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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Wachstum

Was die Sonne überspült
mit goldnen Wässern :
goldner Atem blüht Leben
in die Gewächse
über dem dorrenden Sand.
Aber es braucht
den Gefährten der Nacht,
den schweigenden Berg,
sinnenden Greis unterm Wege.
Wo die Rispen tuscheln und
unschuldige Leichtfertigkeit läuft,
sitzt drinnen der Berg,
der sinnende Weise,
Mystiker seines Tuns,
der die silbernen Fäden
klingelnder Adern
sachte verteilt,
bis sie leise kitzelnd
die Haut ihm spalten
und hüpfend der Sonne antworten -
denn die schon wartet mit
gleißenden Armen auf sie
und lockt mit
kribbelnden Füßen,
tausendfach,
die Türme der Pflanzen zur Höh.
Atmen, atmen - und schon
schiebt sich die helfende Hand
in die Brust und
lockert den Körper zur Luft und -
segelnd steigt es
wie weiße Wölkchen im Wind
hin durch die Rotunde der Welt.
Und immer recken die Brüste sich
auf verlangenden Zehenspitzen
und betteln hinauf in die Höh.
Stäubende Schleier von Sehnsucht,
von der Wahrheit, der goldnen,
durchblitzt.
O sagt,
was Ihr seht,
Ihr schwerfällig Stürzenden -
denn Regen bringt
Nahrung der Welt aus der Höh,
und alles dehnt sich, noch nie
war das Leben
so sauber und frisch.

(12.6.1956)

 


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