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Hans-Günter Marcieniec
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Konfessionen
Ausgewählte Prosa-Skizzen und Gedichte aus den Jahren 1990 - 95




Zu einem Aufsatz im Feuilleton der "Welt"

Nietzsche - der radikale Verneiner, nicht um des Nichts, des Verneinens willen, sondern um dessentwillen, was der Mensch eigentlich sein kann: "Sei, was Du sein kannst!"

Aber wie? Um welchen Preis? Um den Preis der sog. Schwachen, die unserer Pflicht und Verantwortung bedürfen?

Schon Goethe kannte in seinem "Werther" dieses Problem. Und dieser Werther, der sich scheute, seinen Fuß auf den Weg zu setzen, weil er dabei, unbeabsichtigt, Tausende kleinster Lebewesen tötete, dieser Werther und seine Empfindsamkeit wurden von Goethe mit dem Argument überwunden, daß, wollte man diese Furcht über sich Macht gewinnen lassen, die ganze Welt in ein einziges Krankenhaus verwandelt würde.

Jedoch: trotz dieser, realistischen, Entscheidung wäre Goethe niemals so weit gegangen, gegenüber allem Lebendigen im Zuge seiner "Selbstverwirklichung" (deren Auswüchse heute eskalieren) gewissenlos zu werden - nach dem Motto: man dürfe, solle dasjenige auch noch stoßen, das ohnehin schwach sei und falle.

Ich meine, man dürfe Nietzsche insoweit folgen, als man sich gegen Übergriffe unnotwendiger Art zur Wehr setzen müsse - also genau gegenüber dem gewissenlosen Verhalten der Überstarken. Aber: eine für alle geltende, gleichermaßen geltende Ordnung muß - zum eignen wie zum Schutze aller - anerkannt werden. Und das am besten aus der inneren Überzeugung, die Lessing in bezug auf das Kommen des neuen ewigen Evangeliums erhoffte: da der Mensch das Gute tun würde, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt seien.

Es ist auch nicht einzusehen, weshalb ein solches Verhalten, das den Nietzsche‘schen Vorstellungen maßvoll folgt, im Widerspruch zum christlichen Glauben der Erlösung stehen müßte. Denn - möglicherweise - ist der dauernde Kampf um einen Ausgleich zwischen besonderen und allgemeinen Interessen gerade die Voraussetzung für eine Erlösung. (Wobei ein solcher Gedanke gegen das Erlöstwerden aus Gnade spräche - und die sog. Werk-Gerechtigkeit betonte.) Eine neue Schwierigkeit in der Argumentation.

Aber: es bleibt der Gedanke, weshalb die Bemühung, sich selber zu finden und mit dem "Pfunde zu wuchern", das einem gegeben wurde, im Widerspruch zur Erlösung stehen sollte. Woher hätte man denn die Anlage zum Selbst - wenn nicht vom Schöpfer, dessen Willen man ja gerade dadurch erfüllte, daß man das von ihm Stammende erkennte, pflegte und seiner Vollendung entgegenführte. Und das, ohne gegen Schwache rücksichts- und verantwortungslos zu sein.

(25.9.1994)

 


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