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Hans-Günter Marcieniec
Jägerstraße 1
D-36329 Romrod
Telefon: 06636-210
Internet: http://www.marcieniec.de



Gedichte (1948 - 1950) - Eine Auswahl




Deichwanderung

Heut wandert' ich zur Nacht am Strom.
Die Wolken schürften tief am Boden,
auf ihnen ritt der Sturm einher mit hohlem Ton
und wo er die schwärzlichen Wasser aufwehte,
gab's in dem kargen Licht des Mondes,
der im schmalen hellen Milchstreif,
wie eingetaucht in Wasser, hinschwamm,
ein kurzes flimmerndes Gekräusel.

Der wetterharten Bäume alte Rücken aber
ächzten und stöhnten unter der Wucht,
die sie zu Boden zwang.
Zerzaust war'n ihre Wipfel und sie flogen,
so wie mein Haar im Sturme wehte.

Und ab und an, in steter Wiederkehr,
zuckte ein Feuer auf - und bohrte
den weißen Finger grell gespenstig in die Nacht
und warf der Sträucher Gitteräste unheimlich
in Reflexen auf des Deiches Hang,
und dann - war's wieder Nacht,
und nur die Pforte eines Zauns gab dumpfen Schlag
und kreischte schauerlich in losen Angeln,
während mein Schritt, vom Sturme oft zerweht,
hohl auf dem Wege klang.

Mir wölbte sich die Brust in hohen Zügen,
ich bot mein Haupt dem Sturm in wilder Freude dar,
ein Taumel packte mich, zu leben,
zu kämpfen und zu widerstehn und -
doch zu unterliegen.

Ich bot mein Haupt dem Sturm,
der an mir zerrte,
und kostete die lauen Tropfen,
die mir in Schauern ins Gesicht geschlagen :

Nicht furchtbar sind die Elemente mir,
ich ehre sie und biet‘ mich ihnen hin,
denn in ihnen - sind meine Götter.

 


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