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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960




Themawechsel

Sei nicht so eng, Dichter !
Singe den Menschen nicht nur
von dem Leide der Welt.
Von dem traurigen Leben
und seiner endlosen Schwere.
Von dem, was Menschenherzen
täglich erleiden,
wogegen sie rennen
wie Don Quijote gegen Mühlen.
Wie das trunkne Insekt
idiotisch gegen die Lampe.
Was hilft es, daß Du‘s vermagst,
es schön zu sagen,
daß Du mit trefflichen Worten
ihren Jammer hinbreitest,
so daß sie staunend dastehn,
in Mitleid mit sich,
und vor der fletschenden
Zukunft bangen !?

Singe ein größeres Lied, Dichter.
Von Dingen, die über die Trauer gehn.
Die das verkrampfte Herz lösen.
Die Dein Innen zur Freiheit,
hohen Grotten gleich, wölben,
die sich auftun
unter den lastenden Rücken
schwerer Gebirge,
wie Dome so groß und herrlich,
in Farben von ungekannter Schönheit
erschimmernd,
seichten kristallenen Wassers,
in himmlischer Ruhe.

Da liegt man hin.
Und nacheinander flattern die Krämpfe
aus den versteinten Gliedern.
Hinein sinkt man in den lockenden weichen,
umhüllenden Boden
schreckloser Pflichtlosigkeit,
und sinkt und sinkt und möchte
nur immer weiter sinken,
wie der Ausgedürstete den sprühenden Quell
trinkt und trinkt
und mit Armen und Körper trinkt,
es umschlingt und heranholt
das kühlende frische Naß,
in innrer Glückseligkeit
fast des Atems beraubt –

o dieses Sein !
und von fern,
durch Labyrinthe der Gänge her,
an denen die Außenwelt hängt,
tönt, der Orgel vergleichbar,
das Rauschen des ewigen Meers.

(Sommer 1953)

 


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