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Hans-Günter Marcieniec
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Gedankensplitter




Gedanken zur Bedeutung der Musik für die Dichtung

Die Musik muß für die Dichtung zurückgewonnen werden.

Wenn ursprünglich Wort und Ton in kultischen Gesängen vereinigt waren, später sich beide getrennt und sich verselbständigt haben und nun beide, jede auf ihre Weise, Ausdruck eines Geistigen zu sein sich bemühten, indem sie in allgemein-gültigen Symbolen (auf Schilderung eines individuellen Schicksals um seiner selbst willen absehend) etwas Gesetzmäßiges, immer Wiederkehrendes im Verhältnis Schöpfung / Geschöpf zum Schöpfer zum Ausdruck brachten - dann müssen Musik und Dichtung sich in ihrem Bau entsprechen. Wie z.B. die gotischen Stein-Universen den Universen Bachscher Werke. Ein Beispiel aus der Musik: die Brucknerschen 'Kuppelbauten': Aus einem Urnebel, d.i. das Chaos, geht alles, geht ein jedes hervor, aus ihm kommt es, auf es bleibt jedes bezogen. Es ist wie die Erschaffung der Welt aus dem Nichts. Der erste Satz lebt also von der spürbaren schöpferischen Macht Gottes. Der zweite und dritte Satz machen die Schöpfung zum Inhalt, auch den Menschen: seine Freude, sein Leid, seine Beziehung zu Natur und / oder Gott. Der vierte Satz schließlich bringt die Erfüllung: Gott taucht im Glauben des Menschen wieder auf. Die Schöpfung wird in Gott hineingenommen. Choral oder Amen. Die fast gesetzmäßig angelegte Struktur des Verlaufs: von Entstehung der Schöpfung aus Gott - über das Selbstbewußtsein der Schöpfung - bis zur Erfüllung in Gott - dieser Verlauf wird hier, in der Musik, durch die Klangfiguren (die nur ihren musikalischen Gesetzen folgen) transparent.

Ebensowenig wie es in der Musik darauf ankommt, mit Hilfe der Klangfiguren eine unterhaltsame, leicht verständliche Geschichte zu erzählen, bei der alle Einzelheiten nur auf diese Geschichte selbst bezogen bleiben, ausschließlich in ihr selbst ihren Sinn haben, eine Geschichte, die also quasi ein zum Gang angestoßener Automat ist, ein Perpetuum mobile, in dem wir die Ewigkeit wie in einem Aquarium eingefangen halten, wie den Homunkulus in der Retorte - indem wir diese Vorstellung von einer mechanistischen Welt, einmal von Gott angestoßen und nun für ewig funktionierend, noch um eine qualitative Stufe herabziehen auf die des Mensch-Schöpfers, des Schöpfers Mensch, der nun vor dieser runden, in sich funktionierenden Wunderwelt sitzt und sich in einer überschwemmenden Woge des Stolzes die prometheischen Hände reibt - und doch nur ein Narr ist - indem es also ebensowenig in der Musik darauf ankommt, eine 'perfekte' Geschichte zu erzählen, die, zwar Anerkennung des Handwerklichen verdienend, doch in ihrer eigenen Begrenztheit befangen bleibt und deshalb leicht zur Langeweile aus Überdruß reizt, die also nicht aus sich selbst heraus -, über sich selbst hinauszusteigen vermag - ebensowenig darf es in der Dichtung darauf ankommen, das zu tun. Auch hier darf es nur einen Aufbau aus Symbolhaltigem geben, deren jedes auf ein Sinngebendes über allem Konkreten bezogen bleibt. Das Konkrete tritt quasi 'nur' als Symbol auf, und zwar als bezogenes Symbol, als 'Zeichen für'.

(um 1970)


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