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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Das Geschenk

1.

Wenn der Tod den Nachbarn griff
und den glatten Vorhang jäh zerriß,
schnell, bevor ich noch den Blick verkniff,
Unempfindsamkeit herunterrasseln ließ :

Faßt ich ächzend rechts, wo die Liebste schlief,
ließ ihr'n Pulsschlag, prüfend, in den meinen gehn.
Wenn Entsetzen vorher mich durchlief,
flog's hinweg in ihres Atems leisem Wehn.

Die warme Haut, von meiner Hand beglitten,
drängt sich im Schlaf noch in mein Kosen ein -
da geht mein Herz in stillen Dankesschritten,
stumm jubelnd, neu ins Traumreich ein.

2.

Doch wenn, im Traum, von reifster Lebenshöhe
der Tod mir rauh die Liebste riß,
und ich, ungläubig, sie aus meiner Nähe
ins dunkle Erdreich dann hinunterließ,

dann, fassungslos, fast heiter heimwärts gehe
und mein Erleben leerem Lager dann erschließ,
an seinem Gähnen meinen Irrtum sehe
und, jetzt begreifend, Angst als Schrei ausstieß –

dann fahr ich hoch, in Todesschweiß gebadet,
und taste wirr und suchend neben mich.
Und spür ich dann der Liebsten Atem gehen,

dann muß ich lange in die Nacht aussehen,
dann findet meine Seele im Gebete sich,
weil mich der Himmel unendlich begnadet.

(26.7.1954)

 


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