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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus den Jahren 1961 - 1974




Requiescat einem toten Piloten

Ich denke an Dich,
wenn hoch am Himmel
unsichtbar,
mit zorn‘gem Röhren,
die Maschine sich
durch die Lüfte pflügt -
scharf geschnittne Seiten
aus dem Speck der Erde bricht
und knallend
sie zurückschlägt, hinter sich -

wenn sich
die diamantne Nase des Flugzeugs
wie ein Holzbock,
zäh und mit gedrungner Kraft,
immer, immer wieder
durch die Lüfte frißt -

der Geist zorniger Abenteuerlust,
der drängende,
mit kalt verpreßten Augen,
knöcherner Stirn,
wie ein Geschoß
hineinwühlt in die Haut der Erde -

und schwindelnd
aus gerader Fahrt gehoben,
versteint in rundem Drall,
die Welt umkreist
in irrsinn‘ger Beschränktheit,
in gradezu wahnsinn‘ger Wut
sich einzubohren in Geschwindigkeit,
in Trance, daß das Blut
sich in den Adern bläht,
daß alle Haare, starr,
wie parallele Drähte
ab vom Kopfe fliehn,
und zentnerschwer die Faust des Drucks
den Leib
zu schwammiger Masse quetscht.

Wahnsinnige Lust
an Grenzen wandeln,
wo die geschweißte Naht
des Menschen auseinanderstrebt
und Geist
die lockende Versuchung spürt.
Du bist gestorben nicht,
noch lange nicht.
Du lebst, trauriger Ahasver,
Du Fluchbeladener,
der an seinem Schicksal
mit Irrsinn reißt.
Von Zeit zu Zeit sich selbst
als sternstiebenden Feuerball
hinab vom Himmel sprengt -
doch schon am nächsten Morgen
pfeift wieder die Maschine.

(aus 1968)

 


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