[Homepage] [Übersicht Gedichte 1950-60]

Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Der abgelegene Park

In der Stille spielt ein Brunnen,
hüpft und spielt und fällt zusammen.

Sucht am Boden ziellos etwas,
wirft sich in das Rund der Mondnacht,
tänzelt auf dem Mund des Rohres,
streift den Rand mit Tropfenfingern,
ringelt wieder sich am Boden,
ohne Ziel und ohne Absicht.

Über ihm dehnt sich der Himmel,
zieht sich stillesuchend rückwärts.
Nur sein hohes weises Auge
wacht mit strenger Milde drüber.

Und der Raum mit leisem Raunen
lockt unsichtbar unsern Brunnen -
und der folgt ihm übermütig,
wirft zum Scherz sich in die Lüfte
und sprüht seine weißen Schleier
über die erschrocknen Sterne.

Dann kehrt er in neuem Einfall
plötzlich auf die Erde nieder,
und mit buckliger Gebärde
ahmt er nach Wacholdersträuche,
die in dunkler Würde dastehn.

Unaufhörlich, unerschöpflich
spielt der Brunnen, rauscht der Brunnen,
flattert wie die weiße Nachtfrau,
klagend, seufzend, schlägt die Arme
sich in Wehmut vor die Augen.

Nichts scheint diesem Spiel verschlossen,
spielrisch wechselt er Gestalten,
ewig fließend, ewig fallend,
und erfüllt den Raum des Herzens
mit melod‘schem Spiel und Raunen -
ewig, ewig in der Stille
lausch ich einsam meiner Seele.

(1953)

 


[Seitenanfang] [Homepage]