölkerung...".

Auch Direktor Pogge zählt zu denjenigen, die zwar erwachsen geworden (und er ist es, wenn auch mit deutlich erkennbarem Konflikt), die aber gleichwohl Kinder geblieben sind.

So wie derartige Menschen selber, indem sie an der Substanz der Kindheit teilhaben, die einzig wahren Menschen      -entweder tatsächlich oder zumindest potentiell-      sind, so sind sie in dieser Welt, in der wir alle leben, für die Bewahrung der Kindheit und - damit für die Entstehung von Menschlichkeit in anderen von allergrößtem Wert.

Den Kindern nämlich ist es nicht vergönnt, in ihrem Zustand zu verbleiben. Sie unterliegen, wie alle und alles, den Gesetzen von Zeit und Vergänglichkeit. Sie müssen, ob sie oder ob andere das wollen oder nicht, ihre Kindheit in deren reinster Form verlassen und in die gefährdete (und gefährdende) Welt der Erwachsenen hinüberwechseln. Und da ist es nun von allergrößter Wichtigkeit, daß sie jemanden bei sich haben, der ihnen beim Hinüberwechseln hilft. Wachsen, sagt Kästner an die Kinder gewendet sinngemäß, müßt ihr selber! Aber: hegen und pflegen sollte und kann man euch dabei.

Solche Heger und Pfleger sind in Kästners Romanen und Büchern vorzugsweise die Mütter, selten die Väter. So z.B. in 'Emil und die Detektive', so die Mutter Antons in "Pünktchen und Anton". Es können aber auch Lehrer sein, so insbesondere der Doktor Bökh genannt Justus in 'Das fliegende Klassenzimmer'. Es kann auch ein naher Verwandter sein, wie z.B. Konrads unverheirateter Onkel Ringelhuth, der Apotheker, im Kinderbuch "Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee". In dem Buch 'Der kleine Mann' von 1963 wie auch in dem Folgeband "Der kleine Mann und die kleine Miss" von 1967, in denen Kästner das Kindliche in der Gestalt des nur fünf Zentimeter 'großen' Mäxchen Pichelsteiner aufs sinnenfälligste veranschaulicht, nimmt sich der "berühmte Zauberkünstler Professor Jokus von Pokus", ein Kollege der vom Pariser Eiffelturm gewehten Eltern Pichelsteiner, des verwaisten Jungen an.

Wer auch immer als Heger und Pfleger von ins Leben hinein- (oder aus dem eigentlichen Leben hinaus-) wachsender Kinder tätig wird, (da gibt es außerdem noch die Selbsthilfe unter Kindern, so z.B. Pünktchen und Anton wechselseitig, am bekanntesten die aus 'Emil und die Detektive' bekannte Gruppe Berliner Jungen, fortgesetzt in 'Emil und die drei Zwillinge'; oder die beiden Zwillingsschwestern Lotte und Luise in 'Das doppelte Lottchen') - wer also auch immer Kinder hegt oder ihnen anders hilft: über Wert und Wirkung solchen Tuns entscheidet jeweils und einzig und allein die in diesem Tun anwesende und es tragende Liebe.

Wie sehr Erich Kästner diese von liebendem Eingehen auf den Bezugspartner bestimmten Verhältnisse als unerläßliche Bedingungen angesehen hat, das Licht der Kindheit in der von ihm nicht immer freundlich betrachteten Welt am Leuchten zu erhalten, das beweisen diejenigen Partien seiner Bücher, in denen er solche Mensch-Mensch-Beziehungen, vornehmlich in Form von Kind-Erwachsene-Beziehungen, insbesondere in ihrer Bewährung darstellt. Da ist alle satirisch-ironische Distanz weg, da läßt er die Qualität schriftstellerischer Literatur hinter sich.

Anton, der Freund Pünktchens, der in armseligen Verhältnissen ohne Vater, allein mit der Mutter lebt, dessen Tage von der doppelten Last bedrückt sind, zum Lebensunterhalt durch bezahlte Gelegenheitsarbeiten beizutragen und zugleich in der Schule ein guter Schüler zu sein - dieser Anton könnte, wäre sie ihm nicht in mitmenschlicher Liebe verbunden, Pünktchens Neid wegen des Verhältnisses erregen, das zwischen ihm und seiner Mutter besteht. Eines Verhältnisses, das sie, Pünktchen selber, bei sich zu Hause so schmerzlich vermißt. Als Antons Mutter schwer erkrankt, operiert werden muß und nach dem nicht ungefährlichen Eingriff sich in der ärmlichen Zwei-Räume-Wohnung, bettlägerig, nur mühsam wieder zu erholen vermag, übernimmt Anton nicht nur die Sorge für ihrer beider gesamten materiellen Unterhalt, sondern ganz selbstverständlich auch noch alle anfallenden hauswirtschaftlichen Arbeiten. Als sich infolge seiner fortwährend übermäßig angespannten Kräfte, aus Erschöpfung, seine schulischen Leistungen bedenklich verschlechtern, übernimmt es Pünktchen, ohne daß Anton darum weiß, seine Lehrer über die Ursachen aufzuklären und dem sonst so beliebten und angesehenen Schüler eine Schonzeit zu erwirken, die ihn davor bewahrt, in der Schule und, infolge dieses Selbstwertverlusts, in seiner hochangespannten Lebenssituation überhaupt zu scheitern. Als er eines Tages, den Kopf voller Sorgen, das Herz schwer, nach Hause kommt, findet er seine Mutter nicht im Bett, sondern in der Küche vor. Sie hat es, obwohl noch lange nicht gesund, nicht mehr ausgehalten, ihren Jungen mit der steten Sorge um sie zu belasten. Aus Liebe zu ihm hat sie Willenskraft und Energie an die Stelle der noch mangelnden Gesundheit gesetzt. Anton merkt das erst nicht, die spontane Freude, seine Mutter wieder auf den Beinen zu sehen, löscht in ihm alle anderen Wahrnehmungen und Gedanken aus. Mit einem Riesenappetit macht er sich über die Linsen mit Würstchen her, die, seit Wochen zum erstenmal, nun wieder die Mutter gekocht hat. Als er aber, nachdem die erste Aufwallung der Freude verebbt und der erste Hunger gestillt sind, wieder klarer zu beobachten vermag und demzufolge bemerkt, daß die Mutter ihre Portion noch gar nicht angerührt hat und voller stummer Trauer zu sein scheint, senkt sich für ihn die Schweigsamkeit "wie ein drohender Nebel aufs Zimmer". Und als ihm plötzlich schlagartig einfällt, heute, am 9. April, hat seine geliebte Mutter Geburtstag und daß er ihn in der Fülle seiner Tätigkeiten und Sorgen vergessen hat und damit die Mutter sehr traurig gemacht haben muß, hält er die auf diese Erkenntnis folgende seelische Belastung nicht länger aus: er verläßt die Wohnung, um der Mutter als nachträgliches Geburtstagsgeschenk eine Tafel Schokolade zu kaufen, diese, zusammen mit einer Gratulationskarte mit der Aufschrift 'Von Deinem tiefunglücklichen Sohn Anton', in den Briefkasten zu werfen und dann fortzulaufen, um 'nie mehr' wiederzukommen.

Der Mutter, ausgezehrt und erschöpft von der Krankheit, stärker als normal auf sich selbst bezogen, scheint die Tatsache, daß ihr Junge ihren Geburtstag vergessen hat, von heimlicher Bedeutung. "Auch er ging ihr allmählich verloren wie alles vorher, und so verlor ihr Leben den letzten Sinn. Als sie operiert worden war, hatte sie gedacht: Ich muß leben bleiben, was soll aus Anton werden, wenn ich jetzt sterbe? Und nun vergaß er ihren Geburtstag ...". Aber nach einer kurzen Phase durchaus verständlichen Selbstmitleids setzt sich das liebende Verstehen für den wochenlang überanstrengten kleinen Kerl in ihr wieder durch. "Sie durfte nicht hart sein. Er war so erschrocken gewesen. Sie durfte nicht streng sein, er hatte in den letzten Wochen ihretwegen viel ausgestanden. Erst hatte er sie jeden Tag im Krankenhaus besucht. In der Volksküche hatte er essen müssen, und Tag und Nacht war er mutterseelenallein in der Wohnung gewesen. Dann war sie nach Haus gebracht worden. Seit vierzehn Tagen lag sie im Bett, und er kochte und holte ein, und ein paarmal hatte er sogar die Zimmer mit einem nassen Lappen aufgewischt..". Plötzlich beginnt sie ihn zu vermissen, sie ruft ihn - aber er ist fort. Da springt Unruhe in ihr auf. Sie reißt die Wohnungstür auf und rennt die Treppe hinunter, ihren Jungen zu suchen.

Anton hat inzwischen die Schokolade gekauft, ist zur Wohnung hinaufgeschlichen, hat die Schokolade, wie vorgesehen, durch die Klappe des Briefkastens geworfen, bemerkt, schon sich entfernend, daß sich auf den im Briefkasten entstandenen Lärm nichts in der Wohnung regt, auch auf zaghaftes Klingeln, selbst auf heftiges Klopfen nicht. Da springt ihn die Angst an, die Mutter könnte wieder krank geworden sein, wehrlos in der Küche liegen, könnte sich, aus Kummer um ihn, gar was angetan haben...

So findet ihn schließlich die Mutter, die nach ergebnisloser Suche verzweifelt zur Wohnung zurückkehrt, in ratlosem Kummer auf der Treppe sitzen...

Die Erlösung dieser beiden Menschen aus der Angst, die sie umeinander ausgestanden haben, wird jedem, der diese Stellen gelesen hat, unvergeßlich bleiben.

Den Kindern in den besten Büchern Erich Kästners wird bei ihrem Hineinwachsen in diese Welt nichts geschenkt und erspart. Da gibt es weder ein Laissez faire noch für sie ausgesparte und künstlich kindlich gehaltene Schutznischen. Ihre Welt ist die der Erwachsenen und dort, wo sie ganz auf sich selber gestellt und unter sich sind, ahmen sie die Erwachsenenwelt - wie z.B. in 'Emil und die Detektive' - nach. Auf dererlei kommt es auch gar nicht an. Pflichten, wie sie auch für die Erwachsenen gelten, werden klaglos übernommen, wenn sie, die Kinder, nur von irgendwo eine Liebe verspüren, die sie begleitet und leitet und trägt und annimmt und hält und die, durch alle menschlichen Schwächen hindurch, in ihrer Wahrhaftigkeit glaubhaft ist. Und wo sie die Liebe, die sie zum Wachsen und zur – unausweichlichen - Menschwerdung brauchen, als gefährdet, als in ihrer Kraft nachlassend spüren, wo dieses besagte Licht nur noch schwach leuchtet, da kämpfen sie darum, es zu retten, zu heilen.

Immer wieder sind es die Kinder in den Büchern Erich Kästners, die das wieder zu heilen versuchen, was Risse bekommen hat. So die beiden Zwillinge in 'Das doppelte Lottchen' die Ehe ihrer beiden getrennt lebenden Eltern - und somit die auseinandergerissene Familie. Auf eine etwas andere Art die beiden befreundeten Kinder Pünktchen und Anton, deren überzeugende kindliche Daseinskraft Herrn Direktor Pogge den Mut gibt, sich zu der in ihm beinahe verschütteten Substanz der Kindheit zu bekennen, was zur Folge hat, daß er sich dem sinnleeren Leben seiner Frau entzieht, dieser einen Halt an ihm gibt, daß er fortan viel Zeit für Pünktchen haben will und Frau Gast, Antons Mutter, als Kinderfrau ins Haus nimmt - und den Anton natürlich dazu ...

Und so schließt sich der Kreis meiner Darlegungen. Wir vermögen vielleicht, sofern die in der begrenzten Zeit möglichen Hinweise das anzudeuten vermochten, den Schriftsteller und Dichter Erich Kästner als eine Ganzheit zu verstehen. Die satirischen Teile seines Gesamtwerks stehen zu seinen Kinderbüchern nicht im unvereinbaren Widerspruch, sondern richten sich gegen eine Welt, die er, vermöchte er es, im Namen der Kindheit, seiner realen Utopie, am liebsten retten würde. Aber da er, ein Realist, weiß, daß sie nicht zu retten ist, muß er die Kindheit, wo sie existiert, vor dieser Welt schützen - um einer letzten Hoffnung willen.

(Hier ergibt sich, auch wenn man Erich Kästner in dieser, manche irritierenden, Haltung aus den Prämissen seiner besonderen existenziellen Welterfahrung als Ganzheit zu verstehen vermag, eine Frage, nämlich die nach der Toleranz. Oder andersherum gesehen: die Frage nach der Unduldsamkeit gegenüber denen, die ihre Kindheit vergessen haben, und ihren möglichen praktischen Konsequenzen. Aber da ist er wohl jenseits jeden Verdachts, bedenkt man seine glaubhaft entschiedenen Aussagen für den Frieden in aller Welt, insbesondere in seinem unentwegt nur dieses eine Motiv entfaltende Kinderbuch 'Die Konferenz der Tiere' von 1949.)

Und schließlich vermögen wir      -und damit wurden wir dem heutigen festlichen Tage einer Namensgebung gerecht-     jetzt wenigstens andeutungsweise zu sehen, wo der tiefere Bezug zwischen einer Schule, einer solchen besonderen Schule wie dieser neuen Erich-Kästner-Schule zumal, und dem, was der Name Erich Kästner bedeutet, zu finden ist.

Bedenke ich alles, was ich vorgetragen habe, so weiß ich: Sie haben gut gewählt. Möge es Ihnen und Ihren Kindern im Umgang miteinander gelingen, das Licht am Leuchten zu erhalten, das gemäß der Überzeugung Ihres Namensgebers darüber entscheidet, ob wir - Menschen bleiben.

Und mögen Sie unter diesem Anspruche durch Ihre verantwortungsvolle Arbeit diejenige Identität finden und Ihren Kindern zu einer ihnen angemessenen verhelfen können, die wir als Menschen brauchen, um unsere Welt zu bestehen.

 


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