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Hans-Günter Marcieniec
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Konfessionen
Ausgewählte Prosa-Skizzen und Gedichte aus den Jahren 1990 - 95




Skizzen zu einem nicht geschriebenen Brief an Hans Küng

Das Christentum - ein großes Buch. Nicht nur vom Volumen, sondern vor allem vom gesteckten Ziel her, vom immensen Fleiß, von der Begabung und Berufung her gesehen - und auch vom geistigen Anspruch und von der geistigen Weite her und von der Generalisierung und Globalität her.

Sprachlich: nicht durchgängig auf höchstem Niveau, aber weithin. Insgesamt gut und wohltuend.

So - wie das, was da steht, sich darstellt: mir aus den Gedanken, der Einstellung, der Überzeugung, der - Seele gesprochen. Einfach: d‘accord.

Und trotzdem: es bleibt eine Frage in mir nach dem, das ins Leere schlägt.

Ich hatte das in meinem Brief bereits, vage noch, angedeutet: Hier denkt und schreibt ein Mann, dessen theologische, philosophische Verdienste unbestritten sind - aber es ist, als fehle eine Dimension: die der Lebenspraxis, und damit - das Erzieherische.

Selbst wenn zutreffen sollte, daß große Teile des Klerus, der Kurie, ja - bestimmte Päpste autoritär waren und wären, so daß zu fürchten wäre, sie wollten die Gewissensfreiheit der Menschen ein-, beschränken:

Wie kann man gegen sie einen Vorwurf erheben angesichts ihrer Aussagen, jede Gefährdung menschlichen Lebens sei ein Verbrechen? Ja, selbst angesichts Ihrer Forderung, auf derartige Verbrechen zu verzichten, ja, selbst angesichts der Androhung der zur Verfügung stehenden Kirchenstrafen??

Und hier scheint mir Ihr Problem zu liegen.

Wie frei soll denn Gewissensfreiheit sein? Soll sie die Entscheidung gegen menschliches Leben mit einschließen dürfen? Soll es niemanden und nichts geben dürfen, der oder das die Tötung von Leben, unschuldigem zumal, zu verhindern vermag?

Wenn es so wäre: dann müßte man auch das gesamte Rechtssystem, sofern es dem Schutze von Leib und Leben dient, abschaffen. Alle Sanktionsmöglichkeiten und -mittel. Denn sie alle würden dasjenige Gewissen beschränken, das bereit wäre, ein anderes Leben zu töten.

Hier bleibt, neben Recht und Justiz, nur die gezielte Einwirkung (qua Erziehung) auf die Menschen, um ihnen das verbrecherische Tun vor Augen zu führen, um die Überzeugung, Tötung von Leben müsse unterlassen werden, zum Inhalt ihrer Gewissen werden zu lassen.

Freilich - die Methoden, wie das zu versuchen ist, sind verschieden. Man kann, wohl die freiheitlichste Methode, die Einflußnahme selber zu diesem Zwecke während des Vermittelns themati- und problematisieren - aber sie zugleich als unumgänglichen Versuch zur Einschränkung der Freiheit bewußt machen, nämlich zum Zwecke des allseitigen Lebensschutzes.

(1994)

 


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