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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Vorstadtabend im Juli

Nun ruht der Fluß von Tagesmühn.
Die letzten Schiffe sind vertragen.
Die weißen Nebel kommen, ihn
in weiche Schleier einzuschlagen.

Die Weidenschöpfe schnarchen schwach.
Ein Boot, das unterm Ufer schwarz hinzieht,
schiebt übers letzte Glitzern sich gemach
und heimlich wie des Flusses Lid.

Schmatzend ertönt das Ruderschlagen,
schüchternes Lederquietschen ist darin.
Jetzt brummeln, schwach vom Windhauch hergetragen,
die Igelbüsche schläfrig vor sich hin.

Die Promenade ruht zwischen der Hecken
schwarzgrün träumendem Doppelband.
Auf Zehenspitzen knirscht, sie nicht zu wecken,
vorbei ein Liebespaar, flüsternd, und Hand in Hand.

Durch Pappeln, die schläfrig im Dunkel wogen,
zwinkert nervös ein rotes Warnungslicht.
Und jetzt : schwungvoll und summend hergezogen,
ist es die Straßenbahn, die rauh die Nacht zerbricht.

Und ich : aus tiefstem Traum gerissen,
taumle wie ein Insekt ihr nach auf lichter Spur.
Die Nacht rauscht zornig im Zusammenfließen,
und aus der Nebenstraße nickt müde die Uhr.

(1953)

 


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