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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte aus dem Jahrzehnt 1950 - 1960

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Schiffbrüchig

Ich Schwimmer, ich lege den Blick auf die Weite
und gebe mir rüstigen Herzens die Richtung -
so streb ich ins Ungewisse hinaus.
Da ist die grüne Weite der atmenden Wogen,
das Meer hebt in langen Zügen die Brust,
und blöde und rätselhaft glotzt das Auge der Tiefe.
Der Wind harft mir in den Büscheln des Ohrs
und Hände voll Möwen fliegen mir ins Gesicht.
Hinaus, hinaus - rundum, wie eine Scheibe,
dreht sich das Schweigen, und in ihm versunken
badet sich der graue Himmel im Meer.
Die Nacht kriecht listig aus dem Graben
des Horizonts herauf und drängt rundum heran
und jagt das Licht in die Kuppel des Himmels.
Heben möcht ich die Brust ihm nach,
und ich warte, er ziehe mich an sich.
Doch hält mich das Naß wie an der Kette,
gefesselt bin ich, und auch der Mond flieht.
Schmatzend leckt es von überall her
und wirft seine nassen Zungen nach mir,
die nassen und kalten.
Glitschige Leiber streifen mir huschend die Haut,
tausend Mäuler zischeln und glucksen
in dieser Schlangenhöhle bei Nacht.
Grausen würgt mir im Schlund,
ich recke den Kopf hoch wie einen Turm -
da schlägt eine heimtücksche Faust, eine Woge,
mich hinein in den Grund, der Ekel
erstickt meinen Schrei.
Fern aus der Tiefe rülpst schlürfend die Hölle.
Gierige Soge zerren mir an den Adern.
Eisige Finger bohren sich krachend in meine Ohren
und treiben den Schrei der Angst vor sich her.
Doch eine nasse Faust erstickt ihn im Schlund.
Schwarz fallen die Lider schwer in den Blick.
Die Guillotine hackt besessen ins Leben.
Zu violetten Ringen verwirbelt Wirklichkeit.
Bewußtlosigkeit rauscht aus den Ohren herauf.
Matt nur wehrend ertrinkt mir der Sinn.
Eine bleierne Feder treibt schlaff auf den Wogen,
hin und dahin, die Ohnmacht als schäumende Krone,
reiten auf gläsernen Pferden, balancieren auf
perlenden Blasen aus dem smaragdenen Grün.
Hingeschmiegt, haariger Tang in die
schwingenden Schlangen des Meeres,
Ergebung genießt sich pulsierend,
lächelnde Augen treiben
in den wehenden Gliedern.
Zögerndes Drehen im Strom,
den Launen des Schwerpunkts gehorchend.
In den starrenden Augen tanzt,
sich spiegelnd, die Tiefe.
Fische, golden-phosphorisch,
blitzen wie taumelnde Gulden.
Schlanker Farn, wie Musik,
wiegt aus den Hüften den Tanz.

(1950)

 


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