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Hans-Günter Marcieniec
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1.




Von der Pädagogik

Stellungnahme zu einer Schul- und Unterrichtsfrage

Weißensee (Thüringen) 1949

[Stellungnahmen zu Schul- und Unterrichtsfragen während der Zeit im Schuldienst des Landes Thüringen (DDR) von 1948 - 50 an der 'Einheitsschule' (Volksschule) in Weißensee (Kreis Erfurt). Der Deutsch-Unterricht kämpft im Rahmen der Pädagogik für die Verwirklichung einer glücklicheren Welt. Eine Arbeit über ein aktuelles Thema von Allgemeininteresse, das in Beziehung zum kommenden Beruf steht.]

 

Die Pädagogik ist die Wissenschaft von der Erziehung des Kindes im besonderen und der des Menschen im allgemeinen.

Mit ihrer Hilfe machte und macht man den Menschen fähig, sich sein Leben leichter, besser und nutzbringender zu erhalten und zu gestalten. "Non scholae, sed vitae discimus!"

Als die Menschheit noch in den Kinderschuhen steckte, galt die Erziehung als reine Notwendigkeit zur Selbsterhaltung. In der Urhorde und vor dem Beginn zur Sklavenhalterei erhielten alle die gleiche Erziehung. Später wurde sie zu einem Instrument der Selbstsucht einzelner. Mit Aufspaltung der Menschheit in Klassen begann der Mißbrauch der Pädagogik. Die Herrschenden bedienten sich ihrer, um sich selbst als Herrschende über die Unterdrückten behaupten zu können. Wissen war schon damals Macht. So wurde die Pädagogik zum Instrument für die Bildung und Macht Privilegierter.

Große Geister waren direkt oder indirekt schon immer Pädagogen. Große fortschrittliche Geister empfanden die Überheblichkeit in der Klassenaufspaltung als naturwidrig und traten dagegen auf. Der Nährboden ihrer damals revolutionären, im Grunde so selbstverständlich-natürlichen Forderungen war eine weltumspannende Menschlichkeit. Sie verlangten das Recht auf Bildung und Ausbildung vorhandener Anlagen zu Fähigkeiten für jedermann.

Die fortschrittlichen Pädagogen aller Zeiten bemühten sich um die Herstellung eines Gleichgewichtes unter den Leistungen jedes Menschen für das Ich und das Wir. Sie wiesen den Weg, den wir heute gehen wollen und gehen müssen.

Von der Pädagogik - im engeren und im weiteren Sinne

Spricht man von Pädagogik, so meint man im besonderen die Erziehung, die an den Lehranstalten gepflegt wird.

Die Erziehung geht jedoch über die Schüler hinaus in die Elternhäuser. Sie soll es auch. Wir wollen ja ein Volk, man kann sagen die gesamte Menschheit, zusammengesetzt aus Einzelwesen, erziehen. So könnte man den engeren Begriff von der Pädagogik erweitern: Kunst und Wissenschaft - wem sollten sie anders dienen als der Aufklärung, Bildung und Erziehung der Menschen?

Auch diese beiden Erziehungsfaktoren waren - und sind in der Welt zum Teil heute noch in der Hand der Herrschenden eine Waffe gegen die Unterdrückten: sei es als Vermittler einer höheren Bildung für die Herrschenden - dann hatten und haben die Unterdrückten überhaupt keinen Anteil daran. Gab man dem Volke Kunst und Wissenschaft, dann vorsätzlich verkehrt und mißbraucht als Verdummungsmittel oder Schlafpulver.

Gegen diesen Mißbrauch von Kunst und Wissenschaft als "Verziehungsmittel" fürs Volk haben fortschrittliche Geister von jeher gekämpft. Wir wollen heute den Weg beschreiten, den sie uns wiesen: Alle haben das Recht, sich durch Kunst und Wissenschaft zu bilden, für uns besteht die Pflicht, jedem die Teilnahme zu ermöglichen.

Vom Weltbild
Von dem augenblicklichen unseligen Weltbild

Bevor ich mich mit den Zielen der Pädagogik befasse, will ich einen kurzen Ausblick auf ihre Voraussetzungen geben.

Die Voraussetzung heutiger Erziehungsziele ist unser augenblickliches Weltbild.

Unter Weltbild verstehe ich die Form des Bewußtseins durch die Zustände und Verhältnisse unter den Menschen unserer Erde.

Die Verhältnisse unter den Menschen sind ersichtlich keine guten. Unruhe und Kampf zucken überall. Die nackten Tatsachen: sichtbare und fühlbare Disharmonie, ein gestörtes Gleichgewicht. Obwohl die Ruhe und den Frieden sehnend, läßt man das Pendel von einem Extrem zum andern schlagen. Es hat bei allen guten Vorsätzen stets zuviel Schwung - und schlägt stets übers Maß hinaus. Immer wieder! Immer wieder!

Dieses Zuviel, diese Disharmonie sind Krankheiten und notbringende Zustände. Unter ihnen fiebert unsere Erde, fiebern die Menschen.

Die Ursachen zu diesen Krankheiten müssen wir im Kleinen suchen. Denn aus Kleinem wird alles Große. Menschen bestimmen unser Weltbild, und die Maßlosigkeiten einzelner sind die Nöte der vielen.

Die Selbsterhaltung ist ein natürliches Gebot. Erhalte ich mich selbst, schade ich dem anderen nicht. Schlage ich jedoch über die hauchfeine Grenze des zur Selbsterhaltung unbedingt notwendigen Maßes hinaus, so geschieht das auf Kosten eines oder mehrerer Mitlebender. Die Selbsterhaltung wird zur Selbstsucht. Das Gleichgewicht menschlicher Beziehungen ist gestört. Das extreme Hineinsteigern ins Ich auf Kosten des Wir, das Nachgeben den vorhandenen Begierden und Süchten, kurz: das Ungebändigtsein des einzelnen wird zur Krankheit der Allgemeinheit. Und gar viele Maßlose lassen die Menschheit in den zerreißendsten und entgegenlaufendsten Krämpfen erschauern.

Jede Egozentrik, jeder gemeine Fatalismus sind Auswüchse und halten das große Ganze nicht in harmonischer Waage. Die Folgeerscheinungen sind uns aus der Geschichte und, leider, aus ureigenster Erfahrung sattsam bekannt als Knechtung, Zwang und menschenmordender Krieg.

Überlegungen zum zukünftigen besseren Zustand der Welt

Es wäre für die allgemeine wie für die eigene Erhaltung unklug, wollte man nicht seine Kräfte dauernd für die Verwirklichung einer Ruhe und eines Friedens in der Welt regen.

Gottfried Keller sagt in seinem Gedicht Frühlingsglaube: "... der wäre besser ungeboren, denn lebend wohnt er schon im Grab!"

Es geht nicht, die Harmonie der Welt zu ersehnen - aber gleichzeitig mit seinem Nächsten in schärfstem geiferndsten Streit zu wüten. Was helfen uns jahrtausendalte Sehnsüchte, wenn sie nicht Wirklichkeit werden.

Wir benötigen Menschen, die sich als Mitmenschen betrachten. Ihre Einstellung bestimmt Art und Weise und das Maß ihrer Handlungen.

Wir brauchen keine schädlichen Handlungen, hervorgerufen durch blinde Affekte. Wir benötigen Menschen, deren Affekte durch das ausgleichende Gegengewicht angewandter menschlicher Vernunft zu vernünftigen Handlungen werden. Die Voraussetzungen für ein zukünftiges besseres Weltbild als Voraussetzung für eine bessere Welt sind die Überwindung des kleingeistigen Hasses und die Überwindung der Selbstsucht.

Unter "Überwindung der Selbstsucht" ist nicht das Negieren des Ich zu verstehen (wie es zu bestimmten Zeiten in der Geschichte, auch von bestimmten Kräften in den Kirchen, widernatürlich, verlangt wurde). Hier aber wird das Maß der Mitte verlangt, der harmonische Ausgleich zwischen Ich und Wir.

Die Welt ist sich im Kleinen und im Großen gleich. Die Wohlfahrt des einfachsten zusammengesetzten Organismus entsteht durch das gemäßigte Zusammenspiel einzelner kleinerer Organismen. Der Mensch ist gesund, wenn seine Bestandteile gesund sind.

Der Mensch lebt in der Gesellschaft. Er ist ein Teil der Gesellschaft. Die Gesellschaft lebt in Frieden, wenn der Einzelmensch mit sich im Frieden lebt und, demzufolge, mit anderen Frieden hält.

Das alles sagen dem Menschen seine Erkenntnisse, die er aus seinen Erfahrungen zieht. Er muß sich der Gesellschaft verpflichten. Danach müssen sich sein Verhalten und sein Handeln richten. Dann darf er als Individuum das Recht in Anspruch nehmen, die Gesellschaft sich zu verpflichten.

Nur dieser Ausgleich, eine Äquivalenz zwischen Egoismus und Altruismus, ist Voraussetzung für die Lösung aller krampfartigen Zustände, denen wir heute in der Welt noch unterliegen, im Kleinen wie im Großen.

Wir können hoffen, daß die Gefahr für den natürlichen Zustand der Welt, den Frieden, die in Gestalt einiger in ihrer Selbstsucht Erblindeten besteht, mit den friedlichen Waffen des Geistes langsam überwunden wird.

Die richtige Anwendung der vorigen Erkenntnisse
bei einer nützlichen Erziehung

Es muß die vornehmste Aufgabe und größte Pflicht jedes Pädagogen vor dem eigenen Gewissen sein, die ihm Anvertrauten von der Notwendigkeit und Richtigkeit obiger Erkenntnisse zu überzeugen. Er darf nichts unversucht lassen, das Ethos im Sinne obiger Ausführungen in seinen Schülern heranzubilden.

Das, was den Menschen als solchen ausmacht, ist seine Freiheit, sich erkannten Notwendigkeiten zu unterwerfen - ohne seine Würde dabei zu verlieren. Der Mensch will aus freien Stücken zur Konsequenz seiner Erfahrungen gelangen. Im anderen Falle, dem eines Oktroyierens, wird er zum ungebärdigen, sich impulsiv auflehnenden Wesen. Wollte man diese Auflehnung mit Gewalt brechen, verginge man sich an dem Menschlichen schlechthin.

Die neue demokratische Schulreform hat diesen grundlegenden Überlegungen Rechnung getragen, indem sie die Heranbildung zum selbständig denkenden und handelnden Menschen zur unbedingten Forderung erhob.

Die vielen tiefen, oft ungeahnt starken Kräfte, die in jedem Menschen schlummern, wuchern nur zu oft wild, ungebändigt und ungefaßt und werden zu "Krebsschäden". Es gilt, die nach Bindung suchenden Kräfte auf die meist als zu unbequem umgangene Aufgabe der Selbstbeobachtung zu lenken. Aber erst wenn die Selbstbeobachtung zur Selbsterziehung führt, ist von Erfolg der Erziehung zu sprechen.

Bei der Selbsterziehung zum ethischen Menschen im Sinne der vorigen Ausführungen werden Kräfte benötigt - oft mehr, als vorhanden zu sein scheinen. Hier liegen die großen Aufgaben für Erzieher und solche Menschen, die auf Menschen Einfluß ausüben. Oft ist es noch eine Aufgabe, die sie zuerst an sich selbst lösen müssen. Nur der wahre Mensch kann Menschen erziehen.

Jedes Individuum stellt sich von selbst und mit der größten Freudigkeit und Bereitwilligkeit in den Dienst der Gemeinschaft, wenn man ihm sein eigenes Wachstum und die harmonische Entfaltung seiner Fähigkeiten nicht verweigert. Er braucht den Dank der Mitmenschen, um ihnen seinerseits freiwillig mehr zu leisten. Er braucht ihren Beifall, um sich bestätigt zu wissen. Beides wird sowohl ihm wie den anderen nützen: der Dank der Mitmenschen wird in Gegenleistungen bestehen. Der Beifall oder die helfende Kritik wird ihm das nötige Selbstvertrauen geben. So wird es jedem, als einzelnes Individuum betrachtet, ergehen, wenn er im feurigen Bewegen seine Kräfte kund werden läßt. Die Äquivalenz zwischen Ich und Wir ist gewahrt. Das Schaffen, die Arbeit aus Freude am Schaffen, erhält den stärksten Antrieb, wenn Beruf und Berufung sich möglichst decken.

Hier liegen die nächsten großen Aufgaben für die Pädagogen: Sichert jedem Menschen seine freie, nicht zügellose Kräfteentfaltung, so daß keine Stauungen und Disharmonien im Menschen entstehen. Ist jeder Mensch zufrieden, ist es die Welt auch. Man könnte vom Dienst an der Allgemeinheit als Konsequenz der freien Kräfteentfaltung des Einzelnen sprechen.

Diese "freie" Kräfteentfaltung muß natürlich in den Grenzen eines allgemeingültigen Guten betrachtet und bewacht werden.

Unter dem Guten verstehe ich hier: niemandem bei dessen eigener Entfaltung mit Vorbedacht zu schaden.

Der Mensch, der vom wahren menschlichen Ethos durchdrungen ist, der gelernt hat, in diesem Sinne an sich zu arbeiten, der wird aus Gewissen und Pflichtgefühl gegenüber der Menschlichkeit selbständig denken und handeln.

Deutsch - die Voraussetzung eines fruchtbringenden Unterrichts
an deutschen Schulen

Der Deutschunterricht ist für uns Deutsche das Zentralfach unseres Unterrichts. Was wir sinnen, sprechen und tun, ist deutsch, uns gemäß. Alles, was wir von außen aufnehmen, wird in uns deutsch. Alle Fächer an Schulen, auch wenn sie nicht zu den im engeren Sinne deutschkundlichen zählen, nehmen wir mit Hilfe unserer deutschen Sprache auf, indem wir sie mit Hilfe eines deutschen begrifflichen Denkens durchdringen.

Selbst die Beschäftigung mit fremden Sitten und Denkweisen über den Weg des Erlernens fremder Sprachen - ist nur möglich durch vergleichende Anwendung des Deutschen.

Das, was uns täglich umgibt, ist auch in uns. Die Beschäftigung mit der deutschen Sprache, ihr Erlernen und ihre Beherrschung werden einerseits die Liebe zu allem wecken, was deutsch ist.

Aber: indem wir uns dieses Prozesses bewußt werden, werden wir erkennen und im tiefsten verstehen, daß es     -ebenso wie unsere Liebe zum Deutschtum-     die ebenso starke und berechtigte Liebe anderer Völker zu ihrer Sprache und ihrem Volkstum gibt. Hieraus wird sich die selbstverständliche Anerkennung und Achtung anderer Völker ergeben.

Die größte Bedeutung für die Menschwerdung hat zweifellos die Literatur im Deutschunterricht. Zeugnisse von lebenserfülltem Ringen und Kämpfen um Wege zum Glück und zum Wohle der Menschheit liegen in ihrer Gestalt vor uns. Beseligte Weltbetrachtungen, schwellende Lebenslust und Lebensfreude sind dazu angetan, in Stunden des Verzagens neue Kräfte zu schenken.

Durch das Vermitteln der Literatur im Deutschunterricht ist es möglich, die miterlebenden, nachschaffenden Gemüter in Schwingungen zu versetzen. Wirft der sich seiner Aufgabe und seiner Verantwortung bewußte Pädagoge in diese Bewegtheit die Gedanken seiner eigenen Überzeugung im Sinne des zuvor Ausgeführten, so werden sich alle die Erregungen der Gemüter wie Kristalle um den eingesenkten Faden schließen.

Für uns Deutsche bedingen sich Deutschunterricht,
Pädagogik und glücklichere Welt

Die Notwendigkeit einer glücklicheren Welt wirft die Frage nach ihrer Verwirklichung auf.

Die größte Sicherheit für ihre Verwirklichung ist, daß der Gedanke an sie in der Jugend wächst.

Um die Jugend zu geistigen Kämpfern für eine glückliche, harmonische Welt werden zu lassen, bedarf es einer zielbewußten und -gerichteten und in diesem Sinne verantwortungsbewußten Erziehung.

Wir benötigen Menschen, die den Kreis der glücklichen Welt harmonisch schließen. Daß in unseren deutschen Schulen bei der Heranbildung solcher Menschen dem Deutschunterricht eine eminente Aufgabe zufällt, ist nur natürlich. Die jungen Menschen im Deutschunterricht zu fesseln, sie leiden und jubeln zu lassen, wo große Menschen litten und jubelten, in ihnen durch den Deutschunterricht Erlebtes zu Erkenntnissen zu formen, die einmal ihre Handlungen als Individuen innerhalb der Gemeinschaft gleichberechtigter und gleichverpflichteter anderer Individuen maßvoll bestimmen - das soll die Erziehung im Deutschunterricht zur Verwirklichung einer glücklicheren Welt anstreben.

 


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