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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Zur politischen Entwicklung des Abendlands

Gläserne Gestalten, so leuchtend blau,
stehen vor greulichen Rachen.
Siehe - sie wogen milde,
in weißen Mänteln,
vorm züngelnden Purpur der Wut.
Noch stockt mit mißtrauischem Zischen
den plumpen, den schwarzen Fuß
das schuppichte Untier,
ihm ist die Ruhe nur Furcht.
Aber dann, wehe,
wenn die erstaunliche Milde
zur Dauer verblaßt -
dann kochen die wollüstgen Flanken,
und peitschend stürzt es sich vor,
den weißen Vogel
in knirschendem Maul
zu zermalmen.

Aber siehe, die einzelne Stücke -
sie lächeln !
Gläserne Stücke, so leuchtend blau,
fallen zerbrochen zu Boden,
aber dort noch
wogen sie milde,
wie weiße Flämmchen
weht's über sie,
hustet und pustet.
Lächelnder Mondschein,
milchener Nebel,
glimmendes Leben -
stirbt leise aus.
Aber immer leuchtet der Boden
mit heiligem Flüstern.
Und das dunkle Tier steht stockend,
massig, ganz still
wie die lauschende Nacht,
offene Faust, im Schlage erstorben -
und schluckt linkisch
am neuen Gewissen.

(3.4.1956)

 


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