[Homepage] [Übersicht Gedichte 1948-50]

Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte (1948 - 1950) - Eine Auswahl




Hingabe an die Nacht

Und willst Du um das Wesen
aller Dinge wissen :
Wache zur Nacht !

Süßer, schwerer, betäubender Ruch
steht mir im Wege.
An den stoße ich,
daß mir der Atem stockt,
daß ich mich erst besinne, denn noch
hängt etwas von des Tages Nüchternheit
und Schalheit mir im Sinn,
das schreckt nun jäh empor.
Erst wie es langsam flieht,
da fühle ich ein offnes Hingegebensein,
ein weites Sichverströmen :

Es strömt der Flieder seine eigne Symphonie,
gemischt aus vollen Tönen
weißen und roten und violetten Dufts –

Und dann, wenn mich
mein duftgelöster Schritt
ins Zimmer trägt,
ist alles süß,
und weiße Blüten dehnen sich
aus Schemenschwarz der Nacht
bis an die Türe
schwellend mir entgegen :

Maiglocken im dämmernden Mond –
fliehende weiche Wolkenschatten –
hingetupfte Mondblüten –
urgründiges Strömen –
Lenz –

Und Deine Augen auch,
ich kenne sie nicht mehr :
tiefgründig, weit, so offen,
so wie ich mich darüberneige,
so sink‘ ich, sinke, sinke –

Wer bist Du,
seit der Tag verging ?
Dazu verströmt das Lied der Nachtigall
hinauf bis in den Mond.


[Seitenanfang] [Homepage]