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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus den Jahren 1961 - 1974




Naturgeschichte

Auf grünen Wogen
quillt des Maien Fülle,
der Erde Pulsschlag
in die offne Welt.
Es quillt in Stößen
aus des Gartens Stille
das Blühn, das Blühn -
und überschwemmt die Welt.

Es tasten sich wie
samtne weiche Tatzen
belaubte Zweige
in das kräft‘ge Licht,
die Knospen schwellen -
und die Knospen platzen,
der Schoß der Erde
stoppt das Drängen nicht.

Es fragt die Blüte nicht,
die sich entfaltet
in klebrig wohliger
Behäbigkeit :
Was nachher kommt ?
ob sie veraltet ?
Sie blüht sich aus,
als gäb es keine Zeit.

Am letzten Baum
könnt ich mich noch berauschen :
er rauscht im Wind,
er tut es, weil er muß.
Er ist nur er -
warum die Zeit vertauschen ?
Er nimmt sich hin -
danach ist Schluß.

Kein Denken treibt sie,
keine Vorbehalte,
kein tragisch-dummer Wunsch,
Tod zu entgehn.
Sie folgen ganz
des Frühlings Ruf : Entfalte !
des Sommers : Reife !
und des Herbsts : Vergehn !

(aus 1972)

 


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