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Hans-Günter Marcieniec
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Gedankensplitter




Ein Wiedersehen

Ein Treffen mit ehemaligen Schülern, 10 Jahre nach dem Abitur. Einen Abend lang wird über die sog. Werdegänge während der letzten 10 Jahre gesprochen. Jeder, ohne Ausnahme, legt dar, was und daß er etwas geworden sei. Selbst Versagen und Niederlagen werden, wenn schon nolens volens eingestanden, in mildes Licht gerückt. Man spürt die geheimen, schlecht vernarbten Wunden. Deshalb, umso mehr, sind die Pflaster nötig, die man darüberlegt. Aus dem nicht bestandenen Lehrer-Examen wird das Erkennen einer Vorliebe für Mathematik, die zur Ausbildung eines Daten-Operators führte, zum Programmierer also. Der Ort der jetzigen Tätigkeit, Statistisches Landesamt, wird fast beiläufig, aber auf Wirkung berechnet, genannt. Man kann sich der unhinterfragten Achtung, des fraglos-unkritischen Respekts vor dem Namen nach bekannter Behörden gewiß sein.....

Ich möchte den Männern, sie sind jedoch immer noch Schüler, etwas sagen, bevor ich gehe, zumal ich zu fühlen meine, daß sie etwas dergleichen erwarten. Aber was? Ich fühle mich alt, durch Welten von ihnen getrennt. Und - wozu eigentlich? Nur um eine Konvention zu erfüllen? Nein - ich fühle mich zu jung. Beinahe regrediert, in Relation zu ihnen. Sie, die 30-jährigen, sie sind alle so 'würdig'. Bärte, Bäuche, feste Lebensanschauungen, Partei-, Kommunalfunktionen, Häuser, Familien, mehrere Kinder, Skat-Könner, Trinker, Titel, Ämter - ich fühle mich nackt und hilflos. Einsam, wie ein Durstiger mitten auf dem Ozean. Was bin ich? Niemand hat mich nach meinen 10 Jahren gefragt. Man weiß es, was ich tat. Weiß ich es? Von allen 'Berufen', die ich jemals ausübte, weiß ich es vom jetzigen am wenigsten. Und es ist der einzige gesellschaftlich anerkannte, den ich jemals ausgeübt habe.....

Ich möchte fragen: Seid Ihr eigentlich etwas geworden? ....

(1974)


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