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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte (1950) - Eine Auswahl




Aufstieg

Durch Straßen
ging ich langsam.
Mein Stock klappte daneben.
Weit hinten,
am Horizont,
hüpfte der irre Ball
der Großstadtkreische,
gedämpft,
wie ein sich ballender
milchiger Flaschengeist
in grünem Glas.

Zwei Straßen kreuzten –
eine Häuserecke –
ich lehnte mich
auf meinen Stock :
meine Augen gingen
unbegrenzt :

Wirr geworfene Steine,
Schutt,
eckichte Haufen,
grelle Mörtelschreie,
vertrübende dunkle Schächte,
nackte einsame Kamine,
Steine, Steine,
rötlich glimmende Steine,
übergossen
vom Abendhimmel,
der in die Unendlichkeit
aufschlüftete,
kristallen grün –

ein Baum
verhüllte sich zum Schlaf
in sattes Blau,
satt und voll –
ein herrlicher Baum –

und Gräser auf dem Schutt,
fein, filigran,
wie singend,
hauchzart und schön.
Und dieser Schmelz
des Abends :
flimmernd,
für Augen nicht
zu fassen –
und doch
in Pünktchen flimmernd,
an die Sinne klopfend,
flatternd, wie Getier ans Licht,
und springend wie
unzähl‘ge winzige Jo-Jos,
sinnenberauschend –

Ich wuchs,

ich wuchs,
größer,
höher,
hinaus,
ich schlug den Stock
unter den Arm,
mein Haupt stieg auf,
leis wehte‘s mir
durchs Haar –
wie leicht mein Schritt !

O Du, wie werde ich
mich über Deine Augen neigen –
Du !
Wie bin ich voller Abend,
voller herrlichen Schwungs
und Getragenseins
über Schutt und Trümmer !
Hinfort den Stock !
Im Angesichte
dieser schönen Welt :
wie hoch ist mir die Brust,
der Mut :

Nimm meine Kraft,
Du lieber, lieber Mensch –
komm mit !

 


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