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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte (1950) - Eine Auswahl




Wilde Verse !

Gewalt‘ge Verse muß ich singen :
von Glut und Wut und Leidenschaft,
von Leid und Wehe, Aufwärtsringen,
von dem, was uns das Leben schafft !

Mit hunderttausend blut‘gen Messern
fährt uns das Leben in die Brust –
wie kann ich meine Lage bessern ?
Bisher hab‘ ich es nie gewußt.

Mit furchtbaren Cyklopensteinen
wirft mir der Tag das Leben zu –
es hilft kein Schreien mir, kein Weinen,
kaum hilft mir zag‘ das bißchen Du.

Wie ich mich auch in dem verschürze –
die Felsen rollen doch auf mich.
Wenn der Betäubung ich entstürze,
blut‘ ich noch mehr und fürchterlich.

Ist das der Tod von jedem Sange –
nachdem dem Traum entstürzt ich bin ?
Wohl gar ! – das Naß auf seinem Gange
fließet zum Ende rascher hin.

Und unaufhaltsam hör‘ ich‘s brausen,
es wirbelt mich von Ort zu Ort,
die Luft ist angefüllt mit Sausen,
verhallen muß da jedes Wort !

Hinauf ! hinab – da bleib‘ ich hängen,
doch find‘ selbst dort nur kurze Rast !
"Laß ab vom Stürmen und vom Drängen –
genieß stattdessen, was Du hast !

Genieße jenes Felsens Spitze,
die dort der jachen Flut entragt !
Genieß um ihn die Sonnenblitze,
damit Dich Ruhe kurz umtagt !

Genieß den Vogel, Baum und Himmel,
den glashauchzarten Ätherton,
das allbewegte Erdgewimmel –
genieß es ..." – da vertreibt‘s mich schon !

Und so von Mal zu Mal getrieben,
tötet der Schmerz die Freude stumm :
Kein einzigmal bin ich geblieben !
Sagt mir ein Wort nur, dies : Warum ?

Das Brausen braust zu Donnertönen,
die Wildheit rollt entsetzlich um,
es überbrüllt des Fragers Stöhnen –
zur Antwort bleibt es völlig stumm.....

Die Wut ! der Zorn ! Die Adern schwellen,
wild brüllt das Blut mir im Gehirn :
"Auf doch ! zerfas‘re doch die Wellen,
zerschlag sie doch, wild im Gezürn !"

Und werf‘ mich in das Schäumen, Toben,
verkoche mich im Beißen, Schlagen –
zwar schwimme ich, der Sieger, oben –
doch werd‘ besiegt vom Schwall vertragen.....

Ich wache auf, in heißem Brennen,
und bin in Tag und Wirklichkeit :
das, was im Traum war wildes Rennen,
ist hier lächelnde Grausamkeit.

Doch ! – seh‘ ich nicht die blüh‘nden Breiten,
füllend und schwellend vor mir wehn ?
seh‘ ich denn nicht glaszarte Weiten
flimmernd hinter die Kimmung gehn ?

Die Weidenschöpfe rund und neckend,
des Vogelliedes Schillerpracht ?
Das bleiche Wort steht vor mir, reckend :
Du bist‘s, der schwarz die Welt gemacht !

Was hilft Dir Nennen und Erkennen,
wenn Dein Gefühl von hinnen flieht,
wenn Dich Dein Hadern, Seelenbrennen
hin in das Uferlose zieht .....

 


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