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Hans-Günter Marcieniec
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2.



Deutsch-Unterricht

Stellungnahme zu einer Schul- und Unterrichtsfrage

Weißensee 1949

[Stellungnahmen zu Schul- und Unterrichtsfragen während der Zeit im Schuldienst des Landes Thüringen (DDR) von 1948 - 50 an der 'Einheitsschule' (Volksschule) in Weißensee (Kreis Erfurt). Der Deutsch-Unterricht kämpft im Rahmen der Pädagogik für die Verwirklichung einer glücklicheren Welt. Eine Arbeit über ein aktuelles Thema von Allgemeininteresse, das in Beziehung zum kommenden Beruf steht.]

Deutsch-Unterricht

Deutsch-Unterricht! - man spricht es aus und überlegt sich dabei nicht, welches umfassende Gebiet man mit einem einzigen Wort genannt hat. Da kommen Sie her und wollen ein paar Regeln wissen, wollen ein Rüstzeug haben für schwierige Fälle in der Schreibung, ein paar Tips, sich 'gut' und richtig - in gutem Deutsch, wie man sagt - ausdrücken zu können. Und dann gehen Sie nach Hause und sagen: "Wir 'haben Deutsch gehabt' ", und vergessen, daß nur ein winziges, gar nicht mal allzu wichtiges Teil gestreift wurde.

Was ist nun 'Deutsch', wenn nicht dieses? Denken Sie einmal bei Ihrer Arbeit beim alltäglichen Sprechen, beim Vergnügen, in Freud und Leid, denken Sie einmal dann an diese Frage: Was ist Deutsch? Alles ist für Sie Deutsch. Deutsch ist Ihr ganzes Leben. Um Sie her spricht, weint und lacht es deutsch, Sie sprechen, lesen und schreiben - deutsch. Sie denken und empfinden in deutschen Begriffen und in gutem deutschen Sinn. Die ersten Laute, die das kleine Kind vernimmt, sind deutsche. Es beginnt langsam diese immer wieder vernommenen Laute zu verbinden, zu deutschen Wörtern, es lernt hinter den Wörtern Bedeutungen zu verstehen und deutsche Begriffe. Und so ist alles, so ist im Grunde alles, was als fraglose große Selbstverständlichkeit tagtäglich das kleine Kind umgibt, eigentlich der Beginn eines großen, allumfassenden Deutsch-Unterrichts, der für uns das sprachgewordene Leben selbst ist.

Wir alle lernten durch die behütenden und umsorgenden Worte der Mutter als kleine Menschen uns in den ersten, gewissermaßen den vordersten Gebieten des Lebens zurechtzufinden. Wir lernten, durch deutsche Worte ermahnt und erzogen, Ehrfurcht vor Vater und Mutter, vor den Menschen und allem, was da mit uns lebte und lebt. Und wenn wir uns eines Vergehens schuldig machten, ohne uns dessen so recht bewußt zu sein, wohl weil wir überhaupt noch zu wenig wußten, so waren es strafende, aber gütige Worte, vielleicht ein deutsches Geschichtchen oder Märchen, die uns sowohl unser eigenes Handeln wie auch dessen böse Folgen und somit seine Abscheulichkeit recht eindrucksvoll vor Augen führten. Und da, da begann etwas sich in uns zu regen, wir fühlten uns zerknirscht, fühlten uns vielleicht wütend über uns selbst, wurden reuig und gelobten Besserung. Was war das, was ein einfaches deutsches Geschichtchen in uns geweckt hatte? Man nennt es - Gewissen. Das Gewissen ist der 'Rektor' (= der Ausrichter) fürs menschliche Handeln. Unser 'gesundes' Gewissen war also durch die Erkenntnis eines ungerechten Handelns geweckt worden und wollte, wenn schon Geschehenes nicht mehr rückgängig zu machen war, so doch in Zukunft Ähnliches nicht mehr zulassen.

Das kleine Kind lernte also deutsch zu sprechen. Es hörte in seiner Umgebung dauernd und     -im Regelfalle-      ausnahmslos deutsch reden und lernte dabei, langsam und ihm selbst ganz unbewußt, die deutschen Wörter immer sinngemäßer zu Sätzen und zu ganzen Reden zusammenzusetzen. Aber, wie gesagt, ihm selbst noch unbewußt.

Nun kommt es in die Schule. Hier wird begonnen, alles bisher Aufgenommene systematisch zu ordnen und zu vervollständigen. D.h. dem Kinde wird langsam gezeigt, daß die deutsche Sprache ihre Gesetze hat. (Sie wissen ja alle, daß, um nur einige Beispiele zu nennen, zu einem Satzgegenstand im Satze normalerweise eine Satzaussage gehört; daß erst ein Verb dem Satze Leben zu geben und ihm Farbe einzuhauchen vermag; daß in der Sprachlehre die Deklination nach ganz bestimmten Grundsätzen und Gesetzen vor sich geht, die man in die sog. Regeln zu fassen versucht; daß die Konjugation des Verbs ganz bestimmten Gesetzen unterworfen ist; daß auf bestimmte Verhältniswörter ganz bestimmte Fälle folgen müssen usw., usw., usw.)

Das alles wird dem Kinde, wurde auch uns, langsam, Schritt für Schritt nähergebracht. Außerdem lernt es, seine deutsche Sprache richtig und "gut" zu gebrauchen: beim Sprechen, beim Lesen, beim Schreiben. Wie aber bei allem ein Außen einer Sache mit einem Innen stets miteinander verquickt ist - so auch hier. Die Beschäftigung mit der deutschen Sprache, die zur immer sichereren Aneignung führt, läßt den jungen Menschen seine Ziele weiterstecken. Es hört nie etwas bei einem erreichten Ziele auf, sondern schon wird nach dem nächsten ausgeschaut. Etwas Erreichtes ist nicht mehr wünschenswert, da man es hat. Das Streben zeichnet sich eben durch ein niemals eintretendes Stillstehen aus, und es gilt, um mit Goethe zu sprechen, letztlich immer nur ein Vorwärts. So auch bei dem jungen Menschen, der sich nun in manchen Schuljahren die deutsche Sprache systematisch angeeignet hat, der gelernt hat, sie bewußter und kontrollierter zu gebrauchen und anzuwenden: sein Sinnen und Trachten strebt weiter. So möchte er z. B. wissen, ob die deutsche Sprache schon immer in dieser heutigen Form vorhanden war. Da die Geschichte Tausende von Jahren umfaßt, ist diese Frage berechtigt. Er wird bei eingehender Beschäftigung mit dieser Frage erfahren, daß nichts durch Jahrtausende hindurch seine feste Gestalt bewahren kann, daß alles Veränderungen unterworfen ist, und daß nichts so groß wäre, daß es nicht vergehen könnte. Er wird erfahren, daß unsere Sprache über die germanischen Dialekte zurückgeht bis zu dem großen Urvolk, das man "Indogermanen" genannt hat: der Ursprung all unserer europäischen Völker, wie Engländer, Franzosen, Skandinavier, Balkanvölker, Spanier, Portugiesen, Italiener, Russen, Letten, Litauer, Polen,Tschechen usw. - ja sogar bis nach Indien und Persien reicht unsere weitere engere Verwandtschaft. Und nun folgen sich die Gedanken Schlag auf Schlag, sie überstürzen sich förmlich bis zu dieser Erkenntnis: alle diese Völker stammen aus einem Schoß, sind zu verschiedenen Zeiten aus ihm entsprungen und haben, jedes für sich, ihre eigenen Entwicklungen gehabt. Alle entstammen dem einen allgewaltigen Schoße des Lebens. Und welche gute Mutter möchte eines ihrer Kinder schlechter behandelt wissen als die anderen? Das duldet keine gute Mutter. Auch möchte sie, daß ihre Kinder untereinander Ruhe halten, daß sie sich nicht gegenseitig überheben, daß sie sich achten und Ehrfurcht voreinander bekommen. Und so wird das Seltsame eintreten, was ich vorhin erwähnte: das Außen einer sprachlichen Nachforschung wird sich wandeln zu einem Innen der Gesinnung. Der junge Mensch wird nicht mehr die Neigung verspüren, auf andere Völker mit anderen Sprachen herabzublicken, aus einem falschen Gefühl unbegründeter Überheblichkeit, sondern er wird      -will er nicht zugleich seinen eigenen Ursprung mißachten-      Ehrfurcht und Achtung vor den zwar anderen, aber im Grunde doch so gleichen bekommen. Und so führt uns ein Weg im Deutschunterricht von der Beschäftigung mit der deutschen Sprache zu der höchsten Idee der Menschheit, der Humanität.

Ein anderer Weg dorthin ist der: Von den ersten Schuljahren an wird den Kleinen in Gedichtchen und altersgemäßen Geschichtchen unser überwältigender Schatz deutscher Dichtung nahegebracht. Von Jahr zu Jahr werden die Gedichte und Geschichten inhaltsreicher und haben dem werdenden Menschen immer mehr zu sagen. Ein Tor, ja - ein Sünder, so möchte ich sagen, der an der deutschen Dichtung interesselos vorübergeht. Er bringt sich ums Schönste, das die Sprache gestaltet hat, und verbaut sich zugleich Wege zur eigenen Entwicklung.

Dichter haben nie aus Vergnügen und unwesentlichen Anlässen etwas gesagt, sondern     -wenn es wahre Dichter waren-     aus innerer Notwendigkeit. Die Menschheit hat in all den Tausenden von Jahren der Geschichte an sich und ihrem Schicksal auf Erden zum größten Teil hart gearbeitet und dabei gelitten. Die Sehnsucht nach Erlösung war stets riesengroß. Die Dichter, die am Herzschlag der Völker lauschten und mit feinen, hochempfindlichen Sinnen jede Bewegung, jeden Schmerzensseufzer ins Ungeheure gesteigert nacherlebten, sie haben in Nächten mit brennenden Herzen gesessen und sich zerquält nach Hilfe und Auswegen. In diesen Nächten entstanden all jene Werke, die der Menschheit immer Wege zu zeigen vermögen, die sie zum Lichte führen können aus den qualvollen Nächten des Leids. Diese Dichter erfuhren, daß eine Verbesserung der Welt mit der Verbesserung des Menschen beginnen muß. Sie hoben all jene Werte ans Licht, die einer Verbesserung dienen können, und dazu war es oft so, daß die Leben der Dichter nicht ihre geringsten Werke waren, d.h. sie verwirklichten das, was sie in ihren Werken gestalteten, in ihrem eigenen Leben. "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" - dieses Wort unseres größten Dichters weist, in aller Kürze, den Weg zu einem allgemeinen Wohlstand der menschlichen Welt. Wir brauchten uns seiner nur zu bedienen - und der Erfolg wäre wunderbar. Aber jeder müßte bei sich selber anfangen - das ist die notwendige, unerläßliche Voraussetzung dafür. So führt uns unsere Dichtung wieder zur Humanität.

Aber nicht nur deutsche Dichtung sollen wir lesen und erleben, sondern auch ausländische. Auch so werden wir wieder sehen können, daß nicht nur deutsche Menschen sich um Antworten auf Probleme der Menschheit bemühten, sondern daß auch die andern es taten und dabei entweder ähnliche Lösungen fanden wie wir oder solche, auf die wir selber nicht kamen und die wir dankbar übernehmen könnten. Es kann für geistige Gehalte keine Grenzen geben, denn sie sind so allgemein wichtig, daß sie für alle Menschen gelten sollten. Hier tritt auch der Eigenwert der deutschen Sprache, die uns das ausländische Schrifttum durch Übersetzungen vermittelt, vor der Größe der ausgesprochenen Ideen, die menschliches Allgemeingut sind, zurück.

Abschließend können wir sagen, daß der gesamte Deutsch-Unterricht im Dienste der Entwicklung der Menschheit steht, im Dienste einer wahren Humanität, der Achtung und Ehrfurcht vor allem Lebenden.

Wir vermögen nun zu erkennen, daß die Belange des Deutsch-Unterrichts weiter reichen als, z.B., bis zur völligen Beherrschung der Zeichensetzung, daß der Deutsch-Unterricht den ganzen Menschen bildet und formt. Alles, was uns bei Tage und bei Nacht umgibt, ist deutsch, alles formt uns, an allem lernen wir. So kann man sagen, daß sich Deutsch nicht nur durch unser ganzes Leben zieht, sondern weitgehend unser Leben ist. Man könnte sogar, mit einem gewissen Recht, solche Fächer wie Rechnen, Erdkunde, Naturgeschichte, Geschichte u.a. als Unterfächer des Deutschen bezeichnen, da alle Vorgänge in ihnen sich in deutscher Sprache abspielen - und alle Erklärungen auf Deutsch erfolgen müssen.

 


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