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Hans-Günter Marcieniec
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Konfessionen
Ausgewählte Prosa-Skizzen und Gedichte aus den Jahren 1990 - 95




Skizze zu einer nicht gehaltenen Ansprache
anläßlich eines Abitur-Jubiläums

Ein Bekenntnis der Art, nicht traurig darüber zu sein, daß ich nicht mehr in beruflichen Pflichten stehe - das wäre Ihnen gegenüber entweder Wehklagerei - oder Zynismus. Es bliebe allerdings noch eine Möglichkeit: nämlich keines von beiden, sondern ganz nüchterne Feststellung, was real ist.

Aber ich bekenne, besorgt zu sein wegen des Zustands, den wir, die Menschheit, erreicht haben, seit wir uns vor mehr als zwei Jahrzehnten trennten.

Der ehemaligen Sowjetunion, jetzt Rußland, wurde unter anderen der Rat erteilt, das schwedische System zu übernehmen. Ein hoher russischer Politiker (oder Wissenschaftler) soll darauf geantwortet haben: Wir werden dafür nicht genug Schweden haben (!!!).

Was durch Zwang und Gewalt in Rußland in ca. 70 Jahren "erreicht" worden ist - woanders, in der ehemaligen DDR in ca. 40 + 12 Jahren - das wird, so meine sicher nicht unbegründete Furcht, sehr bald auch bei uns, dem auf sich selbst so stolzen Westen, "erreicht" worden sein - aber hier durch Korrumpierung des wertsetzenden Willens und der praktischen Befolgung des Gesetzten, eventuell - so notwendig - mit Sanktionen in unserem täglichen, unvollkommenen Leben.

Denn der Mensch ist nicht einfach "gut". Er ist möglicher-, ja wahrscheinlicherweise veranlagt, immer wieder das sog. Gute anzustreben.

Genauso wenig ist er einfach "schlecht". Sondern neigt dazu, wenn die Gelegenheit sich bietet und die diversen Schwellen, innere und äußere, nur niedrig genug sind, das - wie ein Soziologe es formulierte - mitzunehmen, was sich bietet. (Im schlimmsten Falle unter gewaltsamer Beseitigung eines anderen (oder anderer), der (die) ihm dabei im Wege sind!)

Es wäre angesichts dieses Zustandes auf die Einsicht zu hoffen, daß Lessing’s Traktat "Die Erziehung des Menschengeschlechts" folgend - daß wir aus freiem Entschluß - nach vorangegangener Erkenntnis, daß es uns notwendig hilfreich sei - uns Einrichtungen schüfen, die uns, dann gegen unseren (bösen) Willen, Fesseln anlegen, wenn wir die Neigung verspürten, nur unserer Selbstgerechtigkeit, unserem Egoismus, unserer rücksichtslosen Selbstsucht zu folgen.

Jahrzehntelang sind - aus dem Glauben, man brauche die Ansprüche an die Kräfte im Menschen, brauche z.B. die Schwellen des Anstands etc. nur zu senken - die Anforderungen auch tatsächlich gesenkt, die Wohltaten dagegen erhöht worden.

Die Folge: hemmungsloses Befolgen des Lustprinzips (häufig noch schamlos dumm als Selbstverwirklichung etikettiert), Rücksichtslosigkeit, Vollkasko-Mentalität (nicht zwecks Absicherung gegen wirkliche Risiken, sondern zwecks hemmungsloser sofortiger Einforderung und Inanspruchnahme), allgemeiner Wertverlust (angeblich hätten sich alle Wertbezüge - und damit die objektiven Forderungen von seiten der "Werte" - als unzureichend erwiesen - wo es doch, ganz im Gegensatz dazu, primär darauf ankommt, sie, gäbe es sie nicht, zu setzen - und aus freier Einsicht und mit freiem Willen sich nach ihnen zu richten! Aber das ist nicht das Problem der "Werte", sondern das von uns Menschen!).

Im östlichen Falle wurde das Thema der Entmenschlichung und der Zerstörung der menschlichen Würde durch Zwang und Gewalt, mittels Tod und Versehrung durchgespielt.

In der sog. westlichen Variante - durch Korrumpierung der menschlichen Würde durch die Spottgeburt einer angeblichen, aber eben keiner allezeit verantworteten Freiheit.

Ich wünsche uns allen die Überwindung unseres kurzsichtigen und immer zu kurz springenden Egozentrismus - durch frei gewählte Mittel zu seiner Zügelung.

(1993)

 


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