[Inhalt "Gedankensplitter"]
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Hans-Günter Marcieniec
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Gedankensplitter




Systole und Diastole

Die Sonnenhitze ist wie eine eiserne Rüstung, die mir statt der Haut gewaltsam aufgezogen ist.

Das Gewitter ist ein Befreier, der herannaht und die lastende Rüstung sprengt.

Ich beobachte ihn durch das Visier hindurch: am Himmel nimmt er Aufstellung. Drohend ist sein Grollen. Der Widerschein seines zornverdunkelten Gesichts liegt auf dem fetten Laub der Bäume, die grau und fahl dastehn. Die Luft ist voll vom leis bebenden Zorn. Der Fluß ist schiefergrau und dunkel, erschreckt von dem drohenden Kopf, der stiernackig sich in den Himmel schiebt, von fröstelnden Windschauern überlaufen. Die ganze Welt duckt, wie ein verängstigt Tier, sich zusammen und macht sich klein und unsichtbar und vergeht am Horizont. Ein weißes Segel, weiße Schiffe blitzen eilig über den Fluß zum Ufer. Und in dem Krach, der jetzt dem Maul des Riesen entbricht, feuerzuckend, und der Zorn rollt grollend nach, da brechen alle Kettenglieder der Schwüle wie ein zerschlagener Glockenmantel und fallen ab nach allen Seiten, und rein und frisch, wie eine jungfräuliche Blüte, steig ich heraus und bade meine lechzende Haut atmend im Trost des belebenden Regens.

Doch die Trübe wird zu neuem Käfig. Tagelang drücken die Wolken mit ihrer tristen Schwere alles nieder. Alle Lust ist am Ersticken. Alle Freude flieht mürrisch. Doch als erstes Vogelzwitschern frohe Botschaft verkündet von dem, was der Vogel vom hohen Baume sah, eher als wir anderen Wesen, erspähte Scheinen vor der Tür unsres wolkigen Verlieses, wieder Sonne, und daß schon ein schlanker goldner Arm sich durch den Spalt hindurchwand - da ist alles gespannte Erwartung, und wir jubeln und möchten sie durch den Jubel bewegen, nun schneller zu erscheinen ......

(um 1970)


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