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Hans-Günter Marcieniec
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Aphorismen, Maximen, Gedanken (1950)

Eine Auswahl


 
Stehen wir nicht im Egoismus – des Leidens?

 

 

Wir werden getragen durch die Frauen. Einst und heut. Wären sie nicht in ihrer Selbstlosigkeit, die doch so viel für sich verlangt, - wären sie nicht, in denen wir uns ausruhen können von den Stürmen des Lebens, - wären sie nicht und nicht ihre kosenden warmen Hände - dann, möchte ich sagen, ist es besser, Du wirfst das Leben von Dir, da Dir doch niemals eine wärmende Sonne schiene!

 

Man möchte doch alles von sich werfen, alles, alles! Ich fühle: was ich hier tue ist alles so bar, so flach, alles so ohne Gewicht - wie komme ich mit meinem Leben an den Ursprung?
Und doch geht die Sonne nicht unter.....

 

 

Der Stoff bin ich selbst, und die Form ist die, die ich mir gebe.

 

 

Was anerkennen und preisen wir als Wahrheit?
Was wir als Wahrheit zu erkennen vermögen.
Und die anderen?

 

 

Vielleicht muß man erst alle Räume durchstürmt – und überall Grenzen gefunden haben, ehe man einsieht, daß nirgends eine Lücke ist, und man durch diese Einsicht seine Ruhe gewinnt.

 

 

Ich glaube, daß alle Gesetze, die man in der Natur zu erkennen glaubt, auch, dem Menschen angemessen, in ihm wirken – und daß er mit in den Bahnen läuft, die er, welch Wahn in unserer Zeit, nur für seine Umwelt gültig glaubt!

 

 

Dahinein muß auch das Wort von dem wahnhaften Egoismus des Menschengeschlechts gestellt werden.

 

 

So wie der Knabe Romain den Wolken befahl, nach links zu ziehen, diese aber nach rechts hin zogen, woraufhin er, verärgert, ihnen befahl, nach rechts zu schwimmen – und sie das auch taten (wie schon vor seinem Befehl), und wie er nun jauchzte über seine vermeintliche Macht: so ist es mit unserem ganzen unseligen, überspitzten Menschengeschlecht: Wenn wir eine Meinung haben, die dem Gang der Natur entspricht, so meinen wir, sie hätte sich nach uns gerichtet.
Welches Wahngeschlecht!

 

 

Der Wind wehte ums Haus. Ich sagte so zu mir: Was ist Dir denn noch fremd? Hast Du nicht alles schon empfunden, was es zu empfinden gibt? Was sollst Du denn noch hier? Wird denn Dein Dasein nicht zwecklos? Denn nur die Jahre sind voller Freude, die Dir dauernd neues Leben geben, Weben und Wechseln, die sich in Dir neu einzeichnen – sollte ich so am Ende sein? Alles bekannt?
Doch – was kenn‘ ich denn? Und wie ich etwas nennen will, da flieht‘s mir von den Lippen hinweg in Dunkelheit und Nacht – und ich sehe nichts als dunkles Wogen, Wälzen, Schlingen.....

 

 

Wenn die Menschen immer gleich an das Wesentliche dächten – wir kennten keinen Streit und Hader in der Welt.

 

 

Du denkst immer, Du müßtest hinaus, hinaus, hinaus in Fernen – und die Menschen fliehen oder von Dir stoßen!
Nein – Du mußt Mensch sein, das ist alles.

 

 

Spruch

Freiheit herrsche hier auf Erden,
Fortschritt bahnt sich selber an –
Keiner soll getragen werden,
wenn er selber laufen kann.

 

 

Mir sagte jemand: Ein Zeitgenosse könne sich heute in der Literatur schlecht durchsetzen.

 

 

Dieses Wort brennt in mir, und ich habe einen aufbegehrenden, auflehnenden Trotz gegen diese wahrscheinliche Wahrheit. Und dann denke ich: Was suchst Du nach Gegenargumenten? Dein Werk -solltest Du eines hervorbringen können- soll sich nicht auf bloße Gaukelei stützen, das Gebäude soll nicht schwimmen auf brüchigen Pfeilern. Ich will leben! Ich will ringen um ein menschliches, dem Menschen würdiges Leben! Das vermag ich und das ist mein Ziel. Und alles das kann ich aufzeichnen – und um mehr sorg‘ ich mich nicht.

 

 

Immer schenken, schenken, schenken,
niemals selbst sich dabei denken –
Eigengier, sie sei ein Fluch !
Edel ist dieses Berauschen –
Mensch, nie konnt‘st Du Höh‘res tauschen:
Nie warst Du Dir mehr genug !

 

 

Endlich findet man in jeder Dichtung ein Quentchen Wahrheit, man fühle nur recht hin.
Den Unterschied macht nur die Menge der vorhandenen Wahrheit. Man kann deshalb auch keineswegs eine Dichtung verdammen nur, weil in ihr ein anderes Mosaiksteinchen glänzt als in einer anderen.

 

 

Es dürfte letztlich nur eine Tendenz geben – die zum Guten. Vor ihr muß aller Kleinkram erblassen.

 

 

Den Berg muß ich erklimmen – und ich will! Aber wie: zügig aufwärts, konzentrierte Kraft, den Blick empor, mir bewußt, daß ich klimme, daß der Gipfel oben – oder: bedächtig, fast entspannt, mit dem Blick am Boden, denn dann merkt man die Steigung nicht – wie beim Träumen die Tage?
Aber hoch muß ich, empor will ich!

 

 

Überkommenes.

Der Du Dich anstrebst, Mensch:
halte Dich recht!
Sieh: denn ohne die offenen Körper und Geist
kommst Du niemals dort an!
Unmerklich fast
und kaum erfühlbar
liegen die Grenzen,
und hast Du hier ein
ersehntes Feld
erreicht –
gleich ist das nächste da,
betrittst Du es,
stehst Du in anderem Licht.
Klarheit gibt es nur
einmal –
aber wie ungezählt,
bis ins Unwahrscheinliche,
liegen die Stufen dorthin.
Alles siehst Du auf Dich,
und entleiben kannst Du Dich nicht:
so bestimmt‘s das Gesetz!
Aber sei
des Hinschauens wert und Erlebens,
diene mit Dir
für die andern und für Dich selbst.
Darum schrecke auch nicht,
Wagender –
sicher gelangst Du ans Ziel,
bist Du in allem
nur
gut.

 

 

Versuch über die Stille.

Die Stille singt!
Gibt es denn das?
Nein, Freund, laß Dich so fragen:
Gibt‘s eine Stille?
oder: was ist sie?

Ist Stille nicht,
was zur Gewohnheit wurde?

Ein Wasser geht,
es säuseln Bäume
in silberner Nacht.
Lehnst Du im Fenster da nicht
und lösest Dich in die Stille?

Es ist nie still, Freund:
entweder hören Deine Sinne nicht mehr,
was jederzeit hörbar ist –
hör‘n sie es aber,
ist‘s Dir eine Wohltat,
doch still ist es nie.

Denn wieviel tausend und Millionen Wesen
umgeben Dich,
und alles klingt zusammen,
denn : kein Bruch ist da,
weil alles fließet, hart und weich,
in einem Strom der Harmonie :
alle Stimmen wachsen aus dem Gleichen
in solchen Augenblicken des off‘nen Ohrs:
in allen webt der große Gang, das Sein –
o hättet Ihr doch alle Ohren und Nerven,
um in solchen Augenblicken
zu hören und zu fühl'n:
in allem ist Ein Wesen,
das Viele ist ein großes Ganzes !

O Menschen, fühltet Ihr‘s doch –
ich müßt nicht trauern über Euch
und um Euch.
Hört – die Stille singt !
O sänge sie Euch allen nur vernehmlich
das Lied von Sein und Welt,
vom Ganzen –
nie war‘t Ihr beßre Menschen !

 


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