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4.


 

Anonymität, Schule und Demokratie

Beitrag in einer Schülerzeitung

Alsfeld 1965

[Anonymität, Schule und Demokratie. Erschienen in der Schülerzeitung des Gymnasiums "Albert-Schweitzer-Schule" Alsfeld "Im Glashaus", Dezember 1995 / "Im Glashaus", April 1966, in zwei Folgen. Von Hans-Günter Marcieniec, Studienrat]

Unter der Überschrift "Einige Gedanken zu unserer Erziehung" druckte diese kritische Schülerzeitung in der Ausgabe vom August 1965 einen Artikel ab, der einen der Vertrauenslehrer veranlaßt, sich zur Form des genannten Artikels zu äußern. Diese Form ist die anonyme. Der Artikelschreiber gibt sich nicht zu erkennen. Er zieht es vor, seine schneidigen Ausfälle gegen den Geist, der ihm selber als Ungeist erscheint und der an unserer Albert-Schweitzer-Schule nicht nur still spuke, sondern kräftig herrsche, aus dem Verborgenen, dem Nährgrund aller Unsicheren und Hasenherzen, zu führen.

Anonym - dieses Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet: ohne Namen.

Der Name ist im Laufe der Menschheitsgeschichte zum bewährten Mittel geworden, den einzelnen zu kennzeichnen. Zwar müssen Namenswahl und -gebung in bezug auf den einzelnen Menschen als etwas Zufälliges, ja Willkürliches erscheinen, aber gleichwohl begreift man unter jedem bestimmten Namen eine je bestimmte, eigenartige menschliche Erscheinung und nimmt zwischen ihr und ihm eine zwar gesetzte, aber danach dennoch existierende Identität an. Im allgemeinen akzeptiert und begreift sich der einzelne selbst unter seinem Namen.

Dagegen bedeutet der Verzicht auf die Namensgebung den Verzicht darauf, sich als bestimmter Mensch kenntlich zu machen. Das ist der Rückzug in die Unkenntlichkeit, ist das Entschlüpfen aus dem Kreis der Verbindlichkeiten - in welchem das Spiel der Beziehungen zwischen Namensträgern als verbindend sichtbar wird - ist das Sichdrücken vor den Spielregeln, während man doch das weitere Einmischen ins Spiel nicht immer unterläßt - ist also auch Unfairness.

Vielleicht gibt man sich aus Furcht nicht zu erkennen. Die menschheitlichen Erfahrungen wissen, daß man sich zu bestimmten Zeiten unter bestimmten Bedingungen anonym zu äußern pflegte. Insbesondere dann, wenn Menschen unter dem Druck starker politischer Herrschaften standen. So man arbeitete und sich äußerte, um des Drückenden ledig zu werden, tat man es aus Gründen der Selbsterhaltung und des endlichen Erfolgs anonym. Anonymität und - insbesondere - zentralistisch strukturierte Staaten bedingen einander. Als derartige Staaten wären zu nennen: Tyrannis, absolutistische Monarchie sowie die neuzeitliche Diktatur.

In den verschiedenen Spielformen rechtsstaatlicher Demokratien erwartet man dagegen nur geringe Neigungen zur Anonymität. Die Person ist durch grundsätzliche Freiheitsrechte gesichert, die Macht im Staate ist möglichst geschickt aufgeteilt und steht unter Kontrolle. Furcht sollte so nicht entstehen können. Stellt sich trotzdem in demokratischen Staaten Anonymität ein, dann müssen dafür besondere Gründe vorliegen.

Entweder die Demokratie ist eine Lüge - oder aber die Anonymität ist subjektiv begründet. Beides hängt zutiefst miteinander zusammen. Z. B. können Menschen heimliche Freude am lautlosen Kampf haben: aus dem Verborgenen Pfeile zu schnellen, die Treffer zu beobachten und an der verwirrten Suche und Hilflosigkeit sich sadistisch zu befriedigen. Auf dem Grunde eines solchen Verhaltens vermute man ein versehrtes Selbstbewußtsein. Seelische Verklemmungen und Frustationen mögen unerträgliche Spannungen erzeugt haben, die nach Lösung schreien. Krankhafter Heimtücke dieser Art sind alle Ziele sogar gleich: für den seelisch Kranken ist allein wesentlich, Schmerz und Hilflosigkeit auf dem Gesicht eines Menschen zu genießen. Auf dem Umwege über ein Medium werden die eigenen Qualen bis auf weiteres kompensiert. Ohne weiter ins Detail zu gehen, darf man zusammenfassend feststellen: das versehrte Selbstbewußtsein ist eine Folgeerscheinung. Der Mensch kommt sicherlich nicht mit ihm zur Welt. Die Neigung, unterm Schirm der Anonymität in anderen Furcht oder Ärger zu erzeugen, dürfte erst die Folge selbst erhaltener Verletzungen sein. Sofern Demokratie nicht eine Lebenshaltung zwischen den Menschen ist, sondern "nur" eine auf Papier fixierte Möglichkeit, bestenfalls eine Zeitlang dahinklappernde Maschinerie unerfüllter Institutionen, wird auch die sog. Demokratie immer wieder Anonymität provozieren.

Denn unter dem täuschenden Schirm einer demokratischen Staatsverfassung vollzieht sich das eigentliche Leben innerhalb kleinerer Gruppen, seien es Familien, Betriebe, Schulen, Gemeinden, Kreise, Länder. Die Spielregeln innerhalb solcher Gruppierungen können alles andere sein als demokratisch. Immer bleiben zähe Nester des Autoritären. Der bloße Verweis auf den Rechtsstaat allein ist da sehr theoretisch. Die Quelle einer Bedrohung oder Bedrückung zu erkennen, darunter zu leiden und Schaden zu nehmen und gegen sie vorzugehen - sind verschiedene Dinge.

Offener Widerstand gegen das Autoritäre stellt vieles aufs Spiel. Oft schreckt jemanden schon die voraussichtliche lange Dauer eines Rechtsstreits mit ihren vielen Ungelegenheiten. Er fürchtet um den Verschleiß wertvoller Spannkraft, die er viel besser in seinem Beruf einsetzte und dafür, sich selbst und seine Familie voranzubringen. Das Bewußtsein von Verantwortung für ihm anvertraute Menschen hindert ihn vielleicht daran, einen Rechtsstreit zu beginnen. Damit stehen wir in einer Antinomie, in einem der unaufhebbaren Widersprüche, in die das Leben uns aussetzt. Theorie und Praxis klaffen auseinander. Ganze Generationsketten von Menschen haben an der Wegschaffung dieses Widerspruches gearbeitet, sich an ihm abgestumpft - er aber besteht nach wie vor. Und doch stachelt er den Menschen unentwegt an, reizt ihn zu erneuerten Anstrengungen, um ihn - paradox - endlich immer wieder nur Versagen und Scheitern erfahren zu lassen. Aber auf dem Wege zum Scheitern wird doch so Großartiges vollbracht wie ganze Kulturen. Und der Mensch erfährt dadurch, daß er dem Autoritären in sich selbst wie in seiner Umwelt widersteht und dabei scheitert, recht eigentlich erst sein Eigentliches: Freiheit.

Insbesondere in einer Gesellschaft, die sich das Ziel gesteckt hat, recht viele der in ihr lebenden Menschen zu selbständigen, kritischen und verantwortlich handelnden Staatsbürgern zu entwickeln, muß der Kampf gegen die Nester des Autoritären immer wieder aufgenommen werden. Die Voraussetzung dafür ist das Couragiertsein jedes einzelnen zum Widerstand gegen das Autoritäre , das seine menschliche Würde zu zerstören droht. Geschieht dieser Widerstand anonym, so fehlen ihm Glaubwürdigkeit, ja, die tiefste, aus der menschlichen Würde kommende Legitimation. Wo ich in einer freiheitlichen Staatsform schon nicht den Mut finde, mich mit meiner ganzen Person deutlich erkennbar hinter meine Aussage zu stellen, gebe ich den Beweis, daß die von mir gemeinte Sache des Einsatzes meiner selbst nicht wert ist. In einem Staat, der Freiheit und Menschenwürde als oberste Ziele gesetzt hat, ist das ständige Eintreten der einzelnen für diese Ziele notwendig. Jeder einzelne ist aufgerufen, hier zum Vorbild zu werden.

Die Schule sollte von der Gesellschaft beauftragt werden, an ihr selber die dauernde Verjüngungskur dadurch zu vollziehen, daß sie dem unwiderruflichen Anspruch folgte, möglichst mündige, freie und verantwortungsbewußte Menschen zu erziehen. Wenn es Lehrer gibt, die bereit sind, sich mit ihrer ganzen Person der Erfüllung dieser Aufgabe zu verschreiben, können sie es nicht dulden, daß sich ihre Schüler an der Verantwortung aus Freiheit vorbeidrücken, indem sie sich in der schlechten Gewohnheit anonymen Verhaltens üben.

Selbstverständlich ist im Verhältnis des Jugendlichen zum Erwachsenen die größere Abhängigkeit auf seiten des Jugendlichen. Das gleiche gilt für die spezielle Spielform Schüler-Lehrer-Verhältnis. Der Lehrer ist der Stärkere, und zwar auf Grund seiner ziemlich umfassenden wie zugleich intensiven Ausbildung, die als niemals abgeschlossen gilt und die sowohl sein Wissen ausmacht wie auch seine geistig-seelische Haltung prägt. Allein auf Grund seiner Überzeugungskraft, die Wissen, Erfahrungen und Kenntnisse natürlicherweise verleihen können, entsteht vom Lehrer zum Schüler hin ein Gefälle, auf dem, je steiler es ist, die Argumente des Lehrers eine je um so größere Wucht erhalten und den Schüler erdrücken können.

Jeder Mensch, der in irgendeiner Weise Macht ausübt, ist ständig versucht, sie in stärkerem Maße auszuspielen als das für den jeweiligen Zweck nötig wäre. Auch der Lehrer steht in dieser Versuchung. Eine seiner wichtigsten Aufgaben, die von der Öffentlichkeit kaum gesehen, geschweige denn begriffen wird, besteht in einem dauernden Prozeß der Selbstprüfung darüber, ob er einerseits den für alle Erziehung notwendigen Zug ausübt, ohne - andererseits - den Keim der Selbständigkeit, kurz: der Freiheit im Schüler zu ersticken.

Es wäre irreal und unwahr, wollte man diesen hier nur angedeuteten Sachverhalt leugnen. Nur völlige, schonungslose Klarheit im Darlegen der realen Dinge kann dazu führen, mit ihnen fertig zu werden oder - wie es heute so schön heißt: sie zu bewältigen.

Ebenso selbstverständlich erfährt der Schüler seinerseits die Versuchung und die Verlockung, ins Anonyme auszuweichen, sich dem Lehrer nicht zu stellen, häufig selbst dann, wenn ein natürliches Rechtsempfinden ihm sagt, daß er eigentlich widersprechen müßte. Aber irgendwelche Erfahrungen lassen ihn vielleicht doch den Weg ins Anonyme oder - wie man in verhüllenderer Form sagt - ins Arrangement suchen: im Grunde genommen den Ausweg ins Bequeme. Zwar kann unter bestimmten Bedingungen das Sicharrangieren die einzige Möglichkeit sein, mit diesen Bedingungen fertig zu werden: auf dem Wege des halben Nachgebens den Druck von oben abzuschwächen, vielleicht auf eine listige, langdauernde, mühselige Weise ihn von unten her zu zersetzen - in totalitären Staaten die einzige Möglichkeit für die Freiheit.

Wir aber sind kein totalitärer Staat. Der Freiheit galt die mit unserer Staatsverfassung vollführte unübersehbar einladende Geste. Der Thron wurde für sie bereitet - hat sie eigentlich schon Platz genommen? Er steht in uns. Vielleicht wird er deshalb so selten gesehen. Die Freiheit für uns kommt nicht ohne unser Zutun, denn sie ist nichts, was außerhalb unser selbst wäre. Wollen wir eines Tages den mühseligeren Weg zur Freiheit gehen müssen, weil wir, als noch Gelegenheit dazu gewesen wäre, die Anstrengung fürchteten, sie zu ergreifen? Sollte man der Wahrheit des Wortes nicht entkommen können, daß man den Wert dessen nicht kennt, das man hat?

Wenn die Schule überhaupt einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen vermag, dann wäre es - neben der Vermittlung notwendigen Wissens - dieser: daß im Exemplum des Schüler-Lehrer-Verhältnisses sich Macht in ihrer Ambivalenz erfährt; daß sie in Gestalt des Lehrers unter dauernder Hervorbringung von Selbstkritik lernt, sich selbst zu beschränken. Das wäre die eine Seite. Die andere Seite derselben Sache wäre, daß der Schüler, der Macht gegenüberstehend, von ihr selbst dazu angehalten würde, couragiert zu sein, Widerstand zu üben, daß er den Anspruch vernähme und tatsächlich, in gegebenen Situationen, ihn zurückgäbe, indem er widersteht. Hier wird begreifbar, wie notwendig der Schüler einer modernen Schule für die ganze Gesellschaft wird. Der Grundgedanke der SMV, vielmehr die bestehende SMV selbst sind bescheidene Anfänge. Was vom Schüler, dem Lernenden, Wachsenden, Werdenden, verlangt wird, das ist, in der Verantwortung mitzuspielen. Es ist nicht weniger als das vom Lehrer Verlangte. Beide bedingen einander, beide sind beteiligt an der Hervorbringung eines Gemeinsamen: des kritischen und verantwortlichen Umgangs mit der notwendigen Macht und - daraus - der Erfahrung des Menschlichen in der Freiheit.

Der Kampf um ein derartiges Verhältnis ist zugleich ein Kampf gegen die Versuchung zur Anonymität. Denn um sich aufeinander einzuspielen, ist es erforderlich, daß man einander kennt. Um füreinander gegenüber einem Gemeinsamen: dem Menschlichen, Verantwortung zu übernehmen, muß man miteinander darüber sprechen. Das aber geht nicht, wenn man sich durch Anonymität versagt.

Der ganze hier angeschnittene Sachverhalt läßt sich zudem unter den Begriff von "Vertrauen" stellen.

Anonymität ist ein Mangel an Courage zum Vertrauen. Vertrauen ist nicht mißzuverstehen als Onkel-Verhältnis - das wäre Plüschsofa-Romantik - sondern als Verbindung, in der sich bei allen notwendigen Spannungen und Auseinandersetzungen im Grunde das Jasagen zum anderen bewährt. Der Mangel an Vertrauen enthüllt sich somit im Grunde als ein Mangel an Vertrauen zu sich selbst. Wer da meint, dem anderen mißtrauen zu müssen, ist unsicher in sich selbst. Selbst wenn es natürlich ist, daß ein Schüler gegenüber einem Erwachsenen - insbesondere dann, wenn der ein Lehrer ist, der "immer alles besser weiß" - Mangel an Selbstvertrauen hat, darf es der Lehrer nicht dulden, daß jener die Ausflucht in die Anonymität nimmt. Das tut der Lehrer im Interesse der Freiheit des Schülers, die aus diesem zu entwickeln ist. Und im eigenen Interesse.

Der Lehrer bringe den Schüler dazu, den Mut aufzubringen, seinen Lehrer zu prüfen. Es ist eine Prüfung, der sich der Lehrer in beiderseitigem Interesse auszusetzen hat. Oft wäre es ihm angenehmer, weil bequemer, ginge der Schüler den heimlichen Weg, der es dem Lehrer ermöglichte, sich darüber zu empören und seiner eigenen Prüfung zu entgehen. Heimlichkeit setzt sich von vornherein ins Unrecht, vor allem in der Öffentlichkeit. Zudem führt die Feigheit vor dem Vertrauen immer weiter weg von ihm. Ganze Wände von Enttäuschungen, Vorurteilen und Fremdheit schieben sich zwischen Lehrer und Schüler. Und das zu verhindern und weil der Schüler diese Sachverhalte vielleicht weniger klar sieht als der Lehrer, muß dieser dasein, um es für jenen mitzutun.

Es ist damit so, daß der Lehrer, indem er sich im Schüler einen kritischen Geist erzieht, im Schüler sich selber stellt und sich in ihm selber zur Prüfung bringt. Der Lehrer stellt sich im Schüler die Kraft bereit, die ihn zu kritisieren hilft, wenn er selber es versäumt oder nicht vermag.

Abschließend stehe der Hinweis: Nur aus dem Offenen vermag etwas zu entstehen. Was sich - wie und aus welchen Gründen auch immer - in sich selbst verschließt, stellt sich selbst außerhalb des eigentlichen Lebens und hat das Recht verwirkt, über das Leben der anderen zu räsonieren. Anonymität stellt sich außerhalb. Sie ist zu bekämpfen als Versuchung, sich an seinem Eigentlichen: sich an sich selber vorbeizudrücken.

Und: es sei hiermit gewarnt davor, diese Stellungnahme als Rechtfertigung für destruktives Verhalten vorzuzeigen: der Offenheit zur Verantwortung, aus der gemeinsame Freiheit werden soll, hat eine dauernde Anstrengung vorauszugehen, die mit flachköpfigem Dahinleben im Bequemen wesentlich unvereinbar ist. Es gilt nicht nur, daß - bis zu einem gewissen Grade - der Schüler nicht besser sein könne als seine Lehrer. Es gilt auch die Umkehrung dieses Satzes.

 


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