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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Selbstsuche

Ich will nichts sein.
Die Feuer der Erwartungen
zerbrennen meine Ruh,
Ihr teuflischen,
Ihr wunschbesessnen Menschen !
Ihr seid vom Teufel giftig
und Ihr wißt es nicht.
Ihr glaubt ihm,
daß es Liebe zu mir sei,
wenn Ihr mich weiset.

Da steh ich nun
und blicke vor mich hin -
und blicke hinter mich -
und überall, wie Posten Eurer Liebe,
steht Ihr Spalier
mit unerbittlich liebevollem Blick,
und kalt und bläulich
wie die Bajonette
stehn Eure Wünsche, links und rechts,
und machen mich
zum Unterworfnen.

Wo soll ich hin ?
Soll ich denn Amok laufen ?
Soll unter Eurer Bajonette Spitzen
zusammenbrechen
und verbluten ?
Oder soll ich denn einigen von Euch
das Herz mit gift‘gen Pfeilen
sogenannten Undanks töten ?
O schurkisch feines Netz des Satans -
der Höllenfischer wird nicht
ohne Beute sein.

Doch sieh - in diese
Unerbittlichkeit des Erdenkerkers
scheint mir der Mond
und ruht auf meiner Brust.
Und alle schwerbewaffneten Gedanken,
die lautlos mir
die Seele blutig schossen,
fliehen hinweg -
und frei lieg ich in ihm.
Ich liege wie ein Kind,
mit großen Augen,
ich spüre keine Nöte mehr.
Ich liege friedlich,
und ganz zaghaft
versucht die Lippe Worte auszuformen.
Ich muß erst sprechen lernen,
denn ich hör Wundersames vor den Ohren,
und zwingt mich,
es mit Lächeln nachzusprechen.
Ich bin ein Nichts in Eurer Welt -
und will nichts sein -
doch laßt mich liegen,
denn das macht mich glücklich !

(17.6.1954)

 


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